Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 26 (26.6.1925)
- Date
- 1925-06-26
- Page
- Seite 450 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277595--02238-3537165- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
450 worden, ein Lehrlmgsheim, ein großes Kranken- und Allersheim, eine jüdisck^ Volksschule, ein großes Heim für Tnrchwanderer. ein großes Taghenn für Kinder, dazu die Kinderheilstätte Kreuznach, zahlreiche kleinere. Anstalten und viele Wohltätigkeitsvereine. Tie rheinischen Inden sind in ihrer großen Mehrheit liberal. Ihr Liberalismus ist positiv. Eine seiner stärksten und erfreulichsten Seiten ist die Achtung, die er dem alten Judentum in seiner überlieferten Form entgegenbringt. Das rheinische.Judentum verlangt religiöse Freiheit für sich selber, aber den gesetzestreuen Genossen, die „das Joch des himmlicheu Reiches" auf sich nehmen, gibt es, oft unter großen Opfern, die Möglichkeit, nach den strengsten Forderungen des Relrgionsgesetzes zu leben. Tie Art, wie viele nmerer großen rheinischen Gemeinden ihre rituellen Institutionen, die <:chechitah, das Ritualbad, ausgestaltet, wie sie Gebetstätteu für die gesetzestrene Minderheit eingerichtet haben, die Achtung vor der Ueberlieserung, die sie bei der Ansstellung ihrer Beamten beobachten, der Geist, in dem die Verhandlungen in den Gemeindekörperschaften geführt werden, legen ein glänzendes Zeugnis für diesen Positiven, wahrhaft freiheitlich gesinnten Liberalismus ab. Tabei suchen diese Gemeinden überall nach neuen Wegen, um die alten Wahrheiten frisch zu verkünden und die Kenntnis unserer Religion zu verbretten. Wohl in keinem anderen Teile Teutschlands haben die Gemeinden in einem solchen Umfange regelmäßige wissenschaftliche Vorträge, über das Judentum für die weitesten Kreise, auch für die nichtsüdischen, veranstaltet. wie gerade im Rheinland. Tie Orthodorie ist durch eine sehr tätige Gruppe vertreten. Einst hat das Rheinland in dem Frankfurter Rabbiner Samson Raphael H i r s ch und dem Mainzer Rabbiner M a r e n s Lehmann, einem nuferer besten Volkserzähler, dem deutschen gesetzestreuen Judentum große Führer gestellt, und rheinische Gemeinden, Mainz, Bingen, Köln, wurden Zentren der Treunungsorthodorie. Heute ist ihr Organ der Verein für die Wahrung der religiösen Interessen de? Rheinlands. Tas Lehrerseminar in Köln tntd das dortige Jawne-Gymnasium, die einzigen Anstalten dieser Arb weit und breit, sind Schöpfungen, auf die sie mit Stolz blicken darf. Mit der ostjüdischen Zuwanderung ist in vielen Städten in den jüngsten Jahren ein neues Element in das jüdische jkebeu eingetreten. Zn einem großen Teil streng gesetzestreu in der Form, die sie von ihrer Heimat her gewohnt sind, 'haben die Ostjuden häufig ihre eigenen Gebetstätteu und Schulen, Tajanim, Rabbiner und Lehrer. Sie stellen die Gemeinden vor neue, große Aufgaben. So bringen sie wohl Mühe und Last, aber auch Leben und Bewegung. Tie Probleme, die sie uns stellen, sind zum Teil sehr schwer. Dennoch dürfen wir froh sein, daß sie ausgeworfen werden. Tenn das gesamte jüdische Leben erfährt dadurch neue Impulse und neue Ziele. Altes und Neues, Versinkendes und Aufsieigendes vereinigt sich in diesem Gesamtbilde des rheinischen Judentums und feines religiösen Lebens. Richt in allen Punkten ist es so, wie wir es wünschen möchten. Aber wenn wir Licht und schatten gerecht verteilen, -haben wir dennoch Grund, zufrieden zu sein mit dem, was besteh:, und voller Hoffnung einer Zukunft entgegen zu schauen, die der uralten, ruhmvollen Vergangenheit des rheinischen Judentums Ehre macht. Schwerstes Leiö. Tie Verfolgungen zu Neuß im Jahre 