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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-08-20 · 64 (20.8.1920) · p. Seite 337

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
64 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
Seite 337 (sequence 5)
Language
German
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Air gtteBtcfdp. «<»» ich R.thschild wir'! von Schalom-Aletche«. Wäre ich Rothschild, spekulierte der Kassrieliwker Melamed Red Eli-Meier vor seinen Schülern, als sein« Frau Donnerstag nachmittags energisch Geld forderte, um die Einkäufe für den Sabbath zu besorgen; wäre ich Rothschild, nun, ratet, was ich täte? (Reb Eli-Meier führte indes eine tüchtige Tabakprise zu seiner Nase.) Vor allem sorgte ich dafür, daß mein Weib stets ein „Dreier!" Bargeld bei sich hat, damit sie mich am Donnerstag in Ruhe läßt. Zweitens möchte ich meinen versetzten Sabbathkaftan auMöfen, nein — lieber „ihren" Pelz, damit sie einmal aufhört, zu brummen und über Kälte zu klagen. Dann kaufte ich dieses ganze Haus, mit allen drei Stuben, mitsamt der Kammer und dem Keller und dem Boden — sie soll mir dann nicht über den engen Raum klagen! Da hast du zwei Zimmer, koch, back, wasch, so viel es dir beliebt, mich aber laß schön in Ruh; ich lebe dann ruhig meinem Berufe! Keine Sorgen mehr, kein Grübeln mehr, woher „auf Schabbes" nehmen — wie schön wäre dieses Leben! Die Töchter verheiratet, befreit von der drückendsten Last, was fehlte mir dann noch? . . . Nun beginne ich mich für die Gemeinde zu interessieren. Zu allererst spende ich ein neues Dach für das alte Bethaus, damit der Regen nicht mehr auf die Köpfe der Betenden tropfe. Auch das Bad muß neu restauriert werden, denn — heute, morgen, kann, muß dort ein Unglück geschehen, wenn es gerade im Momente zusammenstürzt, wo Juden drin baden. Und wenn schon das Bad hergestellt wird, so muß ja auch die Krankenstube von Grund aus in ein schönes Spital umgebaut werden, aber in ein wirkliches Spital, mit ordentlichen. Betten, einem Arzte, Medikamenten, täglichen Suppen für die Kranken, wie es in anständigen Städten zu sein pflegt. Und ein Versorgungshaus soll entstehen, damit alte, gelehrte Greise sich nicht im Beth- Hamidrasch herumquälen, und ein Verein zur Bekleidung armer Kinder, daß sie nicht mehr entblößt in den Straßen herumlungern. und ein Kreditverein, wo sowohl ein Melamed als ein Kaufmann oder Handwerker keine Wucherzinsen mehr zu zahlen brauchen, nicht das letzte Hemd versetzen müsien. Und ein Verein zur Ausstattung armer Mädchen, damit alle armen, erwachsenen Mädchen mit Ausstattung gehörig verheiratet werden (dabei stieß Reb Eli-Meier einen tiefen Seufzer aus, während er auf seine dreißigjährige Tochter Pesiele blickte) rmd noch viele, viele ähnliche Vereine und Stiftungen gründe ich bei uns in Kasirieliwke... Doch warum gerade Kasirieliwke? Überall, wo Juden wohnen, führe ich solche schöne Einrichtungen ein, überall in der ganzen Welt! Damit aber alles in Ordnung geführt werde, ratet einmal, was ich täte? Ich gründe einen großen Verein, dem die Aufsicht über alle lokalen Vereine zukäme, über alle Juden, damit alle Juden überall ihr Brot haben und in Eintracht leben und in den Lehrhäusern sitzen und Chumcsch mit Raschi und Gemara und Tosafoth und M'harscha und alle anderen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen lernen. Und unter allen Lehrhäusern soll ein großes Lehrhaus, natürlich in Wilna. sein, wohin die größten Gelehrten der Welt kommen sollen. Und alles soll unentgeltlich sein auf Kosten des G'wir; alles soll in Ordnung und planmäßig geführt werden! Es soll jedes „Jch-gebe-dir-gib-mir" aufhören, alle sollen auf das Gemeinwohl bedacht sein, nur auf das Gemeinwohl! . . . Damit Man aber für das Gemeinwohl sorgen kann, muß fiir den einzelnen gesorgt-werden. Und wie toird für den einzelnen gesorgt? Natürlich so, daß er sein Brot hat. Denn Brot, sage ich euch, ist das erste und wichtigste; ohne Brot keine