Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 3 (1.3.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ten saß, kommt die Frau totbleich, an allen Gliedern zitternd die Stiege herunter und stammelt, und ihre Kehle ist vor Entsetzen heiser: „Sallemon... droben auf dem Boden, Gott soll schützen_oben hinten im Winkel... sitzt ein Nackter... ein Mann ...!“ Wie im Traum greift Salomon nach dem zinnernen Lämpchen, steht auf und wankt und leuchtet durch den schmalen Gang, die enge Stiege hinauf und unter das Dach. Und sieht: im hintersten Winkel zwischen Schindeln, Gebälk und allerhand Gerümpel hockt ein kleiner, ausgemergelter Mensch, der streckt ihm die knochendürren Arme entgegen und fleht, seine Stimme klappert hohl wie die Klappern der Aussätzigen: „Gieb, gieb; mich hungert, gieb mir zu essen, gieb!“ Die guten Leute — was sollen sie machen? — teilen ihr kärgliches Abendbrot mit dem ungebetenen Gast. Auch einen Becher Landwein aus ihrer letzten Flasche stellen sie ihm hin. Der Hungerleider schlingt und schlürft und spricht kein Wort des Dankes. „Nun aber geh!“ sagt der Kantor, als Schüssel und Becher leer sind. „Ich kann dich nicht länger beherbergen, ich habe selbst nichts. Geh zum reichen Menachem am Markt! Der hält große Tafel, hat viele Gäste, der spürt es gar nicht.“ „Wie soll ich in das Haus des Reichen kommen?“ tünt es aus dem Dunkel. „Siehst du nicht, daß ich nackend bin? Gib mir einen Rock, gib mir Hosen, gieb, gieb!“ Der arme Jude besaß nur, was er auf dem Leibe trug. Was sollte er tun? Er holte die einzige Ziege, die seine und Rachels Ernährerin war, aus dem Stall, stapfte damit in der Dunkelheit zum Trödler Seligmann, handelte alles Notwendige ein, auch ein Hemd und kräftige Schuhe, begab sich; wieder nach Hause, auf den Boden und legte die stattliche 1 Tracht vor den dürren Fremdling. . „Zieh dich an und zieh mit Gott!“ Dann ging er zurück in seine niedrige Stube und las weiter und lernte in dem schwarzen hebräischen Buche. Es wurde immer später, aber noch rührte sich nichts auf der Treppe, an der Haustür. Was war das für ein Hartnäckiger, der alle Gepflogenheiten der Gastfreundschaft so gröblich mißbrauchte!? Vom Turm der Laurentiuskirche schlug es Mitternacht, als ein trostlos quälendes Gefühl den Juden aufscheuchte. Ihm war, als drückten ihm die schwarzen Balken der Decke auf Hirn und Rücken und Magen, als schwankten die Wände. Er stand auf, nahm das schwarze Buch unter den Arm, die Ölfunzel in die Hand und stieg abermals zum Boden hinauf. Da prallt er zurück, hängt wie entseelt, rücklings über dem Stiegengeländer: der Fremde — ist riesengroß und füllt den ganzen Bodenraum, breit wie ein Nilpferd. Der gute Rock, den Salomon gekauft, hängt in allen Nähten geplatzt um tierische Schultern und Lenden, und aus den viel zu kurzen Ärmeln greifen grauenhaft gierige Hände: „Gieb! Gieb! Gieb!“ „Wer bist du...?“ stößt Salomon aus in Todesangst. „Gieb, gieb!“ pfeift das Rüsselmaul unter grausig glotzenden Augen. „Ich bin der Dalles. Dummer du, kennst du mich nicht? Du wirst mich kennen lernen! Wo einmal der Dalies einkehrt, bringt ihn keiner heraus; je mehr du dich mühst, je mehr du ihm gibst, um so gewaltiger wird er. Gieb! Gieb!!“ — Rachel hat ihren Mann bei der Hand gefaßt, ihn aus dem Hause gezogen, auf die Gasse. Sie fliehen. Sie fliehen vor dem Dalles. Salomons blutleere Finger umkrampfen das schwarze hebräische Buch. All seine andere Habe hat der Dalles, er hat das ganze Haus. Bald hat er auch die Ziege beim Trödler Seligmann und Seligmanns Geschäft und drüben die Hütte der kranken Frau Nachmann. Immer größer wird der Dalluth, schon nimmt er die Gasse ein, vom einen bis zum andern Ende. Seligmann sitzt im Schuldturm, die Nachmann stirbt. Eines Tages sitzt der Dalles im Weinkeller des reichen Menachem am Markt. Nun hat er die ganze Gemeinde. — Salomon aber und Rachel sind weiter gewandert, immer weiter gen Sonnenuntergang. In den Furten der Loire und der Dordogne sind ihre Spuren verschwunden... Auch der Dalluth verlor ihre Spur. Aber das schwarze hebräische Buch hat sie bewahrt. Vor einigen Jahren fand ich es in New York City, in der 91. Straße. Dort wohnt neben anderen jüdischen Familien auch eine mit Namen Wiesenfeld. Ihre Vorfahren sind mit dem Ritter La Salle im siebzehnten Jahrhundert über den großen Teich in die neue Welt gekommen. Sally und 'Clara Wiesenfeld mit ihren Kindern Marc, Irving und Janet und ihren Enkelkindern Harold, Jack und Frances Wiesenfeld hüten mit scheuer Ehrfurcht das schwarze Buch, das die Ahnen über das Meer geleitete: das heilige Fünfbuch. Kein Dalluth mehr. Das Buch ist ihr Talismann. 17. 3. 1886-17. 8. 1986 In memoriam Leopold Zunz zum 50. Todestage des Mitbegründers der Wissenschaft des Judentums Die vierundzwanzig Bücher der HEILIGEN SCHRIFT nach dem masoretiseben Texte ln einem Bande ln der Immer noch klassischen Obersetzung von Dr. Zunz H. Arnheim, Dr. Julius Fürst, Dr. M. Sachs Vollständiger Neusatz. Ausmerzung der veralteten Rechtschreibung. Klare, übersichtliche Anordnung. Schwarzer Leinen-Einband mit Goldschrift. Volkstümlicher Preis nur RM 4.80 Zn beziehen durch jede jüdische Buchhandlung oder direkt vom Leo Alterthum Verlag, Bin.- Charlbg., Kastanienallee 17 Palästinafahrt 15. April bislO.Moll936 ohn« DevisensonderBenehsiiflvng Mindestpreis ob u. bis München: RM 465.- •inschL Fahrt, VerpWegean, asw. Ausführliche Programme: ümflklies Ifattotisoes MscHn CIT Berlin WS, Unter San Lieden SO femspredieri AI Ji|e S217/18 Inländische u. ausländische EHE-ARRANGEMENTS sntiN W 15 Kaisern!tee22 J2 Oliva 0805 k (ffliitl? dir«Har &«zug von MIUI-Iillcc iniriitiTil ■i hnsam •** ntefchUt hil Carl Max Josephs ™ Bremen M.G. 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