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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1929-10-01 · 10 (10.1929) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
6 (1929)
Issue
10 (10.1929)
Date
1929-10-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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172 Breslauer Jüdisches Gemeindebla kl Nr. 10 I [am wie ciul ciiecr Insel im Gewoge des Parteikampfes; ohne in ihn ein- ' zugreifen, schuf, n seine ersten Lehrer unsterbliche Werke der Wissenschaft »nd.arbeiteten an der Heranbildung einer neuen Führergeneration des Judentums. Sehr bald aber vollzog sich eine Annäherung an das Seminar und zwar von beillen Richtungen der Gemeinde aus. Zum Nachfolger Abraham Geigers wurde Manuel Joel, seither Dozent am Seminar, ge- wählt, dem cini »e Jahre später Markus Braun, der nachmalige Seminardozem, zur Sei e trat: 1890 trat an Joels Stelle Jakob Guttmänn, einer der treuesten Ei Den Frankclschcn Geistes, der, ebenso wie Joel auch nach seiner Wahl zum Rabbiner, vertretungsweise Vdrkesungen am. Seminar hielt. Als zweit kr Rabbiner wirkte Leo Fabian und Herr Dr. Sali Levi, jetzt in Mainz, gleichfalls Hörer des Seminars; aber auch Guktmanns Nachfolger, Her; Rabbiner Dr. Vogelstein, hat den Grund zu seiner theologischen Ausbildung, im Seminar gelegt. Andererseits fühl» sich der erste neuzeitlich gebildete Rabbiner an der Alten Synagoge, Ferdinand Roscnthal, durch seine Liebe zu wissenschaftlicher Erfassung dgs Juden- (untj und bijrd t—öic versöhnliche Richtung seines Wesens dem > Seminar stmd seinen Dozenten sehr nahe und hat selbst vertretungsweise! Talmud- Vorlesungen an ihm gehalten; ihm zur Seite trat unser treues Hörer, ^Herr Rabbiner Dr. Max Simonsohn, der selbst gelegentlich Vorlesungen am Seminar übernommen hat. An beiden Religions-Unterrichtsanstalten der!Gemeinde und m den Festgottesdiensten beider Richtungen haben Hörer des Seminars «ewirkl: das Rabbinat an ddr Alten wie an der Neuen Synagoge ist vorübergehend vertretungsweise durch Seniinardozenten oer- - waltet worden. Aber vielleicht noch stärker als diese amtlichen Beziehungen des Seminars zu den Einrichtungen beider Riten wirkte di« persönliche Beziehung der Dozenten zu den geistigen Führern der Gemeinde .versöhnend und vermittelnde und wer kurz nach Kriegsende die drei inzwischen Heimgegangenen Freunde Rosenthal, Brann und Guttmann am Sabbath über den Stadtgraben gehen sah, in freundschaftlichem Gespräch Problem« der Wissenschaft und Anliegen der Gegenwart erwägend, der mochte in diesem Zusammenschreiten gleichsam das «ynllml des friedlichen Einvernehmens aller Richtungen erblicken. Diese versöhnende Wirkung des Seminars hinderte natürlich nicht, daß Unterschiede der Meinung hüben und drüben deutlich ausgesprochen wurden, heute.vielleicht noch deutlicher als damals. Aber wir glauben nicht selzl zu gehen, wenn wir meinen, daß ausdem Seminar, welches selbst Lehrer und Schüler verschiedener Richtungen auf gemeinsamer Plattform zur Arbeit und zu gegenseittgem Verständnis zusammensührt, ein Geist der Versöhnung und des Friedens auch in die Muttergemeinde hinausströmt. Vor allem aber befestigt das Seminar, zugleich dte Einheit 'der Gemeinde wie ihre Liebe zum Judentum, indem es den gemeinsamen Einrichtungen