Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 2 (8.1.1845)
- Date
- 1845-01-08
- Page
- Spalte 25-26 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9897698-9897699--3860-3530952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25 26 Kritiken. 9kbb. Löw über Rabb. Holdheim. Nothwendige Bemerkungen über nnnöthige Aerrszerungen des Hrn. Landes-Rabb. Dr. Samuel Holdheim von Leopold Low, Ober-Rabb. zu Groß-Kanischa in Ungarn- Zn der Vorrede zu seinen „Vorträgen über die .mosaische Religion," in welcher Hr. Dr. Holdheim gewisser Maaßen sein Credo ausspricht, läßt er sich in einer Anmerkung folgender Maaßen vernehmen: „Da der Stifter der christlichen Religion die schon damals zu eng gewordenen Bande einer abgesonderten Volkstümlichkeit lösen und die Menschen aus allerlei Volk in einem Reiche Gottes vereinigen wollte, so mußte Krieg und Feindschaft unter der im Glauben vereinigten Menschheit nicht gedenkbar sein, während Moses, der ein Volk und einen Staat aus den in der Religion vereinigten Israeliten bildete, bisweilen gegen Völker und Staaten eine feindliche Stellung nicht für unmöglich oder für unthunlich halten konnte. Da der Krieg aber auch unter christlichen Völkern und Staaten unvermeidlich ist, so wurden in der That mehr die Gesetze des alten als des neuen Bundes befolgt." Was nun Grammatik") und Logik gegen den letzten Satz dieser erbaulichen Betrachtung einzuwenden haben, will ich unberührt lassen, wiewohl man billiger Weise erwartet, daß ein Vertreter des Fortschrittes sich um so eifriger eines korrekten Styles befleiße, und um so sorgfältiger über die Bündigkeit seiner Schlüsse wache. Ich will mich nur.an die Hauptsache halten, an die Behauptung nämlich, daß „der Stifter der christlichen Religion die schon damals zu eng gewordenen Bande einer abgesonderten Volkstümlichkeit losen, und die Menschen aus allerlei Volk in einem Reiche Gottes vereinigen wollte". Wo hat Hr. Dr. Holdheim diese Behauptungen, die er mit so vieler Sicherheit ausspricht, her? Hat er dieselben aus irgend einem Katechismus ausgeschrieben, was, von wissentschaftlichem Standpunkte beurteilt, eine kaum zu verzeihende Leichtfertigkeit wäre, oder hat er zuerst geprüft, die Quellen befragt, und dann gesprochen, wie dies die Liebe zur Wahrheit und die Achtung vor dem Publikum unabweislich fordern? So weit die Akten vorliegen, dürfte es dem Hrn. Dr. Holdheim wohl schwerlich jemals gelingen, seine Aeußenmgen zu beweisen. Was nämlich zunächst das „Lösen der volkstümlichen Bande" betrifft, so erklärte ja der Stifter,der christlichen Religion ausdrücklich: Ihr sollet nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: bis daß Himmell *> Charakteristisch für die Ausdrucksweise des Hrn. Dr. Holdheim sind Stellen, wie folgende: „daß sie ein Kapital für die Zukunft zurücklegtm, dessen Zinsen künftigem Heile wuchern" (Vortr. S.80.), oder: „Es sind sehr Viele unter uns eiskalt geworden, der Eine mehr, der Andere weniger" (Vortr. S. 131.). Also der Eine ist mehr eiskalt, der Andere weniger eiskalt! und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis daß Alles geschehe (Matth. 5, 17. 18.) Und was die „Vereinigung aus allerlei Volk im Reiche Gottes" betrifft, so dürste dieselbe schwerlich in folgenden Worten zu finden sein, welche Jesus in Rücksicht auf das kananäische Weib sprach, die für ihre, vom Teufel übel geplagte Tochter um Hilfe bei ihm flehete: „Ich bin nicht gesandt, — so sprach er, — denn nur zu den verlornen Schafen aus dem Hause Israel." (Matth. 15, 24.) Und als die Kananiterin vor ihm. niedersiel, und rief: Herr hilf mir! Da antwortete er: Es ist Nichtsein, daß man den Kindern (den Juden) ihr Brod nehme, und werfe es vor die Hunde (die Heiden) (Matth, das. 26.) Und in Rücksicht auf die „den Frieden" betreffende Folgerung, die Hr. Dr. Holdheim aus seinen Prämissen zieht, hätten wohl folgende Stellen Berücksichtigung verdient: Ihr so llet nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden aufErden. Ich bin nicht gekommen. Friedenzusenden, sondern dasSch wert. Dennich bingekommen, denMenschenzuerregenwiderseinen Vater, und die Tochter wider ihre Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger (Matth.10, 34. 35). Oder nach Lukas: Meinet ihr, daß ich hergekommen bin, Friede zu bringen auf Erden? Ich sage: nein, sondern Zwietracht. Denn von nun an werden fünf in einem Hau se uneins sein - drei wider zwei, und zwei wider drei. Es wird sein der Vater wider den Sohn, und der Sohn wider den Vater; die Mutter wider die Tochter, und die Tochter wider die Mutter, die Schwieger wider die Schnur, und die Schnur wider die Schwieger (Luk. 12, 51 — 53.) Daß christliche Ausleger diese Stellen auf eine mildernde Weise auslegen, brauche ich nicht zu erwähnen, aber was kann Hrn. Dr. Holdheim bewegen, sich in dieser Beziehung einen hermeneutischen Zwang aufzulegen? hält er dies nicht für unnöthig? — Zu den unnöthigen Aeußerungen Holdheim's rechne ich endlich folgende, eine seltsame rnN'OI enthaltende Stelle: „Nicht der Partikularismus, das nur den Juden gegebene mosaische Gesetz, sondern der UniverMsmus, der Grundgedanke und der Grundstein, auf dem das mosaische Gesetz gebaut ist, der Monotheismus in seiner allgemeinsten Auffassung, der Glaube an einen Gott der ganzen Meyschheit, nicht als eines Volkes, sondern als Kinder Gottes, soll zur herrschenden Weltreligion werden. Die Juden sollen alsdann nicht mehr als Volk, und auch nicht als G emein de mit einer besondern religiösen Ueberzeugung existiren, sondern in der Menschheit auf- und untergehen, jedes Zeichen einer früheren Trennung unkenntlich, jedes Privilegium aufgehoben und erloschen und selbst in der Erinnerung nicht wehr vorhanden sein". (Autonomie S. 56). Wir knüpfen unsere, als notwendig erachteten, Bemerkungen zu-