Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 8 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Breslaaet Jüdische« OeaietnfteMatt 87 dem, was dort besprochen wurde. Oft kann schon eine offene Aussprache mit einem erfahrenen und verständnisvollen Menschen Schwierigkeitpn beseitigen, die vorher unlösbar schienen. Die Leitung der Jugendberatungsstelle hat Dr. Salo Iuliusburger, Hohenzollernstrahe 37/39, Tel. 864 22. Ihm stehen besondere männliche und weibliche Fachberater zur Verfügung. Schriftliche Anfragen sind gleichfalls an obige Adresse zu richten. Sprechstunde: jeden Dienstag 16—17 Uhr. Wendet euch an diese Beratungsstelle, wenn ihr Rat und Hilfe braucht. Sie bittet »in euer Vertrauen —r in eurem Dienst! Selbstachtung! 1 Seit dem Jahre 1926 bitten wir unsere Gemeindeinitglieder regelmäßig, Synagogenplühe und Grabstellen nicht in den Tageszeitungen anzuibietcn, weil hieran taktvolle Glaubensgenossen mit Recht Anstoß nehmen und Iudenseindliche dies als einen „Handel" bezeichnen. In der Jetztzeit ist es erst recht erforderlich, Zurückhaltung zu üben. Wer Synagogenplühe und Grabstellen anzubieten hat, möge sich daher der hiesigen jüdischen Zeitungen bedienen. (Jüdische Zeitung, Freiburger Straße 23, mid Jüdisches Gemeindeblatt, Th. Schahky, Reue Graupcnstraße 7). Ueberdies übernimmt das Gemeindebüro völlig gebührenfrei die Vermietung von Eigentumsplätzen für das ganze Jahr oder einzelne Festtage. Allerdings ist diese Vetmietung bssi dem übermäßigen Angebot und der recht geringen Nachfrage nach teuren Plätzen recht schwierig, aber diese Schwierigkeiten bestehen natürlich auch bei dem Inserat. Wir hoffen, daß es nur wieder dieses Hinweises bedarf, um die Anstoß erregenden Inserate in den Tageszeitungen, die auch für das nichtjüdische Publikttiii bestimmt sind, verschwinden zu lassen. Ehrung eines jüdischen Gelehrten und hohen Seamten. Am 13. August beging Professor McsrihSobernhei m, Legationsrat im Auswärtigen Amt, feisten 00. Geburtstag. Anläßlich dieses Tages wirb ihn» die Gesellschaft zur! Förderung der Wissenschaft des Judentums eine wertvolle Festschrift überijeichen, an. welcher sich führende Gelehrte des 7In- »>»d Auslandes beteiligt haben. Diese Ehrung ist vollkommen gerechtfertigt durch die hohen Verdienste, die sich Professor Sobernheim um die genannte Gesellschaft erworben hat Als. in den Jahren 1916/20 die Führer der Gesellschaft, Martin Philippsohn, Jakob Guttmann und Marcus Braun ins Grab gesunken waren, übernahm Sobernheim trotz starker Belastung mit dienstlichen Obliegenheiten und mit der Vertretung jüdisch-sozialer Vereinigungen den Vorsitz der Gesellschaft und führt ihn heute noch. Die Zeit seiner Amtsführung war cind außerordentlich schwierige. Zuerst die Inflation, dann in gesteigertem Maße die Wirtschaftskrise stellten und stellen der Pflege der Wissenschaft u igeheure Hindernisse in den Weg; und diese Hindernisse steigern sich bei der Wissenschaft des Judentums, die leider auf staatliche Förderung nie hak rechnen können. Trotzdem isi es Sobernheim gelungen, das Netz der VertpaucnsmänNcr der Gesellschaft immer weiter miszubauen und mit deren Hilfe für die Erhaltung und Werbung von Mitgliedern wie auch für den Absatz der Schriften der Gesellschaft zu sorgen. Dadurch wurde?