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Central-Verein-Zeitung · 1925-06-26 · 26 (26.6.1925) · p. Seite 449

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
4 (1925)
Issue
26 (26.6.1925)
Date
1925-06-26
Page
Seite 449 (sequence 9)
Language
German
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Das teligiofg ^eösn im Von Rabbiner Dr. Eschelbach er (Düsseldorf). . Die rheinische Judenheit. blickt aus eine große religiöse Vergangenheit zurück. Am Rhem hat die deutsche Geschichte begonnen und mit ihr die jüdische Geschichte Deutschlands. Speyer und Worms, Mainz und Köln sind die ältesten deutschen jüd.schen Gemeinden, und mehr noch, sie waren jahrhundertelang, mindestens bis zu den Krcuzzügen, die hervorragendsten Träger religiösen jüdischen Lebens. 'Bon ihnen ist die Lehre ausgegangen. R a b b e n u G e r s ch o m , die „Leuchte des Exils", hat in Mainz gewirkt, und von den vier „Säulen der Entscheidung", R a s ch i und Alfasi, Maimonides und Asch er i, haben -wer am Rhein gelebt. Denn Raschi hat in Worms studiert und Ascheri ist in Köln geboren. Meir v. Rothenburg, der hervorragendste Jude des 13. Jahrhunderts, war in Wormsgeboren und war Rabbiner in .Mainz. So hat das rheinische Land dem Judentum große Lehrer von ewiger Bedeutung geliehen. Im Fortgange der Geschichte ist das -Rheinland freilich nicht im gleichen Matze der Mittelpunkt des Judentums geblieben. Ohne eigene Schuld hat es seine beherrschende Stellung anderen Ländern abtreten müssen. Die schweren Verfolgungen der Kreuz, züge und des späteren Mittelalters, die es mit einer unerhörten Gewalt getroffen haben, haben die alten Zentren Zerstört und die Juden' nach Osten getrieben. In Polen ballten sie sich zu großen Massen zusammen, dort erwuchs ein neues jüdisches Volksleben und ein Judentum von größter innerer Kraft, dorthin rückte für lange Zeit der Schwerpunkt des europäischen Judentums. In neuerer Zeit'hat von allen Landcstcilen wohl die einstige Provinz Posen dem deutschen Judentum die meisten Lehrer und Führer .gestellt. Aber bedeutend und wichtig ist auch in diesen späteren -Zeiten das rheinische Judentum immer geblieben. Es sei nur an die . große Gemeinde Frankfurt erinnert, die in einem etwas weiteren Sinne doch auch zum Rheinlande gehört. Und es sei die einzige Tatsache erwähnt, daß diese Gemeinde im Verlaufe weniger Jahrzehnte der strengsten jüdischen Gesetzestreue wie auch dem entschiedensten Liberalismus des 19. Jahrhunderts in zweien seiner Söhne, in Moses Sofer und in Abraham Geiger, ihre hervorragendsten Vertreter geschenkt hat. -' Das religiöse Leben im Rheinland wird heute, ebenso wie anderwärts, durch eine unaufhaltsame Entwicklung nachhaltig beeinflußt, durch den Rückgang der Landgemeinden. Viele von diesen schwinden dahin oder gehen ein. Nicht selten stoßen wir mitten im Walde auf einen verlassenen jüdischen Friedhof, um den sich niemand mehr kümmert, wir treffen in kleinen Städten verschlopene Synagogen, in denen keiner mehr betet, wir finden Dörfer, in denen eine einzige jüdische Familie der Rest einer einst blühenden Gemeinde ist oder^diese bis auf den letzten Rest verschwand. Unwiderstehlich hat seit zwei Generationen der Zug in die Stadt zum schwersten Schaden für unser religiöses Leben die Menschen erfaßt. Religion gedeiht in der nachbarlichen Verbundenheit, sie ist nicht bloß Sache des Individuums. T«her ist die große Stadt, in der einer den andern nicht kennt, zunächst kein guter Boden für religiöses Leben. Es ist gefährdet, wenn ein Mensch ganz auf sich allein gestellt ist und wenn die heilsame Zucht, die selbstverständliche Aussicht, aber auch das < anspornende Vorbild' der Nachbarn und - Standesgenossen wegsällt. - l; Und dennoch zeigt auch die S t a d t in den rheinischen Landen hossnungsi volle Anzeichen eines jüdischen * Lebens. Sie wird bei uns, wie auch bei den anderen Bekenntnissen, der Träger einer : neu erwachten Religion. In der indischen l Stadtbevölkerung ist viel Sehnsucht nach;; neuer Liebe zum Judentum, wenn auch die i; ■ : Energie, die diese Sehnsucht verwirklicht, : oft nicht groß genug ist. Diele Juden und ' Jüdinnen verlangen nach Antwort auf die i großen Fragen des Lebens, die die Religion! gibt. Sie suchen sie in allen möglichen i Quellen, und sie suchen sie auch im Judeni tum. Freilich, den klaren Witten, den ein-; zigen Weg emzuschlagen, den das Judenz tum als die Straße 311 Gott zeigt, den Weg - der Al i z w o t h, bringen nicht alle auf. i Dafür haben sie aber den dringenden - Wunsch, daß ihre Kinder lernen mögen,! was ihnen selbst versagt geblieben war. Die I Anteilnahme am R e l i g i 0 n s u n t e r - j richt ist in allen Kreisen groß, und der! Wunsch, daß er ausgiebiger und emgehenj der sei, wird oft geäußert. Nur die Zeit, j die dazu nostvendig ist, wollen die Eltern : nicht zur Verfügung stellen. Aber der Rei ligionsunterricht ist festgewurzelt. Ms die ...