Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 3 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum i>3 Anhänger der alten, ursprünglichen Religionsform Schismatiker werden konnten, anstelle der Neuerer — wie es zu erwarten wäre. Die letzteren gewannen nämlich sehr häufig*, so vor allem in Frankfurt — von wo die „Trennungsbewegung" aussehen sollte, und irr Ber4Hi die .Obcrhanj^ uSlUTpitrten die Institutionen und zwangen so die Orthodoxen zur Neuschaffung rcliglonsgesetzJich einwandfreierer Einrichtungen (Synagoge» Schachereien, rituelle Bäder, Friedhöfe etc.). Zweierlei also war möglich: entweder die Reformer errichteten ihren Gottesdienst neben dem dej._ Orthodoxen und überließen diesen die „Hauptgemcinde** (innerhalb des einen Gemeindeverbandes, der staatsgesetzlich zulässig war) oder sie nahmen die alten Einrichtungen in Besitz und zwangen die Orthodoxie zur Gründung einer „Religionsgesellschafr* (ebenfalls innerhalb des einen Gemeindeverbandes). Der erstere Fall war z. B. in Hamburg, der zweite in Frankfurt verwirklient. Die alte Orthodoxie konnte sich in Deutschland nicht halten. „Das alte Rabbinat im Sinne talmudisch-rabbinistischer Bildung hatte jeden U^lt verloren und starb langsam dahin" (Philippsohn I, S. 164). Die g^setz^streuMi Gemeinschaften verloren immer mehr an Umfang und Bedeutung. Ihr Wirken war nur noch peinliche Konservierung des Überkommenen. Alle schöpferischen Impulse fehlten. Sie protestierten regelmäßig gegin' Neuerungen, veraniaßten auch gelegentlich die Regierungen Partei für mc zu nehmen (was diese in Anbetracht ihrer konservativen Gesinnung und der Neuerungsbeflissenheit der Reformer ort nicht ungern taten). Ihre Gemeinschansbüdungen zogen einen großen Teil ihrer inneren Kraft aus dem krampfhaften Abwehrkamp! gegen das Eindringen des modernen Geistes. Als sich aber die deutsche Zivilisation nicht mehr zurückdämmen ließ, als die immer enger werdende berufliche Berührung mit den Menschen des „Winsvolkes" die ghettohafte Absonderung unmöglich machte und im profanen, geschältlichen und politischen Leben eine Angleichung herbeiführte, änderte sich das Bild der gesetzestreuen Judenheit vollkommen.. Nur noch die kultischen Angelegenheiten wurden nach den überkommenen traditionellen Formen gehandhabt, in außerk'ultischen Dingen setzten sieb die Formen der deutschen Umwelt durch. Die Rabbiner waren nicht mshr weltfremde Talmudgelehrte, sondern weltgewandte Akademiker, was jedoch nichts daran änderte, daß die talmudische Gelehrsamkeit nach wie vor Maßstab der rabbinischen Autorität blieb. So ist Samson Raphae4 Hirsch, der Begründer der „Neuorthodoxie"* in Bonn Komilitone seines radikalsten Gegners, Abraham Geiger, gewesen). Die „Neuorthcdoxie" als Regenerationsbewegung der gesetzestreuen Judenheit entstand in den dreißiger Jahren als Reaktion gegen die Reformbewegung, welche gerade damals in Geiger, Holdheim und Genossen ihre radikalste Ausprägung fand. Sie knüpfte an die noch vorhandenen Gruppen orthodoxer Juden an. deren Gemeinden in dieser Zeit größtenteils — aus Mangel an gesetzestreuen Rabbinern — führerlos waren. „Jetzt aber erhoben sich Männer, die mit allen Waffen der modernen Bildung ausgestattet, .solche in lebhaftem Kampfe für das talmudisch-rabbinische Judentum schwangen . . /* Es verbanden zahlreiche Fäden die neuorthodoxe Bewegung mit der noch im Ghetto wurzelnden Altorthodoxie. So war Samson} Raphael Hirsch Schüler des altorthodoxen Rabbiners Bernays, der von den Hamburger Altorthodoxcn zur Bekämpfung des Reformtempels nach Hamburg berufen waj. Aber sie hatte, im Gegensatz zu dieser, „den Ausgleich mit der Zeit" gefunden, d. h. sich in außerkultischen Dingen assimiliert. Die Erweckung der neuorthodoxen Bewegung bedeutet einen Akt nationaler Selbstbesinnung. War die Reform bemüht alle nationalen Bestandteile aus dem jüdischen Kultus zu beseitigen, wie aus dem profanen Leben der Aufgeklärten schon seit Auflösung des Ghetto alle nationalen Elemente verschwunden waren, so gingen die Anstrengungen der Neuorthodoxie dahin, den nationalen Charakter der Judenheit durch peinliche Aufrechterhaltung aller, also vornehmlich der bedrohten nationalen Formen seines Religionsgesetzes zu retten und neu zu beleben. Doch vermochte