Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 6 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Rausch-Haschonoh und Jaum Kippur, die Tage jüdischen Heimwehs von Oberrabbiner Dr. Josef Carlebach, Altona. Suchet Gott, da Er sich finden läßt, rufet Ihn an, wenn Er nah ist! (Jesajas) Wo läßt Gott sich finden? Rabbi Jirmija sagte: in den Synagogen und Bethäusern. Wann ist Er jedem Einzelnen nah? Raw Nachman sagte: in den Tagen von Rausch-Hasch ono bis Jaum Kippur. (Talmud) „Suchet Gott“, mahnt der große Prophet, „wenn Er nah ist“, ehe eure Seele Ihn verloren hat, solange ihr noch im Wort des Gebets und der Lehre den Zugang zum Jenseits finden könnt und freisteigend die Andacht sich emporzuschwingen, von Erdenketten euch loszureißen vermag. Bevor noch eure Synagogen und Herzen leer geworden, müßt ihr nach dem fragen und rufen, der stets der gewisseste und zugleich der ungewisseste Besitz eurer Seele ist, müßt das Dunkel zu durchdringen streben, das den Menschen vom Ewigen trennt. Denn nur so lange habt ihr den inneren Kompaß, die Sehnsucht und das Bedürfnis, die euch befähigen, den Aufstieg ins unbekannte Land, in den Ätherglanz des Himmlischen zu versuchen. Später ist es umsonst. Stumm bleibt dir der Himmel, weil dein Herz kalt geworden; die beseligende Stimme von oben dringt nicht mehr bis an dein weil es verlernt hat, das Unhörbare zu hören. Es ist ein uns von der Thora angedrohtes, erschütterndes Gesetz der Reziprozität, daß wenn sich der Mensch dem Göttlichen verschließt, dann auch „Gott Sein Angesicht vor ihm verbirgt“. Wer mit offenem religiösen Sinn den geheimnisvollen Klängen lauscht, in welchen sich das Göttliche in Natur und Geschichte, in den tiefsten Äußerungen des Menschengeistes und vor allem in den erhabenen Urkunden der Religion, durch das lärmende Geräusch der nüchternen Erdenstimmen hindurch, immer neu offenbart, dem klingt die Musik der Sphären entgegen, dem ist die Welt voll von unsäglichen Wundern, den ergreifenden Erfahrungen des Überirdischen. Sein Auge sieht den Himmel offen, voll ist die Erde Seiner Herrlichkeit. Wo aber der Mensch dieses höchste und feinste Organ der Empfindlichkeit für die Spuren des Jenseitigen in sich vernachlässigt; wo er, statt es zu pflegen und zu schärfen, es brachliegen und verkümmern läßt, da wird aus dem nahen Gott der ferne, verborgene; die sichtbare und greifbare Welt verschrumpft aus einem Tempel Gottes in ein sinn- und zweckloses System ursächlicher Beziehungen, und auch der Mensch hört auf, ein Kind der Freiheit zu sein, in Wahl und Entscheidung das Gesetz des Himmels zu ergreifen und in existenzieller Selbstbestimmung sich seiner Gottebenbildlichkeit und Gotthörigkeit gewiß zu machen. Die Schechina, die sonst seinem Auge unverhüllt in allen Dingen sichtbar war, ist verschwunden. Und dennoch. Auch dem glaubenslosen Menschen wird das Unbeschreibliche Ereignis. „Ich habe Mich finden lassen denen, die Mich nicht gesucht. Ich spreche: hier bin Ich, hier bin Ich! zu einem Volk, das Meinen Namen nicht angerufen.“ Wundersame Wege der Vorsehung, die immer wieder dort anpocht, wo man ihr die Tür verschlossen, die immer wieder in den Blick tritt, ob sie gleich längst nicht mehr vermutet und erwartet wurde. „Ausder F e r n e ist mir Gott erschienen“, so bekennt Israel, das gottentfremdete, aus herber, drückender Galuthnot. Die Sprache des fernen Gottes, mit der Gott zu der glaubenslosen, der schrecklichen Zeit „Hier bin Ich!“ spricht, ist allerdings eine andere als die, mit welcher der nahe Gott denen sich mitteilt, die Ihn anrufen. Sie ist erschütternd, aufwühlend, zermalmend; es ist die Sprache des Gerichts. Gott führt den Menschen bis an die Grenze der Weltorientierung. Er läßt ihn den ganzen Kreis seiner Möglichkeiten, die ein selbstherrlicher Verstand, die Klügheitsrechnung des Lebens ihm geben, bis zum Ende abschreiten, um ihn dann den großen Irrtum in der Rechnung schmerzvoll entdecken zu lassen. Der Bau seines Glücks, den sich der Glaubenslose mit architektonischer Sicherheit und Geschicklichkeit gezimmert hat, zeigt plötzlich irgendwo einen Fehler in der Statik und stürzt über ihm zusammen. An der Pforte des Unendlichen, von der ihm das Ignorabimus, das ewige Rätsel des Lebens entgegenstarrt, versucht der Mansch mit Gewalt zu rütteln, um sie aufzureißen; da reißt die Zugkette, daran er gezerrt, er fällt rücklings nieder und erfährt nun, in seiner Ohnmacht und Schwäche vor den überirdischen Mächten, den Anruf von Oben, die Sprache, die er nicht gekannt, die in seiner Seele bohrt und drängt und die ihn nicht wieder losläßt. Jetzt erwacht in ihm das große Heimweh nach Gott. Dem Juden ist dieses Erleben der Offenbarung Gottes seine geschichtliche Wesenheit. Stärker als in allen Menschen sonst sind in ihm die Spannungen seelischen Geschehens, stürmischer und tragischer ergreift ihn der Anruf des Schicksals. Die Ratio seiner Weltrechnung brach ihm immer schneller zusammen und stellte ihn vor den Abgrund_des Nichts, aus welchem die fremden Töne des Metaphysischen zu ihmheraufdrangen. Schwerer als bei Andren läßt sich ihm die Sehnsucht und die Verbundenheit mit dem Göttlichen aus seiner Gefühlswelt tilgen. Die Unruhe seiner Seele, das Gefühl des Unbefriedigtseins, solange Gott ihm fern war, überwältigen ihn. Kein noch so kühnes Gedankensystem einer glaubenslosen Seinsordnung vermag das leise Beben und Bangen der Seele nach dem Unendlichen in ihm zu bannen. Wie die Bande der Familie in ihm ausgeprägter sind und der liebende Zusammenhang mit Eltern und Ahnen in der dunklen Stimme des Blutes nie zum Schweigen kommt, so ist auch in ihm die Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater, der über die Erde hinausweisende Sinn unauslöschlich. Und mit Donnerschlägen hat es ihm im Ablauf der Jahrhunderte die Stimme des Schicksals immer wieder zum Bewußtsein gebracht: du kannst nicht leben ohne Gott. Wo und wann er es am wenigsten vermutet, überkommt ihn jedesmal, selbst „in der Ferne“, das Heimweh nach Gott. Und wie ein Kind, das, fern vom elterlichen Hause, längst sich der naiven kindlichen Stimmungen und Rücksichten entschlagen hat, an besonderen Tagen, wo es einst feierlich mit den Seinen zu Fest und Freude, zu Ernst und Innigkeit vereint war, Erinnerung und Verlangen jäh aus sich hervorbrechen sieht, wie seine Phantasie es mit einem Mal 3