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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-24 · 21 (24.10.1919) · p. Seite 232

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
21 (24.10.1919)
Date
1919-10-24
Page
Seite 232 (sequence 2)
Language
German
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232 Religionsunterricht immer nur zum Beginn eines neuen Semesters zulässig sein sollen, und zwar ist diese Regelung ans scimttccbnischen Gründen getroffen worden. Berlin. Antwort der preußischen Regierung auf die kleine Anfrage der Deutschnationalen über die Judeneinwanderung vom Osten: Die Regierung gab folgende, auf der Linken mit großem Beifall ausgenommen« Erklärung ab: Die Befürchtungen über Steigerung der Wohnungsnot und der Ernädrungsmangel» in Deutschland durch die Einwanderer sind übertrieben. Lästige Auswanderer können nach den bestehenden Bestimmungen allerdings abgeschoben werden. Von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, wenn es fich^rnn Flüchtlinge handelt, die der zwangsweisen Ein-- stellung in die polnische Armee entgehen wollen, empfiehlt sich nicht, so lange im Osten der Friedenszustand nicht tat- Mblicb wieder hergestellt ist. -Flüchtlinge nach Polen,-wo Judenpogrome eine ständige Gefahr sind, abzuschieben, verbietet sich aus Gründen der Menschlichkeit. (Lebhafte Zustimmung links.) Verbrecher wird die Regierung rücksichtslos über die Grenze zurückschaffen. Dabei wird selbstverständlich nicht nach konfessionellen Rücksichten verfahren. (Lebhafte Zustimmung links.) Düsieldors. In einer hiesigen deutsch-völkischen Versaumtlung sprach Rechtsanwalt Wiegerhaus-Elberfeld in der, üblichen antisemitischen Weise über den „Anteil der Juden am Zusammenbruch Deutschlands". In der Diskussion ereignete sich ein Vorfall, der, wie die „Düsseldorfer Lokal-Zeitung" schreibt, die ganze fanatisch« Gesinnungs¬ und Gefühlsroheit eines Teiles der Versammlung in erschreckendem Lichte zeigte, so daß man sich ihres GeRarens als Christ und als Deutscher schämen muß. Der Rechtsanwalt Paul Löwe erbat das Wort. Vorsitzender Hoppe: Ich bemerke, daß nur Deutsche von Geburt zu dieser Versammlung geladen sind und das Wort erhalten. Löwe: Ich bin 30 Kilometer vom Corneliusplatz geboren. (Heiterkeit.) Dys Argument mußte wohl wirken, denn das Wort wurde ihm erteilt. Rechtsanwalt Löwe, Kriegsbschädigter, einarmig, dem der leere Rockärmel ein stummer und beredter Zeuge ist, daß man ihn früher wohl als Deutschen in Anspruch genommen hat, wollte ausführcn, daß „hier so viel Lügen und Verleumdungen gegen die Juden vorgebracht seien . . . Weiter kam er nicht. „Jude, Jude — raus! Raus. Du Dreckskerl! Jude! Spartakist. Spartakist! Raus, raus!" so brüllte es wahrhaft teutonisch durch den Saal. ^Mehrere Fanatiker springen auf und drängen drohend nach vorn. Vorsitzender: Ich entziehe Ihnen das Wort. (!) Löwe verließ darauf das Podium unter fortwährenden Beschimpfungen: einige Augenblicke hatte eS den Anschein, als ob etliche der.Erhitztesten gegen den wehrlosen Kriegskrüppel handgreiflich Vorgehen wollten. Er tat darum das klügste, was er tun konnte und verließ den Saal. Göttingen. Der im 79. Lebensjahre verstorbene Geh. Regierungsrat Prof. vr. Gustav Cohn lchrt.hier seit 1884 als Ordinarius. Sein Hauptwerk ist das „System der Nationalökonomie." Breslau. Professor Rabbiner vr. Jakob Guttmann. Vorsitzender des RabbinerverbandeS in Deutschland und 2. Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, ist — 74 Jahre alt — verschieden. Polen. Warschau. Außer den in Warschau bereits weilenden zwei Mitgliedern der Pogrom-Misfion, Sir Samuel und Hauptmann Wright, entsandte das -englische Auswärtige Amt noch ein drittes Mitglied in der Person des Herrn Philipp, ebenfalls Jude, der das Amt eines Sekretärs beneiden wird. Warschau. Das Kultus- und Unterrichtsministerium forderte alle jüdischen Gemeinden auf, ihm sofort eine Aufstellung über die Schäden zuzustellen, welche die Gemeinden durch den Krieg während der Okkupation des Landes erlitten-haben, und zwar durch Requisition von Gemeindegcbäuden, durch Beschädigung von Bibliotheken, Büchern und dergleichen. Gleichzeitig soll auch die Größe dieser Schäden angegeben werden. Lodz. Einige Tage nach den blutigen Exzessen in Lodz ist dorthin Samuel, der Leiter der englischen Misiio« zur Untersuchung der Pogrome in Polen, gekommen. I» der jüdischen Gemeinde ist er von dem Deputierten Rosen- . blatt und einigen anderen jüdischen Ratsmännern begrüßt worden und hat auf diese Begrüßung unter anderem geantwortet: „Die Leiden der jüdischen Bevölkerung in Pole» sind mir sehr gut bekannt. Die englische Regierung hat mich mit der einzigen Aufgabe hergeschickt, Feststellungen über die Exzesse in Polen zu machen. Ich kann aber und will nicht der polnischen Regierung Vorschriften machen. >vic sic handeln soll. Die polnische Regierung hat mir ihre -Bereitwilligkeit erklärt, verschiedene Vorschläge zur Verbefferung der Lage der jüdischen Bevölkerung anzunehmen. Ich ztveisle aber, ob die polnische Regierung die Macht hat, ihren Willen durchzufüh«n.--Die-poMsche Regieruna hat , mir erklärt, daß sie schon eine große Zahl der Schuldigen ' bestraft hat. und sie hat mir auch das Verzeichnis der Br-* straften zuzustellcn versprochen. Bis heute bin uh aber ohne dieses Verzeichnis. Besonderen Eindruck hat auf mich die Erklärung der jüdischen Bevölkerung gemacht, daß bisher noch kein Einziger von den Schuldigen an den amisemitischen Exzessen bestraft worden ist. In dieser Hinsicht habe ich Interesse daran, festzustellcn, wer von den beiden Parteien die Wahrheit gesagt hat." * Reue Pogrome in der Ukraine. Ukrainische Pressedienst meldet: Die Soldaten Denikins haben nach der Einnahme von Kiew in der Stadt einen zweitägigen Pogrom veranstaltet. Die Totenlisten der Kiewer Zeitungen weisen 27 Namen der Pogromopfer auf. Die Truppen des Generals Glasow haben in Bobrinska und Zwitkowo jüdische Geschäfte geplündert. In Odessa hat eine jüdische Abordnung bei» Generalgouverneur Schilling Protest gegen die Judenausschreitungen der Freiwilligenarmee erhoben. In Jekaterinoslaw haben Denikins Truppen alle jüdischen Häuser in vier Straßen zerstört, hunderte von jüdischen Frauen geschändet, viele Juden getötet. In C h a r k o w finden täglich Plünderungen jüdischer Häuser und Gewalttaten an Juden statt. Ebenso ist die Lage in einer großen Reihe kleinerer Orte, wie: Grichin, Awdicwka, Enakiwo, Sinelnikowo, Losowaja. Walki, Bogodukowka. Auf der Station Sinelnikowo zivangen Offiziere und Soldaten die jüdischen Reisenden, die Züge zu verlassen und ermordeten sie unter furchtbaren Martern. In Losowaja fanden furchtbare Plünderungen statt, 2 Juden wurden erschossen; am 12. Juli veranstalteten die Soldaten einen Pogrom und plünderten dabei die Synagoge. Furchtbare Ausschreitungen fanden in Krjement s ch u g statt. Dort wurden alle Häuser geplündert. Msher sind dort 350 Fälle, von Vergewaltigungen festgestellt, wobei Mädchen von 12 und Frauen von 60 Jahren nicht verschont wurden. In anderen Teilen Südrußlands haben die Truppen Grigorieffs und P e t l j u r als die jüdischen Siedlungen ruiniert und eine große Anzahl von jüdischest Kolonisten getötet. Hebastopol. Die Schäden in der Ukraine lassen sich vorläufig nicht feststellen, über 300 Dörfer sind vollkommen zerstört, bei den Pogromen kamen über 30 000 Juden ums Leben. Tschechoflöwakei. Prag. Leopold H i l s n e r, der aus dem Ritualmordprozeß von Potna bekannt ist, weilt seit einigen Tagen in Prag. Er mußte Wien als Ausländer verlassen. Wie es heißt, will er sich eine Audienz beim Präsidenten vr. Masaryk erwirken, um eine Wiederaufnahme seines Prozesse» und damit seine Rehabilitierung zu ermöglichen. Prag. DaS Präger Jüdische Preßbüro gibt den Wort- \ laut jener Stelle der Rede de» Minister» de» Äußern wie« I

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