aller. Parteien seine geistigen Kräfte zur-Dersügung stellt. So hat stets der Dozent des Seminars tür Geschichte den Vorsitz im Verein für Jüdische Geschichte und- Literatur geführt; unter der Leitung eines Dozenten und unter tätiger Mitarbest des gesamten Kollegiums hat die Breslauer Volkshochschule eine Hohe Blüte erreicht, und auch das geistige Leben der Logen hat durch die Vorträge der Dozenten'starke Befruchtung erfahren. Auch die berühmte Bibliothek des Seminars hat zumal Breslauer Gelehrte» bedeutende Dienste geleistet. Wie aber das Seminar hoffen darf, der. Gemeinde manches gegeben zu haben, so weist es sich dankbar auch als Schuldner der Gemeinde. Ihr geordnetes, auf gegenseitiger Duldung ausgebautes Gemeindeleben, ihre mustergültigen synagogalen, unterrichtlichen, rituellen und sozialen Einrichtungen geben seinen Hörern einen Anschauungsunterricht, der nicht ohne Wirkung auf ihre spätere Berufsarbeit bleiben kann, zumal oerdienke Verwalttmgsbeamte' Lehraufträge über Gemeinderecht und Wohlfahrtspflege erhalten haben. Und als die Mittel der Fraenckelschen Stiftungen erschöpft rvaren, hat nicht nur die Gemeindeverwaltung opferbereit eingegrifsen, sondern auch die einzelnen Mitglieder haben gegeben, mit vollen Händen und — das ist unsere besondere Freude — willig gegeben. ‘ Denn der Breslauer weiß sich mit seinem Seminar verwachsen; er fühlt die Bedeutung seiner Gemeinde gehoben dadurch, daß aus ihrem Kreise Männer hervorgehen, die den Frieden, den sie am Seminar vor sich gesehen, in. die Gemeinden tragen, daß in ihrer Mitte das Gebäude jüdischer Wisienschaft weitergesührt und wirksame Waffen zum Abwehrkampfe geschmiedet werden, — daß die einzige deutsche, streng wissenschastlicke Zeitschrift für das Gesamtgebiet der jüdischen Theologie in Breslau erscheint.. Jnf-weit höherem Grade als vor 75 Jahren weiß das Breslauer Seminar feine Arbeit gettagen durch das Vertrauen der.Gemeinde, in der es steht; und der Widerhall, den es findet, beschwingt die Lust zu neuer Arbeit. Möge diese schöne Beziehung wechselseitiger Verbundenheit zwischen Gemeinde und Seminar für alle Zeiten erhalten bleiben. Semeindevertreter-Sihung vom 26. September 1929 Bericht von Tr. R e ch n i tz. Ter Vorsitzende IR. P e i s e r begrüßte die Versammlung nach der Sommerpause und gedachte der schweren wirtschaftlichen Not insbesondere unter unseren Glaubensgenossen, von er die Steuerübersicht im Verwaltungsbericht ein erschreckenes Zeugnis gibt; jedoch dürfe man die Hoffnung auf Besserung nicht fahren lassen. Auch schmerzliche Verluste durch Todesfälle habe das Iudentunt erlitten und zwar Einzelverluste wie die der ausgezeichneten Männer Marshal und Professor Türk und vor allein die furchtbaren Atassenverluste während der Unruhen in Palästina. i!)ie dort aus Fanatismus begangenen Greueltaten haben alle aufs tiefste erschüttert. (Die Versammlung erhebt sich.) Wir wollen nicht nur unser Mitgefühl aussprechen, sondern nach unseren Kräften helfen, die Not zu lindern. Nach Fühlungnahme mit allen Parteien beantrage er eine Beihilfe von 300 ) Mk. für die durch die Unruhen Geschädigten. Herr Geh. Slat Goldfeld bittet, zunächst den Vorstand Beschluß fassen zu lassen, weil nicht feststehe, ob der Betrag vorhanden sei und welcher Titel zur Verfügung stehe. Es sei üblich, daß