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Der jüdische Student · 1924-02-01 · Heft 3 (Februar 1924) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 3 (Februar 1924)
Date
1924-02-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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54 Die Paneibestrebungen im deutschen J-udentum sie nicht den nationalen Charakter des jüdischen Gemeinschaftslebens in scinrr Totalität zu bewahren und versuchte deshalb ihr. in einer Weise wieder zu festigen, die zwar eng an die Tradition anschloß, sich aber auf das beschränkte, was unter den veränderten sozialen Verhältnissen möglich war, auf das Kultische. Israel Hildesheimer, der Führer der Berliner Neuorthodoxie „predigte strengste Treue gegen die religiöse Tradition und zugleich eine äußere Aneignung der deutschen Kultur" (Rubnow). Es wurde — wogegen sich die Altorthodoxie heftig gewehrt-hatte — Predigt in deutscher Sprache eingeführt: ferner schuf Hirsch eine Zeitschrift in deutscher Sprache (Jeschurun) und begründete eine heute sehr umfangreiche demschgeschriehene orthodoxe Literatur. Auch das von der Neuorthodoxie geschaffene Schulwerk trägt modernen Charakter und ist dadurch von den Chcdarini und Jeschiboth der Altorthodoxie unterschieden. Trotzdem bedeutet die Gründung der Neuorthodoxie einen Akt nationaler Selbstbesinnung. Es wird die Judenheit als Nation erklärt, wenn auch als Kriterium derselben ein religiös-geistiges aufgestellt und das physische, rassenhaftc des Volkseins ignoriert und später, dem Zionismus gegenüber, als unwesentlich hingestellt wird. Die Orthodoxie leitet die Existenz der jüdischen Nation aus der Tatsache der nationalen Geschichte ab, welche die eines auserwählten, mit besonderen von Gott aufgegebenen Pflichten bcladenen Volkes sei. Das Judentum „ist das Gesetz, das die jüdische Nation in geschlossener Einheit am Berge Sinai aus Gottes Hand empfangen hat und ihren Gliedern befiehlt. Der unmittelbare Adressat der Offenbarung ist nicht der einzelne, sondern die Nation, die durch Übernahme des offenbarten Gesetzes zur Willenseinheit wird . . . Wäre"sie an den einzelnen ergangen, wie könnte sie die Nachfahren finden? . . . Nicht weil der einzelne von der Göttlichkeit des Nationalgesetzes überzeugt ist, sondern weil der Wille der Nation über dem seinen steht und ihn bindet, Leistet er dem Gesetze Gehorsam . . .** Ü. Breuer, „Judenproblem" S. 81).* Dem Individualismus des liberalen Judentums, der das Jude-Sein aus persönlichen Motiven der Überzeugung, der Treue ableitet, tritt hier der Zwang der Kollektiveinheit entgegen.*)- - Diese Selbstbesinnung führte zu schroffer Abgrenzung gegen alle, die nicht der Meinung der nationalen Gebundenheit der Juden durch das göttlich gehaltene Gebot anhingen. Die Orthodoxen folgten nicht den Einladungen zu den Rabbinerkonferenzen. Ja. es bildete sich .eine heftige Feindschaft den Liberalen gegenüber aus, die ihrer Leidenschaftlichkeit nur aus der Vorstellung von dem Verrätertum der Reformer, voa deren eigentlicher Zugehörigkeit zur Nation erklärlich ist. Schon der altorthodoxe Rabbiner Sofer, auf den sich Hirsch gerade in dieser Hinsicht beruft, hat jede Verschwägerung mit den „Ketzern** verboten. ,.Die Neologie ist der Todfeind der jüdischen Nation. Sie ist aus der Nation ausgetreten**. (Breuer). Xmd Juden — Kinder des Volkes, das bei Gott in die Schule gegangen war um Gerechtigkeit zu lernen, das durch seine geistige Berufung davor bewahrt sein sollte, die politische Form und politische Formel als letzte Weisheit des Gesellschaftsseins und der Geseljschaftsbewegusg zu betrachten; dem jenseits der demokratischen, mittelbaren und der aristokratischen, unmittelbaren Form des Einzelherrschaftswillens, der Weg, zur Herrschaft des Gottes — und Volksgedankens gewiesen war, Kinder dieses ^olke-s — haben statt der Lehre Gottes die Lehren der Heidenrebellen befolgt . . /* (Nathan Birnbaum, „Gottes Volk*'). *) Bei S. R. Hirsch ist die Betonung des nationalen Charakters des Judentums nicht so prägnant wie bei seinen Nachfolgern, die durch den Zionismus zu größerer Präzision in dieser Richtung gezwungen worden sind. Er hatte lediglich die Religionsreform zu bekämpfen und nicht einen jüdisch-national gesinnten Gegner. Doch ist auch bei ihm, wenn auch mehr beiläufig, an vielen Steilen die Judenheit als Volk und Nation bezeichnet. CS. vor allem Peniateuchübersetzung und -Kommentar).

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