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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-08-20 · 64 (20.8.1920) · p. Seite 336

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
64 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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In der langen Reihe imferer-NNc Mfcft uns vor allem da» traurig« Schicksal der jüdischen Gemeinden in Posen und Westpreußen. Diese schönen, fruchtbaren Gebiete find durch den Friedensvertrag den Polen zugesprochen worden, die die Haupt-- mafie der dortigen Bevölkerung bilden. Sie haben eS. wahrlich rasch vergessen, daß auch sie einmal Knechte in Mizrajim waren und haben ihren nationalen Minderheiten, den Deutschen und den Juden, bald ein Schicksal bereitet, schlimmer als das. das sie selber unter fremder Herrschaft erlitten haben. Sie machen ihnen das Leben unmöglich. Auf allen Gebieten schließen sie sie nach Kräften aus, jüdische Schüler werden auf den Universitäten, ja, wie man hört, sogar auf den höheren Schulen, nur in einer ganz geringen Zahl ausgenommen, jüdischen Kaufleüten werden die Güterwagen, die sie bei der Eisenbahnverwaltung beantragen. nur nach einer geringen Prozentnorm gestellt,, der Boykott, dessen Technik gerade die Polen mit einer raffinierten Kunst ausgebildet haben, grabt ihnen die Quellen ihres Daseins ab. Progrome in Galizien haben allenthalben Furcht und Entsetzen verbreitet, und in Posen selber haben die Juden in den jüngsten Wochen oft um ihr Leben gezittert. Sie tun alles, um in der Heimat bleiben zu können, wo ihre Väter begraben sind und wo ihre Kinder geboren wurden, wo sie selber glücklich lebten und sich wohl fühlten. Gleich nach der Revolution haben sie den Mdischen Volksrat gebildet, der sich glänzend bewährt, viel Gutes erreicht und viel Böses verhindert hat. Der Regierung, der öffentlichen Meinung, der Entente gegenüber hat er die jüdischen Interessen mit größter Sachkunde und mit einer hingebenden Energie vertreten. Die jüdischen Männer, die dieses Kollegium bilden, haben sich die höchsten Verdienste erworben und alles geleistet, was die schwache menschliche Kraft unter so verzweifelten Umständen zu schaffen vermag. Ein voller, durchgreifender Erfolg blieb ihnen dennoch versagt. Die Juden dort fühlen sich ihres Lebens und ihrer Existenz nicht mehr sicher und müssen in Scharen das Land verlassen, obgleich sie sich dabei von ihrer Heimat loslösen, ihr sicheres Brot aufgeben. einer ungewisien Zukunft, entgegengehcn und dazu noch bei dem trostlösen Stand der polnischen Währung drei Viertel ihres Vermögens verlieren. Unter solchen Umständen ist die Auswanderung ein schwerer Schritt, und dennoch bleibt den Meisten gar nichts anderes übrig. Da werden viele unglücklich, und ganze Familien werden zugrunde gerichtet. Mit den Einzelnen aber leidet daS ganze deutsche Judentum. Denn unter den sechshunderttausend deutschen Juden bildeten die Vierzigtausend in Posen und Westpreußen einen hervorragenden Bestandteil. Dort war bisher jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdische Überlieferung. und die dortigen Juden sind ein tüchtiger Menschenschlag. Sie haben selber ja immer mit einiger Ironie von sich gesprochen, die.Kinder der „Provence", die Söhne des „V. Armeekorps", und haben Pinne und Bentschen, Meseritz und Krotoschin mit unverhohlener Heiterkeit als ihre Heimat bezeichnet. Und die Juden des deutschen Westens haben sich dieses Urteil zu eigen gemacht, weil sie die Dinge nicht kannten. In Wahrheit lag zum Spott keinerlei Veranlasiung vor. Jüdische ZWanderer auS dem Osten füllten unsere Gemeinden und nahmen ein lebendigeres Interesse an den jüdischen Dingen. Wie viele unserer Rabbiner uwd Lehrer, unserer Gemeindevorsteher und der Führer unseres jüdischen Lebens stammten auS dem deutschen Osten! Und wie haben sie auch auf anderen Gebieten uns Ehre gemacht! Wer zählt die hervorragenden Männer auS Lisia und Posen, au* Schn mm