Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 3 (6.1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- Seite 97 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Max Gruriwald: Zum Jugendtag, 97 Zum Jugendtag. Von einem Rabbiner. Erst am Sonntagnachmittag war es mir möglich, einen Blick in diesen fröhlich summenden Bienenschwarm zu werfen. Ich kam mitten in die Diskussion über die »Leitsätze«. Simson reckte sich im Glücksgefühl seiner jugendlichen Kraft. Wehe den Philistern, wenn er wird, was er verspricht! wenn nur nicht die Delila der banalen Lebensnot ihm seine Locken raubt! Die Tagesordnung hatte sich so gestaltet, daß ich davon absah, in die Diskussion einzugreifen. Ich hätte es gern getan. Warum soll, wenn die Jugend tagt, diesen Tag nicht begrüßen, wer ihn heraufzuführen, die Schatten der Nacht zu beschwören, als die Aufgabe seines Lebens betrachtet, eine Aufgabe, der er sein Bestes opfert? Warum soll auf einem jüdischen Jugendtag der Stand schweigen, der auf dem langen Leidensweg des Galut das nicht immer dornenfreie Amt des jüdischen Führers getragen? Die Zeiten, da die Jugend an einem Blischa ihren Spott ausließ, die sind doch wohl für immer vorbei. — So war denn die Jugend unter sich. Um so lehrreicher für den Jugend^ freund. Da gärt ein Most, der nidit in alte Schläuche will. Nichts von Galut! Hinweg mit dem Juden der Gegenwart! Fort mit den alten Bräuchen! Und doch: »Wir fordern von unseren Eltern, daß sie uns die Poesie der Feste und Bräuche erschließen!« Wir lächelten. Wie der kleine Moritz sich das vorstellt! Die Eltern sollen geben, was sie selbst nicht haben! Diese Eltern, die durch ihre Abkehr von allem Judentum das einzige verwesen ließen, worin und wovon das Judentum lebte, die jüdische Familie! Was Wunder, daß die gesunde Jugend, was die Familie ihr nicht bietet, außer Hause sucht? Sprengt ihr aber die Familie, dann fällt das letzte Bollwerk, das wir zu halten haben, zu halten um jeden Preis. Somit muß unsere erste Forderung lauten: Rückeroberung des jüdischen Hauses durch die jüdische Jugend. Aber welcher Weg führt zu diesem Ziel? Wo finden wir die jüdische Jugend? Wo bringen wir unseren Weckruf, unser Werben an sie heran? Wir sehen sie nicht bei unseren Predigten, nur zum verschwindenden Teil bei unseren Vorträgen, die doch, die einen wie die andern, nichts Höheres erstreben als dem Judentum eine Zukunft zu sichern, unserer Jugend eine Welt zu bereiten, in der sie frei, als Jude frei atmen und froh und stolz und glücklich leben könne. Wir klagen darüber nicht, das Leben geht eben den Gang, den es gehen muß, und zwingt uns, sich ihm anzupassen. Am wenigsten klagen wir die Jugend an. Eine Erinnerung genügte als ihr Anwalt: Vor zwanzig Jahren fanatisches Sturmlaufen der Alten gegen das Hebräische in der Mittelschule, heute entschlossener Kampf der Jungen für J;writ be' iwrit! »Jüdisch leben« wollen sie alle. »Jüdisch leben.« Im Hause sehen sie nichts davon. Was man hier und da so nennt, ist für sie ohne Reiz und Sinn, ist Mumie, die zu würdigen Sache des Archäologen bleibt. Es