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Der jüdische Student · 1924-02-01 · Heft 3 (Februar 1924) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 3 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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52 Zwang veranlaßte mehrfach theoretische Auslassungen über das Wesen der jüdischen Religion und Nation. Doch gelangte die Orthodoxie damals, zu Beginn de-s 19. Jahrhunderts noch zu keiner eigentlichen Theorie ihrer Anschauung; lediglich Versuche hierzu sind unternommen worden. Die „Altorthodoxie'4 war nicht in der Lage, mit den modernen geistigen Werkzeugen zu arbeiten, die den Reformern zur Verfügung standen, da ihre.Anhänger noch durchweg Ghettomenschen waren, streng bestrebt in ihrer Welt zu verharren, und sich dem geisiigen Leben -der Umwelt zu verschließen. So konnte, wie der liberale Historiker meldet, das Sammelbuch orthodoxer Gutachten über den Hamburg er Reiormtempel keinen Eindruck machen, „da-es lediglich in die Form populistischer Buchstabenauslegung gekleidet war und jedes höheren Standpunktes entbehrte". Es erwies sich, daß die- Waffen der Altorthodoxie die Gegner nicht trafen. Die Reformer raachten sich über die rabbixüschen Gutachten lustig. Es wurden „die Schwächen" der rabbinischen Kampfschrift „von den Anhängern der gelehrten Reform mit Schärfe und Witz hervorgezogen . . .; dazu kam, daß der Altorthodoxie junge und gewandte Helfer fehlten: die gesamte junge Intelligenz war von der Assimilationsbewegung ergriffen. Und so ergab es sich, daß die Anhänger der alten, ursprünglichen Verfassung des Judentums bald den Reformern gegenüber in Hintertreffen gerieten und, während dic-se immer mehr die'Geister für sich gewannen, sich fast überall resigniert zurückziehen mußten. Daß sich die Orthodoxie in der Aufklärungszeit überhaupt erhielt, hat mehrere soziologisch bedeutsame Gründe. Aus ..Erbgewohnjieit" allein läßt sich diese Erscheinung nicht erklären. Es war vor altern der Instinkt der Arterhalrung, welcher vielen die Reformbewegung als feindlich weil'. Artzerstörend erscheinen lassen mußte. Dieser Instinkt wurde besonders in der jüdischen Familie wachgehalten, die einen religiös-gemeinschafUichen Charakter hatte. In die Familie drang die artfremde Zivilisation am schwer-v sten ein. Wenn im geschäftlichen Leben schon deutsche Sprache, deutsche Umgangsformen «md Vorstellungsweisen herrschten, so konnte das Haus immer noch den Charakter behalten. d<-;n es in der Ghettozeit besesser. hatte. So sehen wir auch heute in den Familien der eingewanderten Östjuden größtenteils noch alle Bräuche des östlichen Ghetto, hören dort nöcfc den Jargon, wum die männlichen Mitglieder außerhalb des Hauses längst die Formen der Umweh angenommen hüben. Die Familie.stellt die äußerste Form des ..Unter-sich-seins" dar. Die rituellen Gebräuche des Familienlebens im Judentum haben zahlreiche Beziehungen zur nationalen Vergangenheit des jüdischen Volkes und wecken somit immer wieder rJie Vorstellung der eigenen Art. Ferner lieg; in der jüdischen Ehe ein großer Teil des Schwergewichtes auf der Persönlichkeit der Hausfrau und Mntter. also auf dem von den Einflüssen der artfremden Umgebung am wenigsten berührten Glied. Für die Erhaltung der Orthodoxie wirken noch von außen Antisemitismus und rechtliche Sonderstellung, die das Gefühl der Distance,. zur Umgebung wachhielter. Schließlich ist noch als Stätte der Orthodoxie das Laridjudentum anzuführen: in sein Milieu drangen die .modernen'Ideen am schwierigsten ein. (Bis heute ist die Landjudenheit ein .,RekrutcnJepot'4 der großstädtischen Orthodoxie geblieben.) Daß mancherorts die Orthodoxie bis zur Gegenwart, die „Hauptgemeinde" bildet, hat seinen Grund nicht etwa in zahlenmäßiger Überlegenheit, sondern darin, daß sie zunächst die ursprüngliche Position innebc-hielt. während sich die Reformvereinigungen neben ihr bildeten, dann aber vornehmlich an der intensiveren Anteilnahme der Orthodoxen am Leben der Gemeinde, wodurch die zahlenmäßige Unterlegenheit. in der sie fast stets waren, überwunden wurde. Es bestand dabei folgender Zustand: trotz der tiefen Kluft zwischen Orthodoxie und Reform gab es in Preußen formell nur eine Gemeinde an jedem Ort: denn das Gesetz erlaubte keinen Austritt aus der bestehenden Kultusorgunisation. Und so waren ■die Orthodoxen Institutionen mit denen der Reform in eine m Verwaltungsapparat zusammengefaßt. Nur hierdurch war es möglich, daß die

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