derartige Initiativanträge dem Vorstand zur Beschlußfassung überwiesen werden. IR. Peiser hält es für zulässig, daß die Eemeindevertretung - zuerst beschließt. Sein Antrag wird hierar f einstinnnig angenommen und dem Vorstande zuni Beitritt weitergeleitet. Ter Vorsitzende bezrüßt nunmehr die neu gewählten Vorsteher, Bankdirektor Sander und Großkaufmann K o p p e n h e i m, und t erpflichtet sie mittels Handschlag zur treuen Pflichterfüllung. Direktor Sander dankt im Namen Beider und verspricht, nach Kräften für die Gemeinde zu arbeiten. Von einigen Einladungen und von der Neuverteilung der Arbeitsteile im Vorstande wird Kenntnis genommen. — Tie Grabpflegc-Stiftungen Ernst Goldberger und Fritz u. Flora Wohlauer werden ohne Aussprache angenommen. — Die Mtteilungen im Verwaltungsbericht über das Grundstück Menzelstraße 48, über die Sparmaßnahmen der Verwaltung (Personalabbau) und über die neue Orgel werden zur Kenntnis genommen. Zn der Mitteilung über die Zusammenlegung der beiden Waisenhäuser verliest der Vorsitzende den heute eingegangenen Brief des Rehdigerheims, wonach auf dieser Seite die Bereitwilligkeit zux Zusamnienlegung vorhanden sei und am Sonntag, den 29. September, eine neue Besprechung stattfinden soll. RA. Nothmann betont, daß die Gemeinde ein Interesse habe, die beiden Waisenhäuser zuni Wohle der Jugend und in rationeller Weise geführt zu sehen. Mt dem Bericht, daß der Zusammenschluß bisher nicht zustande gekommen sei, sei deshalb der Gemeinde nicht gedient, zumal wahrscheinlich im nächsten Jahre eine weitere Kürzung der Subventionen für beide Anstalten eintreten würde. Er beantragt die Einsetzung einer Kommission, nimmt diesen Antrag abermit Rücksicht auf die bereits angesetzte Besprechung am 29. 9. zurück. Der Verwaltungsbericht gibt auch Kenntnis von . der Ablehnung der Subvention an die Soziale Gruppe auf Grund der Prüfungsberichte der hierfür eingesetzten Kommission. Frau Tr. Rabin bedauert die Ablehnung; die inneren Schwierigkeiten der Sozialen Gruppe würden überwunden werden. Außerhalb der Tagesordnung weist Gemeindevertreter ^K o b e r aus den schlechten Zustand des Ehrenfeldes auf Friedhof Cosel hin. Die Anlage habe durch den Frost stark gesitten. Herr Hoff mann antwortet namens des Vorstandes, daß dieser auf Grund eines Gutachtens von Herrn Gartenbaudirektor Erbe beschlossen habe, anstelle der Taxushecken solche aus Tuja zu pflanzen, die winterhart seien. Die Erneuerung der Weidenallee und die Neuaufhügelung der Gräber dagegen sollen nach und nach vorgenommen werden, damit die Kosten nicht^u hoch würden. Der Vorstand habe für dieses Jahr 2000 Mk. aus den Titeln Grabpflege V, 2 und 3 bewilligt. Er bitte aber, daß die Versammlung eine etwaige Ueberschreitung dieser Titel mit ein paar hundert Mark schon heute genehmige. Tie Genehmigung wird ohne Aussprache erteilt. Frau O l l e n d o r f f erläutert nunmehr die mehrfach durchberatenen Pläne für die Einrichtung des Jugendheimes Schweidnitzer Stadtgraben 28. Tie Kosten seien von ursprünglich 42 000 Mk. auf 32 000 Mk. gesenkt worden, um deren Bewilligung sie als Dringlichkeitsantrag bitte. Davon sollen 18 000 Mk., wie vorgesehen, dem Darlehnskonto und der Rest der Rücklage für das Jugendheim entnommen werden.

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