Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 21 (24.10.1919)
- Date
- 1919-10-24
- Page
- Seite 233 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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233 der. in weicher er über den Schutz der Juden sprach: „In. dem ich di« Situation hier darleg«, füge ich noch hinzu, daß di« Friedenskonstrenz damit einverstanden war. daß die Klausel über den Schutz der Juden in der tschecho-slowakischen Republik im Friedensvertrag nicht angeführt werde, obwohl Polen und Rumänien diese Klausel in dem Vertrag haben. Auch in dieser Sache hat die Konferenz uns gegenüber volles Vertrauen kundgegeben und ich glaube, daß in allen nationalen Fragen unsere Republik in einer Weise Vorgehen mutz, daß sie sich dieses Vertrauen der Großmächte und des Völkerbundes in allen die angeführten Nationen betreffenden Fragen verdient. Ich konstatiere, daß sowohl der Völkerbund als auch die Großmächte in uns das Vertrauen Hetzen, daß wir unseren Minoritäten in gleichem Maße das geben, was eine kulturell.reife Nation bedarf, und worauf sie wirklich den Anspruch hat. Wir haben den Vertrag über die Minoritäten unterschrieben, und ich bin Überzeugt, daß die tschecho-slotvakische Republik das ge- Mebenc Wort in vollem Maße halten wird." Österreich. Wien. Die angekündigte antisematische Massenversammlung, die von etwa 5000 Personen besucht lvar, forderte in einer Entschließung die Ausweisung der Ostsuden innerhalb Monatsfrist, „sonst könne keine Bürgschaft für die weitere Entwicklung des Antisemitismus in Dien gegeben werden". In Verbindung mit der Versammlung fanden Straßcndemonstrationen — Umzug und Verteilung von Flugblättern — statt. Ungarn. Budapest. Unter der Wucht der von der Ententepresse -gegen die gegenwärtige ungarische Regierung erhobenen Anklagen hat sich der Ministerpräsident Friedrich genötigt gesehen, das zuzugeben, lvas er bisher als Ausgeburt jüdischer Phantasie bezeichnet hatte. Er gesteht, wie die W. M. Z. meldet, jetzt nicht nur die Judenmorde in Transdanubien ein, sondern hat auch den Grafen Andrassy und Stephan Bethlen ins Hauptquartier des Oberkommandanten Horthy entsendet, um Verhandlungen über die Vermeidung eines gegen die Juden gerichteten Bürgerkrieges einzuleitcn. Diese Geschäftigkeit darf uns nicht darüber täuschen, daß sich an dem Regierungssystem des Herrn Friedrich nichts geändert hat. Noch sitzen an den maßgebendsten Stellen der Regierung die durch ihre judenfeindliche Politik bekannten Politiker. in Transdanubien Pronai, Kmety und andere Verbrecher, die abseits von jedem politischen Treiben stehende Juden grundlos gehängt und erschossen haben. Wenn Herr Friedrich cs ivirklich ernst meint, so muß unbedingt verlangt werden, daß auch Juden bei den vorzunehmenden Untersuchungen zu Worte kommen. Aus den Reihen des Landesverbandes der Juden in Ungarn müßten die Männer herangezogen werden, die zur Vertretung der jüdischen Interessen an der Untersuchung in den von Judenblut getränkten Gefilden Transdanubiens dorthin entsendet werden müßten. Nur so könnte Herr Friedrich zeigen, daß er auch demokratische Forderungen zu wiirdigen versteht und durchzuführcn gewillt ist. Budapest. Das Ungarische Telegraphen-Korrespondenzbureau meldet: Der neugegründete Landesverband der ungarischen Juden erläßt einen Aufruf, worin er der Anklage entgcgentritt, daß für die Geschehnisse während der kommunistischen Herrschaft einzig und allein die Juden verantwortlich zu machen seien. „Indem wir anerkennen", heißt es in dem Aufruf, „daß es in Ungarn unter den Verkündern der kommunistischen Grundsätze und den Schöpfern der Proletarierdiktatur viele Personen jüdischer Abkunft gab. müssen wir gleichzeitig feststellen, daß diese Leute sich mit dem Judentum weder in Religionsnoch in Rassegemeinschaft eins fühlten. Ihre Angriffe trafen in erster Linie die Juden, soweit sie Repräsentanten des Kapitals waren." Wien. In