Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 2 (8.1.1845)
- Date
- 1845-01-08
- Page
- Spalte 27-28 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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A Kritiken. Gabb. Löw über Rabb. Holdheim, 28 nächst an des Verfassers letztere Worte. Wenn jedes Zeichen einer frühern Trennung der Juden von Nichtjuden, jedes, in den heiligen Urkunden der Offenbarung enthaltener, Privilegium, jemals „selbst in der Erinnerung nicht mehr vorhanden sein soll," wie Herr Dr. Holdheim zu prophezeien wagt; so müßten dann und damals, das heißt: zur Zeit der Erfüllung dieser Holdyeimschen Weissagung, nicht nur jene heiligen Urkunden von der Erde verschwunden, -cs müßte auch das Andenken an dieselben und an die Geschichte Israels erloschen sein, und Niemand mehr wissen, daß ein Abraham, ein Moses, ein Jesaja, ein Jeremra auf Erden gewandelt hat, und kein Herz müßte mehr schlagen, in welchem die Töne der Harfe Davids und Affafs einen Wiederhall fanden. Wenn unser gelehrter Amtsbruder einen solchen Zustand der Unwissenheit, der Roheit, der Barbarei in irgend einer künftigen Epoche der Menschen — und Völkergeschichte wirklich für eintretbar hielte; so müßten wir seine Begriffe von der Fürsorge des Weltregierers für die Erziehung und Bildung des menschlichen Geschlechtes aufrichtig und vom Herzen bedauern. Wir halten uns zu der Zuversicht berechtigt, daß die gegenwärtig eivilksirte Menschheit nie und nimmer in solch einen Vandalismus verfallen werde, in welchem die „Erinnerung" an Israel, das so tiefe Furchen in die Geschichte der Menschheit gegraben, aus dem Gedächtniffe der Menschen schwinden konnte. Aber abgesehen von dieser Weissagung, welche das, woran sich künftige Geschlechter erinnern oder nicht erinnern werden, mit (Bidjevfyeit vorherzubestimmen sucht, abgesehen von dem ganzen Erinnerungs-Passus, dürfte auch das, was Herr Dr. Holdheim über die Zukunft des Judenthums, über dessen Auflösung und Untergang, vorherverkündet, schwerlich vor dem Richterstuhle bestehen, den der Herr Verfasser selbst als kompetent anerkennen wird. „Wo Gott so offenkundig und so deutlich selbst gesprochen, da soll der Mensch in heiliger und gesinnungsvoller Ehrfurcht den göttlichen Willen zu erforschen und zu ergründen suchen, nicht aber einen die Seligkeit und die Gewissensruhe bedingenden Glauben, den nur das göttliche Bibelwort fordern kann, für sich selber und die Ergebnisse seiner Forschung in Anspruch nehmen." Dies sind Holdheims eigene Worte in der, seine theologische Ueberzeugung darlegenden Vorrede zu seinen Vorträgen über die mosaische Religion (S. V111). Es kann sich also hier nur darum fragen, was das Gotteswort, welches Hr. Holdheim (das.) als Gegenstand seines Glaubens anerkennt, über die künftige Existenz Israels -und seiner Lehre enthalte; ob nämlich die Propheten ebenfalls von einer Zeit sprechen, wo „die Juden nicht mehr als Volk, und auch nicht als Gemeinde mit einer besondern religiösen Ueberzeugung exiftiren, sondern in der Menschheit auf- und untergehen werden". Der Umstand, daß Herr Dr. Holdheim in seinen Vorträgen, von denen mehrere wirklich beim Gottesdienst gehalten wurden, die Bibel gar so wenig benützt, und, die zuweilen nur als Motto sigurirenden Texte ausgenommen, biblische Stellen nur in seltenen Fällen anführt, dieser Umstand scheint freilich zu dem Schluffe zu berechtigen, daß Hr. Dr. Holdheim nach Weise der Rabbinen aus der polnischen Schule im Talmud und in der rabbinisch-kasuistischen Literatur besser bewandert sei, als in den heiligen Schriften. Denn darin ist er gewiß mit mir einverstanden, daß die Predigt in der Synagoge w esen tlich und un erlaßlich Derascha, d. r. Auslegung der Schrift sein müsse, wenn sie ihrem Ursprünge treu bleiben, ihrer Bestimmung entsprechen, ihre Bedeutung und ihren Werth behaupten soll. Allein gesetzt, der erwähnte Schluß auf Holdheim's Bib'elkenntniß wäre richtig, so daß es zu entschuldigen wäre, wenn Hr. Holdheim im Ernste geglaubt hat, daß seine Prophezeihung sich mit dem Geiste und den Worten der wahren und echten Propheten vereinigen lasse; so bleibt es doch auffallend, daß er in der Hitze seiner Polemik gegen Bruno Bauer sogar die im täglichen Gebete vorkommende Stelle unberücksichtigt ließ, welche er selbst seinen Vorträgen als Motto vorangestellt hat, die Jesajanische Verkündigung nämlich: „Und ich — di e s ist mein Bund mit ihnen, spricht.der Ewige — mein Geist, der auf dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, .sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deines Samens, und aus dem Munde des Samens deines Samens, spricht der Ewige von nun an bis in Ewigkeit". (Jes. 59, 21). Noch entschiedener verkündet Jeremia: „Also spricht d e r E w i g e, der bestellt die Sonne zum Lichte Lei Lage, des Mondes und der Sterne Gesetze zum Lichte in der Nacht, der aufwühlt das Meer, daß seine Wellen brausen, Ewiger der H e e r s ch a a r e n ist sein Name: Wenn diese Gesetze vor mir weichen, ist der Spruch des Ewigen, so soll auch der Same Israels auf hören, ein Volk vor mir zu sein alle Tage. Also spricht der Ewige: Wenn gemessen werden die Himmel droben und ergründet die Stützen der Erde hier unten, so werde auch ich verwerfen den ganzen Samen Israels, um Alles, was sie gethan, ist der Spruch des Ewigen". (Jer. 31, 35— 37). In demselben Sinne sagt Jesaja: „Denn so wie der Himmel, der neue, und die Erde, die neue, die ich schaffe, vor mir bestehen, ist derSpruch des Ewigen, so wird bestehen Euer Same und euer Name" (Jes. 66, 22.), und Maleachi: Ich der Ewige bin unwandelbar, und ihr, Kinder Jakob's, vergehet nicht (Mal. 3, 6. vergl. Kimchi das.). Oder meint etwa Hr. Dr. Holdheim, daß wenn Jesaja sagt: Es dorrt das Gras, es welkt die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht ewiglich (Jes. 40, 7); der göttliche Prophet nicht von dem Worte unseres Gottes, nicht von unserer Tora, nicht von unserer Religion, sondern von der Holdheim'schen Weltreligion gesprochen habe? Wir halten mindestens eine