Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sind. Wir glauben, daß für den Erfolg solcher Aktion die Art der Darstellung nnd die Intensität des für den Schützling bewiesenen Interesses ausschlaggebend ist. Wir versuchen geradezu, den Gläubiger an unserm Interesse zu beteiligen. Andererseits glauben wir, daß für unsere Erfolge auch die Erfahrtang maßgebend ist, welche die uns nahestehende Geschäftswelt mit solchen Interventionen der Hilfskasse gemacht hat, nämlich die, daß wir unsere Hand nicht für faule Sachen bingeben, sodaß auch die Gläubiger zu der Ansicht gelangt sind, daß wir auch ihre Interessen weitgehendst wahren. — In mehreren Fällen, in denen eine Hingabe von Geld durch uns untunlich erschien, gelang es unserer Intervention, unsern Petenten Warenkredite bei Lieferanten zu verschaffen, ohne, daß eine Bürgschaft erforderlich wurde. In einem andern Falle, wo der Kapitalbedarf die uns gezogenen Grenzen überschritt, haben wir uns selbst mit unserem Namen in einer Anzeige im Breslauer Gemeindeblatt an die Oeffentlichkeit gewendet, um das Kapital zu beschaffen. Aber nach einer Weile setzte ich leise und traurig hinzu: „Das Leben ist doch immer da am schönsten, wo es ans Abschiednehmen geht, wie hier vom Sommer — wenn man weiß,, der Frühling kommt wieder und die Sonne wird wieder scheinen.“ „Hm," machte Paul verträumt und so ganz verloren: „... wenn man weiß, der Frühling kommt wieder_“ Ich merke ihm an, welch einen Nachhall diese Worte in ihm wecken, wie sie ihn packen, wie sie an ihm heramzerren. So faucht der Wind hier im Herbst in die trockenen Blätter hinein, wirbelt sie auf, läßt sie fallen, um dann das Spiel von neuem zu beginnen. Das Alte ist es und doch immer wieder ein Neues. Wir gingen schweigend. Unser Schritt raschelte in dem welken Laub. Aber in uns war kein Gleichklang. Ich spürte, wie es in ihm aufstieg wie aus einer tiefen, eben angebohrten Bitternis: Bei uns in Breslau macht sich die Tatsache glücklich bemerkbar, daß die Hilfskasse mit der-allgemeinen Beratungsstelle der Synagogengemeinde in Real- und Personalunion steht. Hierdurch ist es uns möglich, solche Fälle, die wir mangels Sicherheit nicht durch die Hilfskasse betreuen können, kurzerhand auf das allgemeine Hilfswerk zu übernehmen und ohne Zeitverlust in derselben Sitzung des oben erwähnten Fünferausschusses behandeln zu lassen. In sehr zahlreichen Fällen hat sich dann bei dieser Behandlung die Hergabe eines sogenannten ungesicherten Wirtschaftshilfskredites ermöglichen lassen. Wiederholt sind in solchen Fällen statt barer Zuwendungen Sachleistungen erfolgt, für die Sicherheiten nicht geleistet zu werden brauchten. So haben wir für die bei uns stark vertretene Gruppe der Reisevertreter häufig dadurch produktive Hilfe leisten können, daß wir aus den erwähnten Mitteln Monatsnetzkarten zur Verfügung gestellt hatten, die eine Fortsetzung der Reisetätigkeit ermöglicht hatten. Wir dürfen wohl sagen, daß wir uns vom Beginn unserer Tätigkeit an der großen Verantwortung bewußt waren, die auf unserer Arbeit lastet. Hängt doch von unserem Votum oft genug die Existenz des Einzelnen ab. Auf der andern Seite mußten wir uns immer bewußt bleiben, daß wir nur Treuhänder der Jüdischen Allgemeinheit sein durften. Wir wissen nicht nur, daß die Zentralstellen in Berlin, welche uns die Mittel zur Verfügung stellen, den Anspruch haben, über die Verwendung der durch sie beschafften Mittel Aufschluß zu erhalten, sondern darüber hinaus haben wir in immer steigendem Maße in der Fertigung der monatlichen statistischen