Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 6 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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mitten in den Kreis der Lieben zurückversetzt mit dem ganzen Überschwang der Gefühle, die es je in Sich getragen hat; so ergeht es dem Juden in den furchtgebietenden Tagen von Rausch-Haschonoh bis Jaum Kippur, am Geburtstag der Welt, dem J a u m H a d i n , in den 10 Tagen der Prüfung und der ernsten Tschuwoh und an dem Tage der milden, weichen Versöhnung. Es sind die Tage jüdischen Heimwehs, da selbst dem Juden der Entfremdung, dem weltverlorenen, das Herz wieder pocht und die Seele auf schreit zum lebendigen Gotte. Da klingt in ihm unwiderstehlich Jirmijas Wort: „Denkt aus der Feme des Ewigen und Jerusalem steige wieder auf in euren Herzen!“ In diesen Tagen gibt es keinen Juden, dem wirklich Gott fern wäre. Da flutet und wallt es in ihm auf aus der geheimen Strömung der tiefsten seelischen Quellen, die Gott in ihn versenkt, die immer wieder, sein ganzes inneres Sein wässernd und befruchtend, hochspringen und ihn an sein letztes Selbst gemahnen. In diesen Tagen sollen wir alle Gottsucher werden, müssen uns redlich und wahrhaft Rechenschaft legen, mit uns selbst ins Klare kommen und den Weckruf des Schofar zu einem Gottesruf machen, der uns zum messianischen Menschen weiht, zu Kindern der Erlösungshoffnung und Erlösungsgewißheit. Suchet Gott, wenn Er jedem nah ist! Wann ist das? Am Rausch-Haschonoh und Jaum Kippur, den Tagen der Heimkehr. Von einem der Größten der jüngsten Vergangenheit, von Franz Rosenzweig, wird erzählt, daß er in seiner Jugend ohne jede Erinnerung an Gottesdienst und Gottesanbetung, ohne die Kenntnis unserer heiligen Sprache und Geschichte, ohne alle religiöse Anregung aufgewachsen war. Einmal forderte ihn von ungefähr ein alter Onkel am Versöhnungstage auf, in der Neilahstunde mit in die Synagoge zu gehen. Da sah der . aufgeweckte Knabe Menschen in ein fremdartiges Gewand gehüllt, in ungekannter Sprache beten, eine nie gesehene andächtige Verzückung auf den Gesichtern, in brausendem Chore die Schernaus, das Gottesbekenntnis, mit der ganzen Inbrunst und Gewalt der Jaum Kippur-Abschiedsstunde sprechend. Ein seltsames Gefühl überkommt ihn. Ihm war etwas begegnet, was seiner aufgeschlossenen Seele neu, eine Entdeckung war. Und später hat er es bekannt. Was war ihm hier zuteil geworden? Gott war ihib begegnet. Er hatte sich finden lassen dem, der nicht nach Ihm gesucht, Er hatte zu ihm gesprochen: hier bin Ich, hier bin Ich! Er hatte sich zum ersten Male diesem Knaben offenbart, der nachher das Echo dieser Stunde so einzigartig und gedankenmächtig der Welt verkünden sollte. Wir alle aber sind solche Kinder wie Franz Rosenzweig. Wenn uns am Rausch-Haschonoh und am Jaum Kippur wieder der Sterbekittel, das Gewand der Unschuld, und der Tallis, das Kleid der Gottesschau, umhüllen, wenn die neu-alten Melodien und Laute wieder an unser Ohr dringen, wenn die ganze Last der Alltäglichkeit, der glaubenslosen Schalheit und Nüchternheit unseres Tun und Lassens wieder von uns abfällt, da überkommt uns das ernst-süße Schauergefühl der Unendlichkeit. Es begegnet uns etwas, was wir als stilles Verlangen schon längst in uns tragen: die Schechina kommt uns entgegen. Gottes Herrlichkeit ist uns nah, richtet unser Tun und reinigt unsere Seele. Hier im Hause des Gebets, in den geweihten Räumen der Synagoge, und nur hier geschieht uns das Wunder, daß Gott sich uns finden läßt. Immer ist und bleibt diese Stätte der Zauberborn der Verjüngung, die Brücke und das Seil, die uns mit dem Himmel verbinden. Suchet Gott am Tage des Heimwehs, wo Er euch nah ist, suchet Ihn im Gotteshause, wo Er sich finden läßt. Sucht Ihn in Gebet und Thoravorlesung, im Miterleben der großen Taten unserer Stammväter, in der elementaren, schlichten, aber ergreifenden Symbolik des Schofarrufes, der uns die Gewißheit unserer messianischen Volks- und Menschheitszukunft ins Herz flößt. Und diese Stunde soJJ die Weckerin und Anregerin sein, zu fragen und zu forschen und zu suchen nach dem, der uns hier begegnet ist, der uns dieses Erleben der Gotteskindschaft wieder neu geschenkt, sodaß wir aus gottfernen Weltkindern zu echten Bürgern der ewigen jüdischen Heimat werden. Dann wird auch zu uns mit warmem linden Wehen der Versöhnungstag kommen und zu unseren kranken Herzen heilend sprechen: „Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen!“ Zum Versöhnungstag * Von Rabbiner Dr. Max Dienemann (Offenbach a/M.) Wenn am Abend, mit dem der Versöhnungstag anhebt, die betende Gemeinde versammelt und die ergreifende, von den Erinnerungen der Jahrhunderte durchtränkte Melodie des Eingangs verklungen ist, beginnt der Gottesdienst mit der Rezitierung eines Bibelverses. Feierlich, gleichsam um seiner entscheidenden Bedeutung Nachdruck zu verleihen, sprechen * Vorbeter und Gemeinde abwechselnd den Vers (4 B. M. 15/26): „Vergeben sei der ganzen Gemeinde Israel und dem Gast, der in ihrer Gemeinde gastet, denn bei allem Volk» geschah es aus Irrtum.“ Hat es nicht ein Befremdliches, mit diesem Bibelwort den großen Tag der Buße und Reinigung zu beginnen? Heißt das nicht von vornherein die Energie der Selbstprüfung, der Gewissenserforschung, der Läuterung mindern? Man würde erwarten, daß der Tag mit dem offenen und starken Bekenntnis der eigenen Schuld und Sündhaftigkeit einsetzen müßte als Ausdruck des Willens zur unbedingten Wahrhaftigkeit, und statt dessen ein solch abschwächender, entschuldigender, scheinbar dem Ernst der Entscheidung ausweichender Ton! Das ist gewollt, das hat eine bestimmte Bedeutung. Am Eingang jenes Tages der Versöhnung, des Tages der seelischen Entscheidung, erhebt sich immer wieder neu die Frage: ist Sünde die einzelne Tat, die Abirrung von dem rechten Wege, ein also nicß^ in der Natur des Menschen notwendig Begründetes, oder ist Sünde ein Zustand der Verderbtheit, ein notwendig begründetes Gebrochensein menschlicher Natur, ein Unentrinnbares? Die jüdische Lehre betrachtet, ohn$ den Ernst und das Schwergewicht der einzelnen Verfehlung im Geringsten zu leugnen, den Menschen nicht als notwendig der Sünde verfallen, sie kennt nicht die Sünde als ein widergöttliches mit Eigenmacht versehenes Reich, dem diese Welt ausgeliefert sei, ihr ist Sünde jedesmal ein Versagen, ein Nichtgenügen, ein Abirren. Die Tat, für die Versöhnung 4