Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 167 (11.8.1922)
- Date
- 1922-08-11
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es entspricht nur einer tinsachen Gerechtigkeit, ^venn wir nunmehr die Einwände hüten, die das bewußte, libcral-refvrmerische Judentum aus diese Behauptungen zu machen 'hat. Es sei nicht wahr, vernehmen wir da, daß die Reform, wie sie von Geiger und Holdheim inauguriert werden ist, nichts als zersetzende Kritik gewesen sei. Besonders Holdheim sei es gewesen, der immer wieder betont habe, daß die Reform nichts anderes als eine Anknüpfung cm das biblische Judentum sein soll. So sei die Reform in der Tat Reduktion und damit Reformation gewesen. Und würde die positiv schöpferische Arbeit des Reform-Judentums bezweifelt, so genüge der Hinweis auf die Ethik des Judentums, die immer schärfer, immer ausschließlicher betont zu haben, das Verdienst eben des Reformjudentums gewesen sei. Die Durchdringung der Religion mit den ethischen Gedanken, das sei die Reformation des Judentums gewesen, das sei sie noch heute. Es liegt ein Schein von Wahrheit ln diesen Argumenten. In der Tat hören wir heute im jüdisch-liberalen Lager keinen Begriff'häufiger erörtern, als den der „Ethik des Judentums", und die „Anknüpfung an die Propheten" scheint wirklich Programm und nicht bloß Phrase zu sein. Wenn wir uns aber wieder auf den einzig möglichen, den historischen Standpunkt stellen und betrachten, wann und wie es eigentlich gekommen ist, daß die Ethik des Judentums so in den Vordergrund unserer religiösen Predigt geschehen worden, ist, so kommen wir zu dem überraschenden Resultate, datz es wieder der Zeitgeist, die Tendenz des Zeitgcmästen war, dir sie auf das Banner der Reuen geschrieben hat. Die Hcrvorkehrung der Ethik erfolgt nicht aus reduktivem, sondern auf apologetischem Wege. Die Entwicklung des modernen Protestantismus war es, die hier dcn Anstoß gab und Matzstab wurde. Der junge Protestantismus begann, seine Dogmen immer mehr zu verflüchtigen und zu erkennen, dast, wie man sich ausdrückte, dcr Schwerpunkt der Religion in der Sittlichkeit licge. Diese Parole cnveckte auch die jüdische Theologie. Dcr Protestantismus nähert sich dem Judentum, hieß es da. Wieder ein Schritt zum Gottcsreich! Und als nun die zahlreichen Versuche begannen, das Wesen des Christenlums als ein Wesen der christlichen Eittcnlchre darzusicüen. da kam cs wie eine Reflexbewegung aus dem jüdischen Lager: Der Nachweis wurde erbracht, dast die christliche Eittenlehrc nichts anderes sei, als ein Abklatsch dcr jüdischen. dast Jesus in Wahrheit nichts anderes gelehrt bade, o>s was vor ihm und mit ihm die Pharisäer alle lchrien. Der Beweis gelang. Und dann kam Moritz Lazarus mit seinen, ersten Versuch, die Ethik des Judentums als Svstem darzustellcn. Ich will hier nicht darüber streikn. ob dieser Versuch überhaupt gemacht werden durfte, sondern ihm zugesteken, dast, wie er sagt,. die Kontinuität in der ctbiscken Schöpsungstätigkeit des jüdischen Geistes die Berechtigung gebe, die in zahllosen Quellen zerstreute, immer nur in vereinzelten Aussprüchen zur Erscheinung kommende Sittenlchre des Judentums,zu einem vollständigen. geschlossenen Snstem dcr Ethik verarbeitend zu gestallen." Aber das eine ist doch klar: die Tendenz zur Ethik kam nicht von innen heraus, sondern wieder wie alles von austen herein. War keine Gemütsoffenbarung, die einem religiösen Bedürfnis entgcgcnkam, sondern nichts als Apologetik. Deshalb fällt ihr religiöser Wert für uns zusammen mit dem Werte der Apologetik. Nicht, dast ich den Wert dieses theologischen Zweiggcbictcs verkennte. Eine gute Apologcthik hebt dcn Stofz und kann so auch einen'innerlichen Wert haben. Und gersi erkenne ich an, dast Werke vom Schlage des Lazarusschen »lanchtts zur Stärkung des