Nachweisungen mit dem Gefühl, das jeder gut arbeitende Kaufmann empfindet, wenn er die Bilanz zieht, eine Rechtfertigung und ein wertvolles psychologisches Fundament für unsere Arbeit gefunden. Ein Blick von draußen Von Arno Herzberg. Es waren die Tage, als der Herbst seine bunten Farben über das Land zog, das Purpurblau und das Rot und das fast goldene Gelb. Die letzten warmen Strahlen der Sonne streuten den Frieden und die Milde über die Felder. In ihrem Odem fühlten wir uns noch einmal geborgen. Wir atmeten tief die erdschollene Luft, die um uns war, und sahen in die Weite hinaus. An der Straße, über die wir schritten, fielen die welken Blätter mit einer tapsigen Gelassenheit von den Bäumen. Es gab nichts mehr, was dieses Sterben aufhalten konnte. Und wie immer zu einer solchen Stunde kam ein herbes Fragen in uns auf. Nichts Seltenes ist das für uns heute. Aber jetzt wollten wir es dochoggr nicht in uns haben. Nur nicht daran denken ... „Ach laß das,“ sagte ich zu Paul, als er. davon anfing. „Was wollen wir denn jetzt daran rühren I" „Ja, d u kommst aus Berlin. Ihr lebt ja dort so anders als wir hier in der kleinen Stadt. Und du bist eigentlich auch ein richtiger Berliner Jude geworden.“ Es klingt wie ein Vorwurf, als er es sagt. Und doch ist es unberechtigt. „Paul, ein Berliner Jude wird man nicht von heute auf morgen. Selbst wenn man noch so viele Jahre drinnen ist, fühlt man einen Unterschied. Ich bin immer noch fremd in dem ganzen Getriebe, wenn ich offen sein soll. Ich will auch gar nicht heimisch werden. Ich will das bleiben, was.ich gewesen bin: einer von euch.“ Er sieht mich groß an mit seinem fragenden Blick. „Ja, Paul, es ist so,“ bekräftige ich. „Ich sehne mich so oft nach diesen stillen Stunden hier, nach diesen weiten Wegen und diesen tiefen Wäldern. Und ich fliehe immer wieder, in dies Leben zurück, zu euch, zu den Menschen hien, um das alles nicht zu lange zu entbehren und um wieder aufs neue aus ihm Kraft zu schöpfen.“ „Ja, aber du bist doch in Berlin,“ antwortete er. „Zahlst doch deine Steuern bei der Gemeinde, lebst dort mit deinen Freunden und nimmst am jüdischen Leben dort teil. Das genügt doch, um Berliner Jude zu werden.“ „Nein, Paul, das genügt nicht. Das macht alles nichts. Man wird Berliner Jude nicht, indem man das alles tut und noch viel mehr. Dazu gehört eben noch mehr. Dazu gehört eine Tradition, die man in sich spürt, und von der man weiß. Und die hat man nicht von heute auf morgen, auch nicht in einer Generation.“ „Aber die Menschen ändern sich doch so, wenn sie nach Berlin kommen,“ wirft Paul ein. Sie ändern sich nicht so sehr, wie sie es sich einbilden. Diejenigen, die den Ataschein erwecken wollen, als hätten sie plötzlich die Weisheit mit Löffeln gegessen, sind nicht die richtigen Beispiele. Das sind nicht die echten Menschen. Oder sind diejenigen echt, die so bald vergessen^ woher sie gekommen sind —? Ich weiß aber,“ setzte ich hinzu, „bei euch spukt immer noch der Lehrling herum, der aus der kleinen Stadt auszog, und als angehender Kommerzienrat nach einem halben Jahre auf Besuch in die Heimat kam.“ Der Weg führte bergan durch den düsteren Wald. Die Nässe in ihm hat die gefallenen Blätter mit dem Boden zu einem glitschigen Brei vennischt. Man kann leicht fallen, ausgleiten — wie die Menschen auch sonst im Leben. Und was man mischt und mengt, und was doch nicht bestimmungsgemäß zusammengehört, das gibt auch nichts Gescheites. Paul fängt wieder an. Es läßt ihm keine Ruhe: „Willst du denn, daß die Menschen, die nach Berlin koui-' 7