Einigkeit. Des Bissen BroteS wegen verfolgt einer den andern, schlachtet ihn ab, sticht ihm die Augen aus! So ist es bei Juden, so auch bei anderen, überall auf der ganzen Welt, überall Neid, Haß und daher jede» Leid, jedes Unglück, alle Verfolgungen. Räubereien, Mördereien und Schlachtgemetzel... Der Krieg — der ist, höret, das größte Unglück in der Welt. Wenn ich Rothschild wäre, müßten alle Kriege aufhören, spurlos verschwinden! Wollt ihr wissen, wie? Durch mein Geld! Ich ivill es euch erklären, und ihr werdet es verstehen. Einstmals machten sich die Engländer über die Buren her. Deutsch, Franzosen und die anderen über den Chinesen, mit dem Zuchtriemen des Schulmeisters in der Hand. Sie wollten ihn Mores lehren, daß er seinen Zopf abschneide und Hosen anlege. Was geht es euch eigentlich an? Der Chinese will just ein iveites Kleid und einen Zopf tramn. So soll er in Gottes Namen tragen, was ihm gefällt. Wessen Sov>e ist das? Oder cttva der Türke mit feinem roten Fez. Was geht es jemond an. daß man ihm just ein Stück 'Land nach dem anderen wegnchmen möchte? Und wenn'voin Wegnehmen die Rede ist — da will ja selbstverständlich jeder das beste Stück. Sagt einer: „Nehmet euch Stambul und laßt mir den Bosporus!" und ein zweiter: „Nehmet euch Stambul und gebt mir den Bosporus!" so kommt ein dritter und meint: „Wißt ihr was? Ihr könnt lange Stambul und den Bosporus wollen, ich nehme für mich die Dardanellen! . . ." Darob ein Lärm: „Dardanellen? Was heißt das? Wir sollen gestatten, daß du die Dardanellen bekommst? Tie Dardanellen sind Gemeingut, sie gehören allen . . Kurz, Dardanellen hin, Dardanellen her, es wird so lange dardanellt, bis vom Kanonenlärm die Luft erzittert und- Menschcnblüt in Strömen sich ins Meer ergießt. Da habt ihr nun eure Dardanellen! ... Nun käme ich und sagte: „Gemach, Brüder, ich stehe zu Diensten. Um was ist es euch eigentlich in dem ganzen Wirrwarr zu tun? Meint ihr denn wirklich die Hagada? Oder vielmehr die Knödel? Lieber gewähre ich euch eine Anleihe, einige Milliarden; tvenn euch Gott hilft, werdet ihr mir bezahlen . . ." Nun, versteht ihrs? Ich habe ein gutes Geschäft gemacht und die Menschen hören auf, einander wie Vieh für nichts und wieder nichts abzuschlachten. Und dann — wozu noch Waffen und Heere und den ganzen Lärm? Und N»enn der Krieg aufhört, so ist es aus mit dem Neid und dem Hasie. Was Türke, Engländer. Franzose. Zigeuner oder Jude! — Die ganze Welt sieht dann anders aus, wie es im Propheten heißt: „An jenem Tage, wenn der Messias kommt..." Und vielleicht, ha!.. . n>enn ich Rothschild wäre, möglich, daß ich das Geld überhaupt abschaffte! Weg mit dem Gelde! Was ist denn eigentlich Geld? Geld ist ja bloß eine konventionelle Einrichtung, ein fingiertes Ding, eine Leidenschaft, die größte, von der alle bescsien sind . . . Wenn es aber kein Geld gäbe, so gäbe cs auch keine Leidenschaft mehr . . . Begreift ihr es ynn oder nicht? Nun? Fragt sichs nur: Wo nähine man dann „auf Schabbes"? (Reb Eli-Meier tunticft sich in Gedanken, reibt die Stirn und untersucht alle Taschen.) Ja, wo nehme ich denn jetzt „auf Schabbes"? . . . Lllcherschau. „Dir Juden «I» Rasse »nd flullurtolf'. Von Fritz Kahn. Welt-Verlag, Berts», Preis 3.5» M. (Sin Buch, daS jeder vlebildele zur. Siereicherunq dcS.eigenen ÄcscnS und Wissens, ob Jude odc^ Richtjude, lesen sollte, äjcaen daS parteiische viezänke »nd gegen die einseitige Ausbeutung veS gehetzten Problems, die Juden alS Rasse und Knltiirvolk, fährt Fritz gähn daS ivuchtige (beschütz sachlichster Wissenschaftlichkeit auf und legt mit überlegener Strategie »nd Tresssicherheit die dünnen Wände Ehamberlaiuscher Phantasterei »nd Rabiilistik nieder. ES ist eine Freude, von so sicherer Hand durch daS Urwcltgcbiet menschlicher Geschichtswcrdunq gesührb zu werden. 'Auf breiter Grundlage wird der Begriff Rage aufgebaut, tzaS biologische Zustandekommen der Rassen entwickelt und die Wertung

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