jüdischen Selbstbewusttseins im letzten Jahrzehnt beigetragen haben. Aber schlimmer ist es, wenn in einer religiösen Reform von der Religion nichts übrig bleibt, als die Apologetik. Und so ist es gewesen: Apologetik ist das Resultat unserer hundertjährigen Ent- Wicklung, Apologetik blieb uns und Apologetik sind wir selbst, jeder von uns eine zweibeinige Apologetik. Wir leben von den Angriffen auf uns. Und wenn wir auf die Anpreisungen fremder Werte sagen können: „Das haben wir auch!" oder gar: „Das hatten wir vor euch!", so gilt es uns als ein Triumph. Apologetik, das ist der Wert der jüdischen Ethik für uns in unserer Zeit. Denn wie könnte es auch anders sein? Was kann ein System, ein Lehrgebäude, ein Gedankenkomplex, fein säuberlich eingeschachtelt in Kapitel und Paragraphen, was kann, frage ich, ein solches System der Lthik einem wirklich religiösen Gemüte bedeuten? Was kann es bedeuten, selbst, wenn cs in religionsphilosophische Begriffe gekleidet wird? Der jüdische Gottesbegrisf ist der wahrste, reinste, höchste! So ist es, wahrlich! Aber was nützt uns der Gottesbegriff, wenn wir es verlernt haben, die Hände zu Gott zu erheben? Was nützt uns Religionsphilosophie, wenn wir leine Religion mehr haben? Was nützt es der durstigen Seele, wenn ihr die Wahrheit und Vernunftgemästheit der jüdischen Gottesidee expliziert wird? Was dem sehnenden Herzen, wenn es mit der Moral gefüttert wird? Das sind doch alles Kristallisationen, denn es sind Begriffe. Durststillende Bonbons allenfalls, aber die Seelen brauchen Wasser. Und das Wasser fließt nicht mehr. Die Gotteshäuser sind verödet. Mußten veröden, weil in ihnen nicht religiös, sondern nur über Religion gepredigt wurde, über die Dinge, nicht in den Dingen. So wurden die halbwachen Gemüter eingeschläfert, die ganz wachen, wirklich religiösen, geradezu abgestoßen. > (Schluß folgt.) Wochenschau Deutschland. Berlin. Bekanntlich hatte der Reichsfinanzhof in einem von dem Finanzminister erstatteten Gutachten dahin entschieden, datz die auf dem Zwangswege eintreibbaren Steuern der Kirchen- und Synagogen-Gemeinden nicht als abzugsfähig bei der Berechnung des Jahreseinkommens im Sinne von § 13, Ziffer 7 des Reichseinkommensteuergesetzes gelten können. Diese Entscheidung, die für die ohnedies finanziell überaus bedrängten Synagogengemeinden geradezu verhängnisvoll war, ist nunmehr in ihren praktischen Konsequenzen durch die soeben Gesetz gewordene Novelle zum Reichseinkommensteuergesetz aus der Welt geschafft worden. Man hat ass Ziffer 6 a in Artikel 13 folgende Bestimmung emgefügt: abzugsfähig sind: „Steuern an die im Artikel 137 der Reichsverfassung genannten Körperschaften, soweit diese Steuern in dem nach § 29, Abs. 1 für die Veranlagung maßgebenden Kalenderjahre fällig geworden sind." Hiernach sind nunmehr alle Mitglieds-Beiträge an Synagogengemeinden abzugsfähig und zwar, soweit es sich um öffentlich-rechtliche Körperschaften handelt, auf Grund des neueingefügten Absatzes^ soweit es sich um private Rcligionsvereine ohne Steuörrecht handelt, gemäß Ziffer 7 des gleichen Paragraphen. \ Berlin, 4. August. Der deutsch?Physiker Prof. Nernst hielt gestern!>ei einer Feier der Berliner Universität eine Rede, in der er dem ermordeten Rathenau einen sehr war' men Nachruf hielt. Ein zir'eitcr deutscher Gelehrter, der Nr.lursorschvr Prof. Reinfe. dcr frül-er im preußischen Herrenhauv zu den Rechtsparteien gehörte, veröffentlicht im „Tag" einen Aufsatz, in dem er den Antisemitismus, der zu den jüngsten Mordtaten führte, als eine Schande für das Deutschtum bezeichnet. Die Antisemiten seien auf dem BN'ge< zum Fluche Deutschlands zu werden. Deutschland müsse den Antisemitismus abschütteln. Berlin. Die vom Führer der dcuijchvölkischen Slntifcniitcit. Wulle. in Berlin herausgegebene Tageszeitung