und aus Jnowrazlaw, die in Handel und Wandel, in Wissenschaft und Politik zu Ehren kamen! Jetzt wird' es das deutsche Judentum spüren, wie dort im Osten eine alte jüdische Kultur zugrunde geht, und wie Schöpfungen des Gemeinstnns. die in Jahrhunderten gestaltet worden find, unter der Wucht der Weltgeschichte rasch zusammenbrechen. Tine wahrhafte Flucht hat eingesetzt, die Gemeinden entvölkern sich, und wem» nicht Wunku^geschehen, werden sie sich auflösen. Es ist ein erschütterndes Ringen und Sterben! Nicht selten find die keinen Gemeinden, auS denen in ganz kurzer Zeit fünfzig Familien fortgewandert find. Aber auch die großen fiiü» bedroht, nicht zuletzt die alte stolze Kenilla Posen mit ihrer ehrwürdigen jüdischen Vergangenheit. Hier lehrte einst der Schach, einer der bedeutendsten Vertreter der alten charaktervollen polnisch-jüdischen Gelehrsamkeit, und der Ruhm des großen Rabbi Akiba Eger ist hier noch lebendig. Groß ist das Elend von vielen, die wegztehen, ergreifend die Not der Rabbiner und Lehrer. Ein blühendes jüdisches Gemeinwesen stirbt, und ein Quell versiegt, auS dem sich das mattere westdeutsch« Judentum seit Geschlechtern verjüngte. Sie sterben nicht ab aus Altersschwäche, auS Mangel an Lebenskraft, dt« jüdischen Gemeinden des deutschen Ostens, nein^fie fallen als edle Opfer unserer schweren Zeit und-deS KampftS der Völker, der mit feiner vollen Gewalt auch daS lebendige deutsche Judentum trifft, denn „Israel ist das Herz der Völker und empfindet zuerst die Not der Zeit". Aber der gleiche Jehuda Halewi, der das auSsprach, nennt dqs gleiche vielduldende Herz auch das stärkste, ba» gesündeste Orgarl des ganzen Körpers. Die Überzeugung, daß er auch damit recht hat, ist unser einziger Trost in diesen dunkeln Tagen. Allen bedrückenden Erscheinungen der Gegenwart zum Trotz bauen wir auf die gnädige Lenkung Gottes, der unS durch alle Not der Jahrtausende bi» hierher geführt, und auf die Lebenskraft des Judentums, -das bis jetzt alle Krankheiten überstanden hat. Ohne daß wir unsere Zuversicht zu begründen vermöchten, bauen wir doch fest darauf, daß daS ganze Judentum, auch da» deutsche, auch daS in Posen und Mstpreußen, aus der schweren Prüfung dieser bitteren Jahve mit neuer und' frischer Gesundheit hervorgehen wird. Düsseldorf. Max Eschelbacher. miintnTTTnnmnrrrnrmiiiiirMiiiiiii Ura Kerg rat Tal. mmi i fiTTmnmm imiim rrn i mf Bochum. Der Vorsitzende des Vorständeder hiesigen Synagogengemeinde, Herr Kommerzienrat Hermann Schüler, vollendete am 10. August in seltener Frische de» Geistes und des Körpers das 80. Lebensjahr. Die Gemeinde, deren Vorstand er bereits über 42 Jahre anaehört, ließ ihm seine, von dem Bildhauer L. Fleischhacker in Düsieldorf gefertigte Plakette nebst einer Ehrenurkunde' zugehen. Der Rabbiner unserer Gemeinde, Herr Dr. David, verlieh ihm den Chowertitel. Die Stadt Bochum und der Geburtsort Balve, sowie viele andere öffentliche Körperschaften und Einzelpersonen ließen dem allerseits verehrten Mann wohlverdiente Ehrungen zu teil werden. Ruppichteroth. Am Donnerstag nach Sabbat Nachmu fand in Ruppichteroth die Grundsteinlegung einer neuen Synagoge statt. Die keine Gemeinde hatte alle Vorbereitungen getroffen, um diesen Tag zu einem Festtage zu gestalten. Gegen 11 Uhr versammelten sich die Mitglieder der Gemeinde, viele ans den Nachbargemeinden, sowie die Vertreter der katholischen Geistlichkeit und der Behörde auf dem Platze. Lehrer Seelig aus Siegburg hielt die Festrede, welche auf die Anwesenden einen sichtlichen Eindruck machte. Hierauf sprach der katholische Pfarrer und Witt auf das schöne ftiedliche Zusammenleben der Bewohner hin und wünschte der Gemeinde Glück zu dem Werke. Ms Vertreter des Zentralvereins richtete Herr Levy Honnef Worte des Glückwunsches an die Anwesenden. Schließlich sprach der Ortsvorsteher einige wenige, aber herzliche Worte zum glücklichen Gedeihen des Werkes.

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