^»nöglich, daß die Gesellschaft eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Veröffentlichungen herausgab und für das Weitcrerscheinen der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" die finanzielle Grundlage bot. Auch die genannte Festschrift stellt «in Heft der Monatsschrift dar und geht sämtlichen! Mitgliedern der Gesellschaft unentgeltlich zu, wiewohl ihr Ilmfang von fast! 200 Seiten über den eines normalen Heftes erheblich hinausgeht. Wie alle Hefte der Monatsschrift, enthält sie neben gelehrten Beitrügen auch solche» die für einen weiteren Leserkreis bestinimt sind: den freundschaftlichen Briefwechsel zwischen David Kaufmann und P. G. von Moellendorfs wird gerade in unserer Zeit der religiösen Spannung ' jeder mit Anteil lesen; auch Michael Guttmanns Aufsatz über den Unterschied zwischen Gcbotsfrömmigkeit und Mjysterienreligiosität ist bei aller Weite der Gesichtspunkte gemeinverständlich geschrieben. Wenn der Ehrentag Sobernhcims die Aufmerkfaimeit der jüdischen Welt auf sein Wirken, insbesondere auf die Gesellschaft zpr Förderung der Wissenschaft des Judentums, gelenkt hat, so darf wohl die Hoffnung ausgesprochen werden, daß auch solche Kreise, die bisher der genannten Gesellschaft fernstanden, sich nunmehr ihren Bestrebungen anschlichen werden/ Für den geringen Jahresbeitrag von Mk. 10.— (zu überweisen auf das Postscheckkonto der Gesellschaft Berlin 7030 oder an einen der Vertrauensmänner, welche in jedem Heft der Monatsschrift aufgeführt sind), erhalte» die Mitglieder die Monatsschrift unentgeltlich sowiezahlreiche Vergünstigungen bei dein Bezüge der- Schriften der Gesellschaft. Nähere Auskunft erteilt gern die Geschäftsstelle, Berlin-Schöneberg, Belzigerstr. 46, Aufgang II, 2. Deutschtum uuö Judentum. Von R. N. C oud enhove-Kalergi*). Vor dem Kriege war Rußland das Weltzentrum des Antisemitismus. Heute ist es Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist der Antisemitismus in Europa nur noch lebendig in einigen Mittel- und Kleinstaaten Osteuropas. Diese Tatsache sollte-den deutschen Antisemiten, zu denken geben. Sie werden sich dann wahrscheinlich nicht sehr wohl fühlen in dev Gesellschaft, in der sie sich befinden. Denn die drei andern europäischen Großmächte lehnen den Antisemitismus kategorisch ab. England hat seit Disraeli unter seinen politischen Führern zahlreiche Juden und kennt weder einen politischen, noch eine» sozialen, noch einen wirtschaftlichen Antisemitismus. Frankreich hat feine antisemitische Phase in der Drcysus-Krise überwunden. Diese Ueberwindung des Antisemitismus fällt zusammen mit der nationalen Regeneration und Gesundung Frcinkreichs, die ihm die Kraft gaben, den Weltkrieg durchzuhalllen. Auch bas-extrem nationalrstische Italien lehnt den Antisemitismus ab, der in den Augen Mussolinis ein barbarisches Vorurteil ist. Italien hat bewiesen, daß sich der Kommunismus auch ohne antisemitische Schlag- Worte überwinden läßt und daß der stärkste. Rationalismus auch ohne antisemitischen Einschlag lebeirssähig ist.' - Indessen hält Deutschland an der antisemitischen Einstellung fest und baut eine Theorie nach derjandcrcn um dieses Vorurteil. Es behauptet nach wie vor, daß das Judentum nur Talente, aber leihe Genies hervorbringt — obgleich das anerkannteste unter denlebenden Genies heute ein deutscher Jude ist: Albert Einstein, und der berümteste lebende Oestcrrcicher ein zweiter Jude ist: Siegmund Freud. Andere Theoretiker gehen von der These, des jüdischen Materialismus und Mncmonismus aus und übersehen, daß kein Volk so stark und so lange für seinen Glauben und seine Ideale gelitten hat, wie das jüdische. Daß ' die jüdischen Gemeinden nicht ihre reichsten Mitglieder am höchsten schätzen, sondern ihre weisesten, ihre Gelehrten. Daß