Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 98 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3776398-6437699-6437748--120-3776513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
98 Max Grunwald: lebt nicht für sie, es lebt nicht in ihnen. Dem Zeitgenossen Jerubbaals brauchte man nicht zu erklären, was Pesach, was Schabuot, was Sukkot sei! All das lebte er, es war ihm kein An** und Nachempfinden. Man gießt Kanonen um, warum nicht auch Religionen? »Die Tora spricht die Sprache der Menschen«, der Lebenden, nicht der Toten, der pulsierenden Gegenwart, nicht eines geistig längst überholten Altertums. Gebet der Jugend, was der Jugend ist! Sie will Sonne, Lerchenjubel, Frühling, Taten! Und bei allem und vor allem will sie Judentum! Was war denn »jüdisch leben« in der Frühlingszeit unseres Volkes, in der Zeit Simsons und Jerubbaals? Was war »jüdisch« damals, als unser Volk, ähnlich, wie wir heut im Galut, nur freilich auf heimischer Erde,, nicht als geschlossene Siedlung, sondern gruppenweise versprengt in fremde Volksschichten lebte? Die Sprache war es nicht. Die Bene Jisrael sprachen ja »Sefat Kenaan«,. die Sprache ihrer Umwelt, dieselbe Sprache, in der auf phönizischen Händlerschiffen die wichtigsten Kulturwerte nach dem Westen kamen, die Kommandosprache jener Heere Karthagos, vor denen Rom erbebte. Auch, ihre Kinder benannten die Bene Jisrael wie ihre Nachbarn. Selbst ein Saul, ein David nennen Söhne nach Baal! Und wieviel des Gemeinsamen ergab sich sonst noch aus dem Zusammenleben auf gemeinsamer Scholle? Was aber war und blieb jüdisch trotz alledem? Was einem Menschen als Besonderheit und ureigen ist, das äußert sich mit der explosiven Kraft des Instinktes, wenn er sich empört, in dem, worüber ersieh entsetzt. Das gleiche gilt von einem Volke. Für die Bene Jisrael liegen hierfür in der Bibel unzweideutige Zeugnisse vor. Bei sittlichen Exzessen, bei Ausschreitungen gegen Wahrheit, Gerechtigkeit, Gast* recht, Familienehre hören wir den Ausbruch der Empörung von Männern, und Frauen in Israel. »Lo jeosse ken be-Jisraek, »Das tut man dodi nicht in Israel«. »Lo nihjeta welo nireta kasot lemijom ailot bene Jisrael mi^Mizrajim ad hajom haseh«, »Das ist unerhört seit Israels Auszug aus Ägypten«. Zeugnisse, aus denen die Stimme des jüdischen Blutes spricht, und die uns für die Strenge und Unbedingtheit der Sittlichkeit im jüdischen- Volke jener Zeit mehr besagen, als die erhabensten Aussprüche der Propheten. Aber nicht Israel allein fühlte sich in diesem einen Punkte, unterschieden von den andern. Diese selbst, die umwohnenden Völker, empfanden den Gegensatz. Sie bezeichnen die Könige Israels als »Malke chessed«, Menschen von Herz und Mitgefühl, und dies zu einer Zeit, da unter fremdem Einfluß die Moral in Israel nicht auf der Höhe stand. Und empfindet diesen Gegensatz nicht unsre heutige jüdische JugendA wenn sie im Nepos von Geschwisterehen liest, bei Plato und Aristoteles die Sklaverei und andere sittliche Verirrungen gebilligt, ja verherrlicht findet? Schweigt ihr jüdisches Blut über den Ostrazismus, diese Ungerechtigkeit und Undankbarkeit von Staatswegen? Denkt sie nicht an einen Elia, wie der mit dem donnergewaltigen Pathos der sittlichen Entrüstung einem Achab gegenübertritt? Hat man nicht Recht, an Kalchas zu erinnern? Wie wenn der es gewagt, ja auch nur daran gedacht hätte, so vor Agamemnon hinzutreten!