1 096. Tie Kreuz z ü g e brachten über die rheinischen Inden Verfolgung und Tod, P'Änderung und Vertreibung. Ein erschütternder Lich blick in dieser Zeit des Grauens ist die Treue, mit der liniere Vorfahren durch den Tod ihre Anhänglichkeit an den Sinaiglauben bewiesen. Wir geben aus den aufpeitschenden Berichten über dieses Elend den von Reuß wieder gemäß bcr Uebersetzung im Buche „Edom, Berichte jüdischer Zeugen und Zeitgenossen über die Juden- Verfolgungen während der KrouMge" (Jüdischer Verlag 1919): „24. Juni 1996. Am Dienstag wurden die getötet, so im Torte Reust untergebracht waren. An diesem Tage ward dort das Johannisfest gefeiert, zu dem die Leute aus den Dörfern ringsum zusammengeströmt waren. Sie erschlugen desi frommen M a r S ch e m u e l b e n N. Ascher samt seinen beiden Söhnen am User des Rheins und begruben ihn auch im Sande des Flusses: einen der Söhne aber hänHien sie zum Hohne am Tor seines Hauses auf. Einen anderen Frommen, R. Jzschak Halevi, peinigten sie mit schweren Martern, bis er das Bewußtsein verlor. Tann tauften sie ihn. Ais er nach drei Tagen wieder zu sich kam, kehrte er nach Köln in sein Haus zurück, verweilte dor-t und ruhte eine Stunde bang, ging dann an den Rhein und stürzte sich in den Strom. Seine Leiche trieb bis Neust. Tort warf sie das Wasser aus, gerade neben Mar Schemuel, der da erschlagen worden. Tie beiden Frommen, die den Namen Gottes geheiligt hatten, wurden im Sande -des Ufers nebeneinander in einem Grabe bestattet. Auch die Frau und Kinder des Mar Gedaljah, der noch vor den Verfolgungen nach dem Tor'e Bonn gefahren war. wurden in Neust erschlagen und verherrlichten den Namen Gottes." Der C.t). im Rheinland. Von Eugen Jacobi (K ö l n). Wenn man sich mit dein E. V. - E e d a n k e n im Rheinland besch'iftigen will, so kann das nur in Verbindung mit der Frage geschehen: „In welchem Maße sind die Voraussetzungen gegeben, die eine Entwicklung der E. V.-Bewegnng fördern oder hemmen?" Tenn darüber kann kein Zweifel bestehen: Tas Rheinland hat in jeder Beziehung seine ganz eigene Struktur, uns der Rheinländer hat eine Seele von besonderer Art. Tie E. V.-Arbeit ist im Grunde zunächst eine Reaktion gegen den Antisemitismus. Ter echte Rheinländer aber ist kein Antisemit. Tiefe Tatsache liegt im rheinischen Land und seiner Geschichte begründet, die eine besondere rheinische leiste geschlissen haben. Schwere Stürme sind im Laus der Zeiten über dieses Land dahingebraust und haben der Gestaltung der Tinge in mannigfachster Weise ihren Stempel aufgedrückt. Nie aber ist die Entwicklung rückwärts gegangen, nie konnte hier die finstere Reaktion triumphieren. Im Gegenteil, ein gut Stück Liberalismus steckt im Rheinländer, der aus seinem eigenen Schicksal gelernt hat, anderen Verständnis entgeoenzubringen, und der in oft bewiesener eigener Treue begreift, wenn ein anderer seinen innerlichen Besitz nicht preisgibt. Tas Land ist s ch ö u. Es schasst frohe und freie Menschen und macht sie empfindsam gegen alles Häßliche. Und häßlich ist der Antisemitismus. ein Schönheitsfehler, der wie ein dunkler Fleck auf der Menschheit ruht. Neben Frohsinn. Freiheit und Fortschritt lebt in den Herzen der rheinischen Bewohner eine tiefe Religiosität, eine echte Frömmigkeit, die frei ist van Unduldsamkeit und Selbstüberhebung, und die ganz naturnotivendig den Menschenhast verdammen muß. Und doch ist der E. V. als Selb st v e r st ä n d l i ch k c i t i m Rheinland groß und stark geworden, weil ihm eine Weltanschauung zugrunde liegt. Tie E. B.