Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 6 (1.9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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und die Gnade der göttlichen Verzeihung erbeten wird, ist ihr nicht aus der Schlechtigkeit und heillosen Verderbtheit menschlichen Seins entsprungen, sondern sie ist ihr Irrtum, Irrtum über die wahre Pflicht, Irrtum über die Aufgabe, die zu erfüllen wäre, Irrtum über die eigene Kraft und das eigene Können. Der sündige Mensch war nicht schlecht, sondern schwach, befangen in einem irrigen Denken. Und es ist das Ziel des Tages, uns zur rechten Erkenntnis unserer Pflicht und Aufgaben, zum Bewußtsein unserer Kraft und zu einem rechten Wollen zurückzuführen. Eine solche Einstellung bleibt nicht auf den einzelnen Menschen, seine Tat, seine Läuterung beschränkt, sie überträgt sich auf die Gesamtauffassung von der Welt und ihrem Sein. Darauf beruht zu einem großen Teil die alle Wandlungen der Frömmigkeit überdauernde Kraft des Versöhnungstages, daß sich an ihm nicht nur die seelische Wiedergeburt des einzelnen Menschen vollzieht, nicht nur das Heil der Seele im Mittelpunkt steht, sondern daß sich an ihm - eine Befestigung im jüdischen Denken und Fühlen in seiner Totalität vollzieht, daß der Einzelne an ihm neu in das Judentum als lebendige Geistesmacht eigener Art und Prägung hineinwächst. Jene Auffassung von der Sünde läßt den Juden nicht die Welt als ein Reich der Verderbnis, als ein Reich eigener Art, streng geschieden von allem Göttlichen, Überirdischen betrachten, sie ist ihm das Feld, auf dem er die in ihn von Gott gelegte Kraft bewähren kann, auf dem er an seinem Teil an dem Bau des Gottesreiches mitbauen muß. Keinem Gebilde, keiner Ordnung auf ihr kann er darum ein eigenes Gesetz zuerkennen, das nicht mit dem Gesetz der göttlichen Offenbarung in vollem Einklang stünde, eine Einheit umschlingt Göttliches und Weltliches, Überirdisches und Irdisches. „Bei allem Volk geschah es aus Irrtum.“ Es hat ein jeder mit seiner Sünde zu tun und von ihr rein zu werden. Aber es hat auch Israel als Gesamtheit mit seiner Sünde zu tun und von ihr rein zu werden. Grad in diesem Jahre stand vor uns die schwere, beängstigende Aufgabe, mit der eigenen Haltung in einem ganzen Jahrhundert, in einer großen Geschichtsepoche ins Gericht zu gehen. Und nicht nur als eine in sich geschlossene, von einem Gesetz beherrschte, einem Ziel bewegte Einheit ging man ins Gericht mit sich selbst, sondern — zerklüftet, wie wir sind in allerlei Richtungen und Zielsetzungen — ging eine Gruppe mit der anderen ins Gericht und suchte nachträglich in deren Verhalten Schuld an dem, was als Gesamterlebnis über uns kam. Gar kein Zweifel, daß Manches, Vieles falsch getan, falsch gesehen, falsch gewollt war. Aber sollte man nicht das Eingangswort des Versöhnungstages auch als Motto über die Gesamtbetrachtung der Epoche setzen, das Urteil über jede einzelne Zielsetzung von ihm bestimmt sein lassen? Es war in allen Geschlechtern dieser Epoche Irrtum über Macht und Dauer und Festigkeit der Ideen und Ziele, die ein ganzes Jahrhundert gestalteten; es konnte Irrtümer geben, aber es Var nicht Schlechtigkeit oder Wille zur Vernichtung, wenn man sich yrillig und hingebungsvoll dem Geist der Epoche anheimgab; es war Irrtum und nicht Hartherzigkeit, wenn man die Entseelung und Mechanisierung des Lebens nicht gewahrte, Irrtum, wenn man ein Leben der Sicherheit möglich hielt und die Energien nicht mehr sah, die aus Zeiten der Unsicherheit in die Seelen einfließen. Und die miteinander um den wahren Sinn jüdischen Seins streitenden Richtungen müssen einmal die Einsicht und die Kraft gewinnen, von einander nicht anzunehmen, daß böser Wille und Schlechtigkeit, Ehrlosigkeit und Mangel an Würde ihr Wort und ihre Tat bestimmen, sich nicht gegenseitig als Verwüster und Zerstörer zu beschimpfen, sondern zu wissen, daß alle Bestimmtheit der eigenen Überzeugung und alle Sicherheit des eigenen Urteils höchstens das Recht verleihen, den andern als im Irrtum befangen anzusehen. Alle sittliche Tat soll Nachfolge Gottes sein, man hat nur dann ein Recht, vor. Gott hinzutreten und seine Sünde vor ihm als Irrtum zu entschuldigen, wenn man bereit ist, dem, den man als Gegner empfindet — in Wahrheit darf es nur Mitstreitende geben — sein Tun als Irrtum entschuldigend nachzusehen. Judentum und bildende Kunst von Professor Franz Landsberger (Berlin) In diesen Blättern war kürzlich ein Aufruf zur Erhaltung und Pflege jüdischer Kulturdenkmäler zu lesen, der die der Auflösung anheimfallenden Gemeinden dazu anhielt, ihre Kulturdenkmäler zu bergen. Darin war auch von alten Synagogen und bemerkenswerten Kultgeräten die Rede, und ich möchte den Inhalt dieses Aufrufs verstärken, indem ich darauf hinweise, was immer noch nicht genügend bekannt ist: daß das Judentum auf eine Jahrtausende alte künstlerische Tradition zurückblicken darf, die ihm hohe Verpflichtungen auferlegt. Das Wort „Du sollst dir kein Bildnis machen“ hat auf die Aufmerksamkeit, die man der jüdischen Kunst zu schenken pflegt, lange Zeit. einen lähmenden Einfluß geübt. Man scheute sich offenbar, was man an kultischen Bauten oder Gegenständen sah, als Kunst anzusprechen und suggerierte sich die Meinung, das Judentum — wenigstens das Judentum vor der Emanzipation — habe aus seiner geistig-religiösen Einstellung heraus dem Kunstgedanken fremd, ja ablehnend gegenübergestanden. So bedurfte es erst eines gewissen Anstoßes, der übrigens merkwürdigerweise von einem christlichen Forscher, dem Düsseldorfer Direktor Heinrich-Frauberger, ausging, um diese Hemmung zu beseitigen und den Juden die Augen dafür zu öffnen, daß auch sie zu den künstlerisch schaffenden Völkern gehören. Goldzwischenglöser aus den jüdischen Katakomben zu Rom 3. Jahrhundert n. Chr. PT'/' ■- ■ j». Gewiß ist ihr schöpferischer Reichtum nicht mit denen der Griechen, Italiener, Deutschen oder Franzosen zu vergleichen. Aber es steht andererseits doch nicht so, daß das biblische Verbot die Kunst wirklich zum Schweigen gebracht hat. Nein, sie hat sich, wenn auch in gewissen Fesseln, kräftig zu rühren gewußt, und wenn man heute, wo das Interesse an ihr vqU erwacht ist, eines der zahlreichen neu entstandenen Jüdischen Museen durchwandert, 5