Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 11 (1850)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1850)
- Date
- 1850-06-15
- Page
- Seite 94 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360634-2360659--7097-3535800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
94 System in die Arme geführt. Auch auf unsere Theologen ist theilwcise dieser Rückschlag erfolgt, und indem mancher vor kaum 2 Zähren laut einer, freien Richtung huldigte, das Judenthum auf die höchste Ausbildung des Juden als Staatsbürger reducirte, mit keiner Sylbe seines göttlichen durch uns zu erstrebenden, durch Gott zu verwirklichenden Zieles gedachte, schreibt er jetzt mit ganz anderen Worten über, unsere Stellung im Staate dem Messiasglauben gegenüber. Ich'nenne namentlich Dr. Salomon Cohn, Rabbiner zu Oppeln, der gerade hier wohl bekannt ist, da er bei Gelegenheit seiner Derheirachung mit der Tochter des ALtonaer Rabbiners Eltlinger voriges Jahr hier war- und auch in Altona predigte. Die vorjährige Zeitung des Judenthum Nr. 27 brachte uns eine Predigt desselben, aus der ich nur einige kürze Auszüge mittheilen will. Der Prediger spricht darin über die Worte robüD, in denen Gott den Beruf seines Lölkes darstellte, und sagt unter anderen: Vaterlandsliebe, Vaterlandstreue, das sind die Grundpfeiler für den Bau eures Priesterthums." Also dies war die Bestimmung des Volks schon am Berge Sinai! Scheint es doch einer der Propheten anders aufgefaßt zu haben, indem er sagt: „Nicht habe ich euren Vätern, als ich sie aus Egypten führte, über Ganz¬ oder Schlachtopfer Befehle errheilt, sondern dies sagte ich ihnen: Höret auf meine Stimme und beachtet meinen Bund." Gehorsam also war Grundpfeiler zum Bau des Priesterthums, zu diesen einzelnen Tugenden die Vaterlandsliebe auch gehört. Weiterhin kommt ein Satz vor: „Wir, die wir schon lange jeden Anhauch nationaler Eigenthümlichkeit von uns avwischten, um in den Gesammtkörp er des deutschen Bürgerth ums aufzuge hen." Ferrer finden wir dort in Bezug auf unsere christlichen Mitbürger: „sie sollen erfahren, daß Israel, nach dem sein ,heißes Streben, nach einem Vaterlande in Erfüllung gegangen, kein anderes Streben weiter kennt, als durch Tugend, durch Achtung vor dem Gesetz und die Uebung desselben an seiner Sicherung, an seinem Aufschwung und glücklichem Emporvlühen Mitarbeiten zu können, Mitwirken zu dürfen." Ziehen wir ein Resume aus dem gesrMn, so wird Israels Ziel, als in der Gegenwart bereits erreicht, dargestellt, und wir haben nur darauf hinzuarbeicen, daß wir der Emancipation als unseres ersehnten und erlangten Messias nicht wieder verlustig werden. Wie die Göttlichkeit und Heiligkeit des Berufes unseres Volkes bei dieser Ansicht auch ihre Rechnung findet, ist schwer zu ermitteln. Wir sehen also aus allem, daß der Herr Rabbiner sich so ziemlich auf Holdheim'schen Terrain befand, wo er sich den Boden unter den Füßen wegnegirte; denn mit dem Anhauch der nationalen Eigentümlichkeiten sind doch unzweifelhaft die Satzungen und Lehren unseres Gesetzes gemeint, und nicht etwa die gleichgiltigen Eigenheiten, die der Jude, so wie jedes andere Volk haben mag. Aber geüau genommen, ist dies eine für die Rabbiner besonders sehr gefährliche Lehre, denn, gehen diese Grundsätze in steigender Progression so sind die Rabbinen überflüßig, und man brauchte nirgends einen solchen, da mit dem Aushören dcs Gesetzes, auch ein Aufhören des Gesetzlehrers stattsinden würde. (Beschluß folgt.) Oesterreich. Wien, den 31. Mai. Einem Gerüchte zufolge hätte vorgestern iu Preräu ein neuer Jndenkrawall stattgcfunden, zu dessen Dämpfung die Requisition einer Militair-Abtheiluug uothwendig geworden wäre, da die Nationalgarde 'mit den ihr zu Gebote steheuden Kräften nicht auslangte. Dktttrb, im Mai. Dem PlatzkommandanLm hier sind jetzt die Jndenbärte im Wege, und er hat, indem er sie Kossnthbärte nennt, das Tragen derselben so wie das Tragen von Kossnthhüten verboten. Krokou, den 29. Mai. Hier finden bedauerliche Conftikte und Reibungen zwischen der christlichen und jüdischen Einwohnerschaft statt. Großbritannien. London, 18. Mai. Sie erlauben mir wohl, daß ich mich als Fremder und vormaliger Rabbiner einer der gebildetesten Gemeinden im Vaterlande Ungarn, in Ihrem geschätzten Blatte über dm Eindruck ausspreche; ich beginne, wie wohl anznnehmen ist, mit der Metr op olit ansyn ag oge der sogenannten „Dukes place-Scliul“. Nachdem ich schon drei Wochen früher die benannte Synagoge an einem Sabbatmorgm besucht hatte und der Gottesdienst mich ganz unbefriedigt gelassen, indem ich erstens keine Predigt — was doch die Seele dcs Gottesdienstes ist — gehört und auch der Besuch dcs Gotteshauses ein sehr geringer nur gewesen, wurde ich um so angenehmer überrascht, als ich am ersten Tage des Wochcnfestes die Mnttcrsynagoge sah; als ich sah, wie die Andächtigen in dichtgedrängten Massen dastanden — *]bü min Dy ms — nnd Ordnung und Ruhe allenthalben herrschten, ohne daß man erst zur Zuchtruthe seine Zuflucht nehmen mußte. — Was wahr ist: die Unzahl von langweilte mich sehr. Ich bin gewiß Keiner von Denen, welchen jede Minute, die sie in der Synagoge länger verweilen, eine Last ist; aber — n-nasn wnc — für Nichts zu hatten, das Publikum hinzuhalten nnd dessen Geduld für nichts auf die Probe zu stellen — das ist denn doch ein bischen zu arg! Was mir ebenfalls misfallen, ist, daß die wunderschönen Psalmen des bbn, die in meiner Gemeinde, durch ihre Erhabenheit, sowie durch den einfachen Gesang in dem sie daselbst recitirt werden, einen auf die Beter sehr wohlthatigen Eindruck zu machen