Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- 10 (10.1929)
- Date
- 1929-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Breslauer Jüdisches (Kemeindeblatt Amtliches Blatt der Synagogmgemelnde zu Breslau Schrlstleitung: Deitvaltuagsbtrektor Dr. Rechnitz, Breslau. Wallstratze - I Druck und Anzeißen-Annahme: Druckerei Th. Schaykg Milengeselischof«, Verlag: Büro der Sgnagogengemeinve, Breslau. Wallstr.y / Tel.21 dl 1/12 | Breslau 5, Neue Sraupenstratze Nr. 7 / Fernsprecher 24«öS u. 2««6y Anzilgiupril«! DI» 6 grft>. mmmHR-MIc öfter ton Raum 16 Via. — 3M lawftnAoi Auftrag»!» Hotel Für die unter dem Namen de« Derfaffer«, erscheinenden Artikel und die Deretnsnachrichten übernehmen wir nur die preffegesrtzslche Verantwortung 6. Ladrg. Oktober 1929 Olr. 10 Freude Eine Sukkauh-Betrachtung von Rabbiner S i in 0 n s 0 h n. > Nicht ohne Absicht lfißt die Thory den von heiligem Ernste durchwalteten „ehrfurchtflebietenden Tagen" das frohe Hütten- und Schlußfest folgen, für welche die Aufforderung gilt: „Du sollst nur freudig sein!"! Es soll uns damit wohl gesagt sein, daß religiöses Bewußtsein zwar ohne Ernst, ohne Gewissensprüfung, ohne Schuldbewußtsein undenkbar, daß jedoch Endzweck die Freude — natürlich wiederum eine vom Gottesbewußtsein gebändigte und geleitete, eine reine, heilige Freude Leider ist dieser wesentlich jüdische Gedanke mit der Feier der Wallfahrtsfeste zugleich dem überwiegenden Teile der Westjudenheit verloren gegangen. Für sie ist das Judentum eine " ernste nicht nur, sondern im Grunde eine recht traurige Angelegenheit geworden, deren man sich fast nur noch an Jahr-; zeits- und Sterbetagen! und bei sogenannten „Totenfeiern 1 j erinnert, darüber hinaus höchstens an den beiden ernsten Feier-; tagen am Anfänge des jüdischen Jahres. Daß diese Tatsache eine schwere Gefährdung der Jugend und ihrer Beziehungen zum Judentum bedeutet; liegt klar zu Tage. Mit dem Tode hat die Jugend nichts zu schaffen und mag sie nichts zu schaffen haben — wohl ihr, daß dem so ist, und wehe denen, denen das; Schicksal eine andere Einstellung aufgezwungen hat! Und auch für den Ernst des Lebens ist die Jugend weniger empfänglich als für die Freuden, deren Quell ihr noch nicht so spärlich fließt wie den Aelteren. Was also kann ihr eine Religion bedeuten, die ihr stets ein ernstes, ja ein trauriges Antlitz zuwendet! Bon ihr müßte sie sich abgestoben fühlen. Doch noch aus einem anderen, nicht minder wichtigen Grunde.muß der gegenwärtig vorherrschende Zustand als eine Gefährdung des Verhältnisses unserer Jugend zu jüdischem Fühlen und Denken angesehen werden. Zur Teilnahme an seinem Schmerze kann und soll der Mensch niemanden zwingen.\ Wohl darf er sich glücklich schätzen, wenn er in Zeiten der Not eine mitfühlende Seele findet, die sich freiwillig zur Teilnahme an seinem Kummer erbietet. Doch gerade der edle, der fein-, fühlende Mensch wird es verschmähen, sich und seine Trauer! Anderen — und mögen es yahe Freunde und Verwandte sein j — aufzudrängen. Fühlt er doch, daß er in solchen Stunden! kaum der Gebende, fast immer der Nehmende-sein wird; und der aufrechte, stolze Mensch mag nicht um Almosen bitten. Seine Freude aber wird er gerne seiner Umgebung mitteilen; von seinem Ueberfluffe freigebig ihr spenden; da wird er nicht! warten, ob er Teilnahme findet, wirD sie vielmehr suchen! .Und, darum gebietet auch die Thora für das Fest der Freuds für. Sukkauß: „Du sollst dich freuen und sollst erfreuen". Und sie! verheißt: „Wenn du die Schützlinge Gottes — Waisen, Witwen. Fremdlinge, Leviten —; erfreuen wirst, dann wird er dir und den Deinen Freude spenden"^Wir haben stets die Bereitwillig-! keil, zu erfreuen, Notleidenden beizustehen, als eine echt-jüdische Tugend angesehen, und glücklicherweise ist diese Tugend aus unserer Mitte noch nicht geschwunden. Müssen wir indes nicht auch um sie bangen, muffen wir nicht fürchten, daß sie mancher anderen, die uns verloren gegayger^ Nachfolgen wird, wenn wir versäumen, dem hieranwachsenden Geschlecht den Quell zu erschließen, dem sie entspringt. > dien Quell her Szimchoh schel Mizwoh, der Freude an der Pflicht?' > Darum ergehe die Mahnung an unjere Eltern, ihren Kindern die Freude des Sukkauß-Festes zugänglich zu machen, indem sie an diesem und am Sch'mini Azeireß sie der Schule fernhalten und ihnen dafür zu Hause den Feiertagstisch decken und echte Festesfreude sie empfinden lehren., ■ 1 ' -' ■ | : vas Breslauer jüdisch-theologische Seminar Zraenckelscher Stiftung und öie Spnagogen-Gemeiinöe Breslau! Don Dozent Dr. I. cheinemaisn. Am Z und 3. November d. 2. begeht das jüdisch-theologische Seminar die Feier seines 7L jährigen Bestehens. Die Gründung-geschickte der Anstalt zu erzählen und über ihre Leistungen fürj das Gesamtjudenti m und für die Wissenschaft zu berichten, ist hier nicht der Ort, zumal sich hierzu in Festreden und Artikeln Gelegenheit bieten wird. Wohl aber mag auf die besonderen Beziehungen ches Seminars^ zu seiner Mutter» gemeindc Breslau kurz «ingegangen werden. -j Die beiden Männer, hie eigentümlicherweise in der'Idee des jjdisch. theologischen Seminars zulaminentrafen, Zacharias Frankel und Ponas Fraenckel.*) waren beide beistrebt, dem Semincu seine volle Selbständigkeit zu wahren. Besonders notwendig, war diese Selbständigkeit in der ersten Zeit seines Bestehens, als in der Gemeinde die Parteien'heftig aufein» anderstießen und das Seminar weder in den Gegnern eines akademisch gebildeten Rgbbinerstandes noch'in den Anhängern der entschiedenen Reform seine Freunde sehen konnte. Das Seminar stand damals gleich- Jüd.-theol. Seminar in Breslau, Walistr. 1«. *) lieber letzteren vgl. die neuerdings erschienene Biographie von I. Rabin (ln:-Schlesische Lebensbilder, Breslau, Korn).