-Jdee birgt in sich neben der Treue nun Judentum ein starkes und bewußtes Bekennmis zum Deutschtum. Ter rheinische Jude ist mit seiner Heimat verwachstu, mehr als Glaubensgenossen in einem andern Teil Teutschlands. Eine 1800jährige Geschichte und Kulturentwicklung hat ihn mit diesem Boden znw.mme'.:- geschwcäßt. untrennbar und unlösbar. Ter Jude hat nicht die rheinische Erde erworben, sondern die Erde hat den Juden zu einem rhc machen Menschen gestaltet^ und hat alle die Netze um ihn gewoben. die niemanden wieder loslassen. Und mit Treue und Hingabe hat er diesem Lande sich geweiht, mit ihm im Glück gejnbclt und im Leid ausgeharrt. Ter rheinische Jude hat für jein Land gekämpft und noch vor nicht langer Zeih während der Leparatistengcfahr, seine Pflicht gegen Rheinland und Deutschtum erkannt und erfüllt. E. B.er sein heißt wr den rheinischen Inden Deutscher sein. Aber ein anderes kommt hinzu. Auch am Rheinland ist die antisemitische Welle trotz der besonderen Einstellung der Rheinländer nicht ohne Zeichen vorübergegangen. Auch bei uns steigen aus manchem Sumpf Blasen auf und verraten, daß dort giftige Gase verborgen sind. Doch das Unkraut ist nicht im Lande gewachsen, das Gift ist von außen hereingetragen worden. Gerade eine Seele, die nicht argt und mißtraut, ist am leichtesten fremden Einflüsien zugänglich, und wo Offenheit und Ehrlichkeit herrschen, da bleibt am ehesten ein Pförtlein offen, wo die Verleumdung hineinschlüpfen kann. Sv haben auch hier die schiefen Vorstellungen sich breit machen können, die durch üble Drahtzieher mit böser Absicht über Juden und Judentum geweckt worden sind. Ter rheinische Jude hat längst erkannt, daß es hier eine ernste Ausgabe zu erfüllen gibt, daß es gilt, Wahrheit und Aufklärung zu verbreiten, daß es heilige Pflicht ist, der Lüge und Bosheit den Boden zu untergraben, daß der Kamps im E. V. ein Kampf ist für Wahrheit und Recht. Vorzubeugen gilt es, daß der rheinische Boden auch späterhin immer ein Bild friedlicher Zusammenarbeit aller seiner Bewohner bietet, daß nicht einmal, geboren ans einem langem politischen Truck, ein falsch geleiteter Rationalismus Zeiten der Rot herausbeschwört. Ter rheinische Jude hat begriffen, daß ihn mit seinen Glaubeusgenosten außer dem Tcutschtum noch ein Besonderes verbindet: das Indent u m. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft im doppelten Sinne, als Tcntsche und als Juden, und wie wir als Deutsche niemals beiseite gestanden haben, so ist es selbstverständlich, daß wir uns in die Reihe stellen, wenn jenseits des Rheines die Glaubensgenossen im schweren Kamps gegen den Amiseminsmus stehen. Aber dieser Kampf ist auch eine sittliche Tat. Gegen deu seelenlosen Antisemitismus kämpfen heißt für das menschlich Edle und Große wirken, heißt also dem Kulturgedanken dienen. Vielleicht werden einst unsere Nachfahren mit Stolz aus diese Zeit blicken, da im Taumel der antisemstochen Unmoral gerade die deutschen Juden nicht an dem inneren Wert ihrer deutschen Brüder verzweifelten und mutig und zuversichtlich einen Kampf führten, der den Phönir einer neuen, sittlichen Zeit aus der Asche von Lüge, Trug und Bosheit hat auserstehen lassen. Darum hat der E. V. im rheinischen Gebiet so festen Boden gefaßt, besonders nach dem großen Kriege. In zäher Arbeit ist ein Baustein auf den anderen gesetzt worden, und in fester, innerer Geschlossenheit steht der rheinische Landesverband heute aus der Wacht. Soweit es sich um den linbs r Heinis di e n handelt, sind heute etwa 72 Ortsgruppen m i t 5000 M itgliedern in 16 B ezir 5en um den Z e n t r a lp n n k t Köln gruppiert. Tie ihm angehören, kennen die Aufgaben und Ziele: Einigkeit im Kampf gegen'antisemitisches Unrecht und Treue gegen Teurfchtum und Judentum!