Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537784-3537785--5977-3544105
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum 23 sehenden ästhetischen und religiösen Vorstellungen gruppieren sollten. Man wollte die religiöse Assimilation organisieren, eine Religions p a r i e i des liberalen Judentums schaffen.1) Die führenden Männer des liberalen Judentums waren sich durchaus nicht über das Maß an Liberalismus einig, das auf das überkommene Judentum angewandt werden sollte. Entsprechend dem Charakteristikum aller erneuernden — reformierenden und revolutionierenden — Bestrebungen, sofern sie aus der Ablehnung des Ueberkommenen und nicht aus positiver Zielsetzung ihre Kraft beziehen, eine Vielzahl von Sonderauffassungen in sich zu vereinigen, da ein imaginäres Ziel die, verschiedensten Auffassungen und Ausdeutungen zuläßt, war auch die „Reform" in viele Richtungen zerteilt, aus denen sich drei hervorheben lassen; eine radikale, eine gemäßigte und eine historisch-konservative. (Die Radikalen waren vor allem durch Abraham Geiger, Holdheim. S. L. Steinberg, Mendel Heß vertreten; Sprecher der „Gemäßigten" war L. Philippsohn und aui dem rechten Flügel stand vor allem Zacharias Frankel mit seiner „Breslauer Schule**.) Die Entstehung der verschiedenen Richtungen des liberalen Judentums vollzog sich durchaus ungeregelt und zusammenhangslos. Sie waren ideologisch getragen von einer Generation akademisch gebildeter, in der deutschen Kultur aufgewachsener Rabbiner, welche an die Stelle der altorthodoxen Rabbiner getreten waren. Es waren meist Männer von großer , Weltgewandtheit, durch das Leben an den deutschen Hochschulen mit den geistigen Strömungen der Zeit vertraut. So waren sie zu dem Versuch befähigt, den Ausgleich zwischen dem überkommenen Judentum und der herrschenden Kultur zu suchen. Die Tiefe der Kluft, die -zwischen den einzelnen Richtungen der ..Reform" lag, wurde deutlich offenbar, als im Jahre 1844 in Braunschweig die erste Konferenz der liberalen Rabbiner zusammentrat. Zu positiven Ergebnissen gelangte diese Zusammenkunft nicht; es wurden nur die Erklärungen des Synhedrions, welches Napoleon 1807 zur Regelung ^er Judenfrage einberufen hatte, bestätigt und eine neue Formel für den üd aufgestellt. In einer Reihe von einzelnen Beschlüssen erlangte die radikale Richtung, Geiger und Genossen, das Übergewicht.-) Die. nächste Rabbinerkomerenz. die im darauffolgenden Jahre in Frankfurt abgehalten wurde, zeigte noch deutlicher die Unvereinbarkeit der differierenden Ansichten. Der Streit ging vor allem um die Erhaltung oder Abschaffung der hebräischen Sprache im Gottesdienst; nachdem festgestellt worden war. daß auf Orund des Religionsgesetzes keine Verpflichtung zur Erhaltung de.s Hebräischen vorliege, schied die Frage, ob man es aus andern Gründen beibehalten solle, die Geister. Geiger trat dagegen aui. hauptsächlich mit der Begründung, es „würde, wenn die hebräische Sprache als wesentliches Moment des Judentums aufgestellt würde, dieses als eine nationale Religion dargestellt werde, da eine gesonderte Sprache ein chrakteristisches Moment eines gesonderten Volkslebens sei. Frankel vertrat demgegenfber den Standpunkt, daß die hebräische Sprache historische Heiligkeit besitze: ..auf die Drohung mit der .nationalen Absonderung", aus der auch die Sorge um die bürgerliche Emanzipation herausklang, entgegnet er. daß man die politische Angelegenheit der Emanzipation mit der Ange- *) Die Ausdrücke „Reformjudentum". ..Liberales Judenrum" und „Neologie" bezeichnen dieselben Bestrebungen. Der letzte Ausdruck wird vorwiegend von der Orthodoxie angewendet. ') Es ist nicht ganz uninteressant festzustellen, wie seitens der gemäßigten Reformer den Radikalen dieselben Vorwürfe gemacht wurden, die die Orthodoxie gegen die gesamte Reform überhaupt erhebt. So schreibt der ..gemäßigte" Martin Philippsohn: ..Die Versammlung hatte den historischen Boden verlassen und so in die Wege der abstrakten Umgestaltung eingelenkt** und benutzt bei dieser Kritik weiterhin Ausdrücke wie „willkürlicher Rationalismus'4.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.