Frauenkirchen (Westungarn) begann mit dem Einzug der weißen Gardisten ein« Pogromhetze.. Die fünfzehn jüdischen Familien des Ortes leben in fortgesetztem Schrecken. Leutnant Bucker, der Führer der Gardisten, ließ Plakate anbringen, die zu Mord und Raub an Juden auffordern. Amerika. Paris. Die „Zionist Society" beabsichtigt eine Muster-Kolonie von 100 000 Juden in Palästina anzusicdeln, die zum großen Teil aus den Vereinigten Staaten kommen würden. Man rechnet, daß zirka 8000 Arbeiter des Schneider-Gewerbes auswandern werden. Nachdem die Arbeiterzahl in diesen Industrien seit dem Kriege infolge des Einwanderungs-Verbotes schon ungenügend ist und viele Arbeiter in die Fabriken der Kriegsindustrie abgewandert sind, so muß man — bei der äußerst wahrscheinlichen Realisierung dieser Eventualität — sich auf «in« scharfe Krise gefaßt machen. Um dieser Situation möglichst abzuhelfen, werden gegenwärtig große Anstrengungen gemacht, uin die ausländischen Arbeiter zu amerikanisieren und ihre Lebenslage zu verbessern. Newyork. Ein Gesetzentwurf, der jede Einwanderung nach den Vereinigten Staaten für die Zeit von zwei Jahren aufheben will, ist von dem Kongreßmitglied Johnson aus Washington eingebracht worden. Diese Maßnahme wird von der amerikanischen Arbeiterfürderation unterstützt, »velche seit vielen Jahren die Einschränkung der Einwandrung als einen tvesentlichen Punkt-in ihrem Programm . vorgesehen hatte. Die republikanische Partei unterstützt! die von Johnson vorgeschlagenen Maßnahmen, welche auch! die Zustimmung vieler demokratischer Parteimänner haben.! Palästina. Jerusalem. Das Verbot des Singens der Hatikwah an öffentlichen Stellen in Jerusalem hat begreiflicherweise unter der jüdischen Bevölkerung große Verstimmung hervorgerufen. Ter Befehl spricht allerdings nicht von der jüdischen Nationalhymne. Er verbietet das Singen jeder Nationalhymne, mit Ausnahme der englischen. Die Juden können Fch aber dennoch nicht des Eindrucks erwehren, daß das Verbot speziell gegen sie gerichtet ist, denn das Singen einer arabischen Hymne war in Jerustlem bisher überhaupt unbekannt. Das Verböt kann sich also unmöglich gegen diese richten. Die arabischen Zeitungen berichten auch, nicht ohne Stolz, daß das Verbot auf die Intervention des arabischen Klubs in Jerusalem zurückzuführen ist. > Anläßlich eines scharfen Angriffes, den die hebräische Tageszeitung „Doar Hajom" vom 18. August gegen die Jerusalemer Stadtverwaltung richtet, wird auch dieses Verbot berührt. Die Zeitung weist darauf hin. daß die Stadtverwaltung keine gewählte, sondern eine von der Militärverwaltung für einen gewissen Zeitraum bestimmte ist, und schreibt dann: „Mögen die Herren von der Stadtverwaltung wissen, daß ein wachsames Auge ihre Tätigkeit kontrolliert. Die Herren dürfen nicht vergessen, haß Jerusalem eine jüdische Stadt ist, nicht nur tvegen ihrer Vergangenheit, sondern auch tvegen der Zahl der jüdischen Einwohner. Es sind Gerüchte verbreitet, wonach das Verbot des Singens der Hafikwah im Stadtpark auf die Jnitia-; tive der Mitglieder der Stadtverwaltung zurückzuführen j ist. Wir wollen wissen, was an diesen Gerüchten wahr ist I und auf wessen Veranlassung dieser Befehl erfolgt ist. ES! wird auch behauptet, daß die Stadtverwaltung den Plan! hatte, den bisherigen Mietern des Parkes die Konzession : zu entziehen, tveil diese Juden sind, und daß nur dank dem! Eingreifen eines christlichen Freundes der Juden dieses Vorhaben verhindert worden ist. Was ist hieran wahr, und was unwahr? Wir verlangen eine klare und deutliche Antwort." . . „ Jaffa. Der Provisorische Rat der Palästinensischen Juden beruft auf den 18. November eine Abgeordnetenvcrsammlung ein, die die Selbstverwaltung und die demokratische Vertretung der palästiensischen Judenheit ordnen soll. Der 26. Oktober ist als Wahltag der Abgeordneten festgesetzt worden. Von der Einberufung einer Konstituante hat man vorerst Abstand genommen.