Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021687--299-3981039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
men, sich nicht dem jüdischen Getriebe dort anpassen sollen?“ „Anpassen sollen sie sich schon. Aber zwischen Anpassung und Selbstaufgabe ist ein weiter Unterschied. Und nur zu leicht fallen die Menschen in dieses Extrem. Das sind die Leute, die einem auf die Nerven fallen. Das sind die Oberflächlichen, denen Berlin nur gefehlt hat,, damit sie noch oberflächlicher werden. Gegen die ist euer Mißtrauen berechtigt.“ „Also man kann Berliner Jude von heute auf morgen nicht werden —?“ wiederholt fragend Paul. „Nein, man kann das nicht. Da sieh dir doch nur diejenigen an, die wirklich Berliner Juden sind seit Generationen. Ich finde immer, daß die Mehrzahl dieser Menschen einen Stil, einen Lebenszuschnitt hat, im Gegenteil zu den anderen, die keine Tradition haben und auch gar keine haben wollen.“ „Aber wer ist denn schon Berliner Jude in diesem Sinne —? „Eine gtmze Masse, Paul. Man sieht bloß nicht immer vor lauter Juden in Berlin den Berliner Juden. Man steht in der Synagoge neben einem und weiß es nicht. Oder sitzt in einer Versammlung neben einem und ahnt es nicht.“ Und in; diesem Augenblicke, wo ich hier so verloren, so weit vori Berlin entfernt, lebe, vor dem lauten Lärm des Tages in die Einsamkeit geflohen bin, in diesem Augenblicke seh ich all das, was ich da sage, vor mir: die Menschen Kopf an Kopf in den Synagogen, in den Versammlungen, in den Bezirken des Theaters und des Spiels, überall dort, wo sie sind; immer viele, immer so, daß der einzelne namenlos untertaucht in der Masse. Masse —: das ist es, was ist. Gemeinde —: das ist es, was sein soll. Wfe kann aus Masse Gemeinde werden —? Wie kann aus Masse Gemeinschaft werden —? Wir fragen das jeden Tag. Und jeder Tag zeigt uns, daß hier das Problem unserer Gegenwart liegt, ihr Verborgenes und doch Offenes, ihr Wichtiges und Wesentliches. Es ist nicht zu übersehen. Nicht nur in Berlin, im ganzen Judentum in Deutschland nicht. Die Zeit hat zu vieles getan, um es offenbar werden zu lassen. Worte können es nicht beschwichtigen, nicht mehr zurückdrängen und verschwinden lassen. Worte sind auch hier nicht alles. Sie sind nur Ersatz. Surrogat. Worte sagen nichts für diejenigen, die in der vollen Wirklichkeit der Bewährung stehen, wie hier Paul neben mir. Wer sehen kann, der sieht mehr, als ihm Worte sagen können. Denn für uns geht es um mehr als um die Dinge des Tages. „Für uns geht es um die Vorstellung vom Leben überhaupt. Menschen in Kriegszeiten sind ja geneigt, an ein absolutes Ende und einen absoluten Anfang, an einen Riß durch alles hindurch zu glaul>en. Ich weiß, Paul: so ist das Leben! Aber Paul schweigt. Wer weiß, woran er denkt. Jedoch: Was kann es schon sein —? Heute ist es ja immer so: unser Denken kreist um das eine Einzige. Wir versenken uns darin und schauen nicht mehr um uns. „Was haben wir von diesem Herbst und seinen Schönheiten gehabt, Paul —? Was vom Sommer, was vom ganzen Jahre? War es nicht wenig genug —?“ „Wenig igenug,“ antwortete er wie aus einem Traum. „Wenig genüg . . .“ Und ich! schaue noch einmal um mich wie mit neuen Augen. Ich kann mich nicht satt sehen. Der Zauber des Waldes, seine Farben und Tönungen, sein Reichtum an Glück und Wohligkeit strömt auf mich zu. Die Welt. lacht um mich mit der ganzen Gewißheit, daß sie keine Bitternisse kennt. Sie spottet aller Enttäuschungen. Da ist vieles fern. Die Worte von vorhin sind vergessen. Berlin ist vergessen, auch die große Frage, ob wir es nicht verlernen werden, Natur zu sehen. Nur das, was um mich ist* besteht. Ich sehe es ohne einen verbindenden Gedanken, an sich und für sich sehe ich es. Es ist alles fast unwirklich. Nur mein Herz lebt. Und das Ewige reicht: mir seine Hände. Chronik des jüdischen Lebens Wenn diese Blätter in die Hände unserer Leser gelangen, werden wir die Schwelle des neuen bürgerlichen Jahres schon überschritten haben. Das