im Judentum neben seinem Realismus ein ungeheurer Idealismus steckt, ei« Idealismus, der so stark ist, daß er der Welt das Christentum und den Sozialismus geschenkt hat. Ein Argument des Antisemitismus sollte aber kein Deutscher mehr gebrauchen: das Argument, daß die ganze Welt sich einig ist im Haß gegen die Juden. Denn erstens ist dies unrichtig. Der Antisemitismus ist kein Weltphänomen mehr, sondern beschränkt sich aus bestimmte Gebiete. Und zweitens hat das deutsche Volk im Weltkrieg an sich selbst erfahren, wie ungerecht auch der Haß einer ganzen Welt ein Volk treffen kann. Der Haß gegen das Judentum und gegen das Deutschtum sind verwandt. Beide Völker wurden gehaßt, verfolgt und verleumdet, weniger um ihrer Fehler willen, als um ihrer Vorzüge. Der Weltostrazismus hat Exempcl statuiert. Der Deutsche wurde als Feind der Menschheit empfunden, weil er tüchtiger, fleißiger, sachlichem war als die meisten anderen Völker, und ihnen so den Konkurrenzkampf erschwerte. Das gleiche gilt von den Chinesen in Südostasien, den Japanern in Kalifornien. Das gleiche gilt von den Juden. Denn die Juden sind ein begnadeter Menschhcitszweig. Durch ein zweitausendjährigcs Martyrium sind sic zu ihrer heutigen Größe empor gestiegen. Von den meisten Berufen ausgeschlossen, .unter vielfach erschwerten Lcbensbedingungen, mußten sie rhren Geist zehnfach schärfen, um ihre nackte Existenz durch das Mittelalter hindurch zu retten. Wer saul oder unbegabt war, konnte diesem verschärften Existenzkampf nicht standhalten und ging zugrunde. Rur die Tüchtigsten konnten sich erhalten und sortpslanzen. Wer willensschwach und feige war, ließ sich angesichts der Schciterhaucn und Folterwerkzeuge tauscn und schiedaus der jüdischen Gemeinschaft aus: nur die Tapsersten und Willensstärksten hielten das Wunder dieses zweitausendjährigcn Kampfes durch. So fließen' in jedem modernen Juden Ströme von Märtyrerblut — von Menschen, die sich lieber verbrennen ließen, als sich von ihrem Gott, ihrem Glauben, ihrem Ideal loszusagen. Wer an Vererbung glaubt, muß darum in den Juden einen besonders wertvollen Zweig der Menschheit sehen. Ein Zweig der Menschheit, der gestählt ist vom Leiden und vom Denken. Denn während die meisten Europäer erst vor wenigen Generationen aus dem Analphabetentum hervorgcgangen sind, haben die Vorfahren der Juden seit Jahrtausenden gelesen, geschrieben und sich mit geistigen Problemen auscinandergesetzt. Wer, statt aus Schlagworte zu - hören, diese Tatsachen bedenkt, gewinnt ein anderes Bild vom Judentum, als das Zerrbild, das der Antisemitismus schasst. Wenn die Größe eines Volkes sich mesien läßt an der relativen Zahl seiner hervorragenden und bedeutenden Kinder, steht das Judentum heute zweifellos au erster Stelle. So betrachtet, erscheint das Judentum nicht als minderwertige, sonder» als hochwertige Menschengruppe — und der Antisemitismus als ebenso schweres Anrecht gegen die Juden, wie der Deutschenhaß gegen die Deutschen. , Heute ist die Mißachtung gegen die Deutschen in der Wdli mindestens so stark verbreitet wie der Antisemitismus. Die Kriegsschuldlüae^ die Märchen von den deutschen Kindermorden in Belgien, die Erzählung«» von den deutschen Grausamkeiten bis zur Verleumdung der Menschenfresserei, di« Klassifizierung der Deutschen als Menschen zweiten Ranges, als Materialisten und Rationalisten, als Menschen ohne *) Der soeben im Paneuropa-Verlag, Wien, erschienenen Rcuauflage „Antisemitismus" von Coudenhove-Kalergi mit Genehmigung des Berlages entnommen.