—. Revolution kam und die Minister Hönisch und Hossmann ihn für fakultativ erklärte^ .ßlcmbten viele sein Ende gekommen. In Wirklichkeit ist jene Dersügung spurlos vorübergegangen. Daß Eltern ihre Kinder ihm entziehen, ist eine seltene, pathologische Ausnahme. Die Erfolge entsprechen freilich den großen Anstrengungen der Lehrer und dem guten Willen der Schüler nur da, wo jüdische Schulen bestehen. Sonst sind wir, wenigstens in den großen Städten, aus Nachmittagsstunüen angewiesen, in denen die Kinder müde sind oder die sie für ihre Schulausgaben brauchten. Und trotz alledem berechtigen uns die Ergebnisse unseres Religionsunterrichts zu einem großen Vertrauerst Es ist kein Zweifel, sobald wir diesen Unterricht unter den Voraussetzungen erteilen können, die bei jedem arideren als selbstverständlich gelten, vermögen wir Schüler heranzuziehen, die mit dem Judentum wohlvertraut sind und es aus Ueberzeugung lieben. Und die Hoffnung, zu solchen Voraussetzungen, kurz gesagt zu jüdischen Schulen, mindestens zu jüdischen Volksschulen zu kommen, ist heute größer als noch vor wenigen Jahren. Neben dom Niedergang vieler Landgemeinden sehen wir aber ein starkes Aussteigen der städtischen und ein Aufblühen des religiösen Lebens. Dieses innere religiöse Leben vermögen wir ja nicht unmittelbar zu beobachten, und wir können es nur aus äußeren Anzeichen erschließen; aber viele Erscheinungen legen ein lautes Zeugnis ab für eine hohe Achtung vor dem Judentum, sür den den Wunsch, es kennen zu lernen und würdig zu vertreten. Ausfallend groß ist die Zahl der in den jüngsten Jahrzehnten neu begründeten Nabbinate. Unter den rheinischen Rabbinern ist eine große Zahl, die die ersten Inhaber ihres Amtes sind und keinen Vorgänger gehabt haben. Während nur in manchen deutschen Landesteilen uralte Rabbinate haben, die allmählich erlöschen und eingehen, weil ihre Gemeinden dahinschwinden, finden wir im Rheinland im Gegenteil zahlreiche Gemeinden, die vor wenigen Jahren noch nicht bestanden oder noch feinen Rabbiner hatten, und die nun in kurzer Zeit hervorragende Rabbinatsntze geworden sind. Unter den Rabbinerverbänden Deutschlands ist der rheinisch-westfälische der stärkste. Und ebenso sind viele Synagogen ein Dokument sür die Opferwilligkeit, die eine würdige Stätte des Gebetes errichten und dadurch die innere Achtung vor dem Judentum auch äußerlich bekunden will. Am Rhein steht die älteste Synagoge Europas, das ehrwürdige Gotteshaus zu Worms. Aber am Rhein oder in seiner Nähe stehen auch die schönsten Gotteshäuser, die das deutsche Judentum in den Jahren unmittelbar vor dem Kriege errichtet hat, die neuen Synagogen von Mainz und Köln, von Düsseldorf, Epen und Frankfurt, und selbst in kleineren Gemeinden, so in Mülheim an der Ruhr, finden wir herrliche Bauten. Sie sind alle stolze Zeugnisse eines Judentums, das wohl in manchen äußeren Erscheinungen vom Zahn der Zeit angenagt und beschädigt, in seinem inneren Kerne aber völlig gesund, unberührt und echt geblieben ist. Die Wohltätigkeit ist hoch entwickelt. Die uralten, überall bestehenden Vereine, die Ellenrotb der Männer und die Frauenvereine, sind Zugleich Mittelpunkte des religiösen Lebens der Gemeinden. . Zahlreiche Anstalten sind geschaffen worden. Wir verweisen nur auf' Köln. Die heutige Gemeinde ist jung, ein Kind des 19. Jahrhunderts, denn die alte Gemeinde Köln ist im Mittelalter vernichtet worden.' Aber in wenigen Jahrzehnten sind hier zwei Waisenhäuser geschaffen Das Kölner Kriegerdenkmal wurde im Vorraum der Synagoge Roonstrasse am 2h September 1924 enthüllt Es verzeichnet auf neun Tafeln 231 fürs Vaterland gefallene jüdische Bürger Kölns.

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