vergangene Jahr war schwer, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß das begonnene Jahr noch schwerer sein wird — schwerer und doch auch leichter. Denn während wir in der vergangenen Zeit gegenüber allen Schicksalsschlägen, die uns trafen, nichts einzusetzen hatten als den Glauben — freilich den auf das immer gleichmäßig sich wiederholende Gesetz in der Geschichte Israels sich gründenden Glauben —, dürfen wir hoffen, daß das Jahr 1936 uns nun auch konkret zeigen wird, wohin die jetzt noch so undurchsichtige Entwicklung uns führt. „Gott kann uns auch auf Wegen helfen, die wir nicht wünschen“, dies tief religiöse und doch durchaus real gedachte Wort aus dem auch an anderer Stelle dieses Blattes erwähnten Buche von Ignaz Maybaum kann uns leiten; im neuen Jahre wird der Weg noch schwieriger werden, aber wir werden doch auch das Ziel schauen, dahin er führt — und das macht ihn leichter! Unter diesem Gesichtspunkt haben wir all die Dinge zu betrachten, die jetzt in unser bisheriges Leben eingreifen. Die vergangenen Wochen haben uns Juden in Deutschland noch nicht die angekündigten Gesetze über etwaige Einschränkungen der Tätigkeit von Juden im Wirtschaftsleben gebracht. Aber der Verkauf jüdischer Geschäfte geht weiter und mit dieser Bewegung ein Ansteigen der jüdischen Frwerbslosenziffern bei gleichzeitiger Schwächung des Steueraufkommens unserer Gemeinden und sozialen Einrichtungen. Auch das neue Aerztegesetz und die Bestimmungen über die Rechtsberater greifen tief in die Lebensverhältnisse zahlreicher jüdischer Familien ein und treiben damit die Entwicklung weiter, die uns Juden nach dem Willen des Lenkers der Geschichte bestimmt ist und von der wir überzeugt sind, daß sie eine Aufwärtsentwicklung sein wird. Deshalb verfolgt die jüdische Oeffentlichkeit auch mit besonderer Aufmerksamkeit alle Vorgänge, die sich auf die organisierte Auswandererhilfe beziehen, und es ist zu begrüßen, daß das vom Völkerbund eingerichtete Oberkommissariat für Auswandererfürsorge auch nach dem Rücktritt des Oberkommissars James G. Macdonald bestehen bleibt, bis der Völkerbundsrat selbst neue Entscheidungen trifft, was noch im Laufe des Januar zu erwarten ist. — Aus dem kulturellen Leben der Juden in Deutschland ist zu berichten, daß Reichskulturwalter Hinkel, der mit der Ueberwachung der kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet Beauftragte, im Einvernehmen mit dem Geheimen Staatspolizeiamt den Direktor Georg Kareski, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zum verantwortlichen Leiter des Reichsverbandes der jüdischen Kulturbünde bestimmt hat. Dem Indendanten Dr. Kurt Singer, der im Vorstand des Reichsverbandes verbleibt, wurden Leitung und Durchführung der künstlerischen Veranstaltungen im Rahmen dieser Organisation übertragen. — Richten wir unsern Blick auf das Leben der Juden im Ausland, so ist zu sagen, daß in der Tschechoslowakei durch die Wahl Dr. Beneschs zum Staatspräsidenten der bisherige, unter der ehrwürdigen Gestalt Masaryks innegehaltene Kurs in der Judenfrage auch für die Zukunft gesichert ist. — In Polen ist der vergangene Monat für unsere Glaubensgenossen eine Zeit höchster Aufregungen gewesen; in mehreren Teilen des Landes hat es — an Universitäten und auch in den Ortschaften — Unruhen gegeben, und es waren sogar Tote und Verletzte zu beklagen. Auch aus Rumänien und aus Ungarn kamen Nachrichten über ein Umsichgreifen judengegnerischer Bewegungen. Andrerseits sind die Behörden in allen diesen Ländern gegen die Vorgänge eingeschritten und haben den jüdischen oder anderen Stellen, die dieserhalb interpellierten, beruhigende Erklärungen abgegeben. Auch fehlt es nicht an aktiven Maßnahmen der Regierungen dieser Länder. Gemeint sind hier keineswegs nur Maßnahmen gegen Unruhestifter, sondern auch solche, die auf ganz anderen Gebieten liegen, wie z. B. in Polen die Verordnung des 9 Uhr-Ladenschlusses an Sonnabenden, wodurch für die jüdischen Geschäfte, die 8