Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-06-25 · Heft 26 (25.6.1844) · p. Seite 203

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 26 (25.6.1844)
Date
1844-06-25
Page
Seite 203 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360337--4521-3530419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

203 durch die rastlose Thätigkeit unseres Obervorstehers H. Levisohn angeregt, der als Exeget rühmlichst bekannte Hr. H. Arnheim, Oberlehrer,, alle 4 Wochen einen religiösen Vortrag halt. Zwar ist dieser Mittelzustand immer noch ein Uebelstand, doch wünschten wir diesem eine reellere Lösung, als durch jenes-— Misverstandniß. : Für ein solches wird man jene Nachricht um so eher 1 halten, wenn man weiß, daß es zwei Dr. Sachs giebt, : die aus Glogau sind. Der eine ist Dr. Michael Sachs, demnachstiger dritter Rabbinatsassessor in Berj lin, der andere Dr. Simon Sachs, Rabbinatskandi- \ dat in Berlin. Zur Ehre der Wahrheit und um weileren Misverständnifsen vorzubeugen, haben wir zu dieser Erklärung uns veranlaßt gesehen. ' MehreGlogauer. Breslrrn, 12. Juni. Seit einiger Zeit halt der Rabbiner Dr. Geiger Vorlesungen über das Chaldaische, und wir haben auch einer beigewohnt und mit Vergnügen wahrgenommen, wie G. manche eigene feine Bemerkung einzuweben, um die grammatischen und sprachlichen Materien zur leichtern und klaren Uebersicht und Durchdringung zu bringen, weiß. — Wir wollen auch , hier Gelegenheit nehmen, über die religiösen Vortrage des Herrn G. zu reseriren, was wohl nicht uninteresfant sein dürfte, da die Predigt in unserer Zeit als eins der wichtigsten Momente des Rabbinates erkannt wird, G. aber seine Predigten nicht drucken läßt, die von ihm in diesen verfolgten Zwecke und Richtungen aber um;■ so bemerkenswerthec erscheinen, als seine Gemeinde eine so viel- und verschiedenstoffige ist. Der freundliche persönliche Verkehr, in dem wir mit Hrn. G. stehen, verbietet uns aber, hier seine rednerischen Gaben zu wür- , digen, und wollen daher nur die Richtungen und Tendenzen seiner Vortrage bezeichnen, wie sie sich unserm unbefangenen Urtheil eingeprägt haben. G. tritt in seinen Predigten mehr als Volks lehr er, im alten Sinne, aber ausgerüstet mit der neuern Beredsamkeit auf. Er vermeidet daher jenes prunkende Wortgeklingel und jene gleichsam aus jener Well hergehollen und eindruckslos hinschleichenden Phrasen; er stellt sich in Mitte seiner Gemeinde, aus der er nicht heraustrirt, um sich in das Allgemeine zu verlieren, sondern sucht ihr aus diesem „ neue Lebenssäfte zuzuführen, und sie dann neu gekrastigt an allen möglichen Berührungspunkten an den Gesammt- : körper zu fesseln. Er macht keine Umschweife und Um- Wege, sondern geht gerade auf das Ucbet los, das er > nicht wie ein zärtliches Windelkind nur durch weiche; Kissen anzutasten waget, sondern das er an der Gurgel! packt und in seiner ganzen Blöße und Erbärmlichkeit darstellt und zergeißelt. Mit gleichem Freimuth, wie in seinen Schriften, aber mit lebendiger Frische und glühender Empfindung strebt er, der einsam trauernden Mutj ter, der Lehre, ihr übermüthig herumschweifendes Kind, das Leben, wieder in den Schooß zucückzuführen und ihr dadurch die finstern Wolken von dem Antlitze zu verscheuchen, dieses aber zur ursprünglichen Schönheit sich entfalte. — Ganz besonders müssen wir aber hervorheben, daß G. — wie der Tieferblickende es bald bemerken muß —- wenig vorbereitet die Kanzel besteigt, wodurch seine Reden an Lebendigkeit und Energie gewinnen. Er wird sichtlich von der Versammlung afsicirr, vor der er sein bewegtes Herz entfalten und sein überströmendes Gemüth sich ergießen läßt, und der.Strom dringet ungehindert in die Herzen, denn er kommt unmittelbar vom Herzen, und mußte nicht erst aus der Feder als Dinte herausträufeln. Diese Lebendigkeit und Energie lassen uns leicht übersehen, wenn G. zuweilen aus hinreißender Begeisterung in ernste Belehrung zurückfällt, die wieder durch plötzliche Gedankenblitze unterbrochen wird, und wenn seine Reden oft nicht genug abgerundet erscheinen. Als eine in jeder Beziehung ausgezeichnet schöne Rede können wir die von ihm am zweiten Pfingstsesttage gehaltene bezeichnen, wahrend uns die des ersten Tages in manchen Partien etwas matt vorkam. So erscheint uns G. auch in seinen Vorträgen originell, und ohne diese alle und in jeder Rücksicht als Muster hinstellen zu wollen, können wir doch mit vollster Ueberzeugung sagen, daß der sie durchdringende Geist ein sehr würdiger und eben durch seine Ungefügigkeit schwungreicher und mächtiger ist. — Hingegen scheinen uns jene Prediger ihre Aufgabe in der wahren und geschichtlichen Bedeutung nicht ausgefaßt zu haben, die mit einem völlig ausgearbeneten Vortrag vor die Gemeinde treten und ihn gleichsam von unter den Zähnen hervor auslegen. Er mag noch so kunstgemaß ausgearbeitet und vorgetragen sein, so fehlt ihm doch der rechte Schwung und die frische, lebendige Blüthe, weil er diese im Durchgang durch die enge Feder abgestreift und sich die Flügelchen wund gerieben hat. Zudem sind solche mehr oder minder kunstreich ausgearbeitete Predigten oft auf den Druck berechnet, und sie müssen sich daher ganz allgemein halten, — denn speziell gemeindliche Verhältnisse würden ja nach Außen wenig Interesse, der Rhetorik aber desto mehr Schwierigkeiten darbieten, — so doß das so wichtig gewordene Predigeramt bald mit einem bloßen Predigten vo rl eser wird besetzt werden können. Denn der, welcher nicht im Stande ist, die vorher entworfenen Umrisse in geweihter und begeisternder Stunde.würdig auszufüllen, wird auch wohl schwerlich eine gediegene Rede aus sich selbst herausfertigen können, sondern allerlei aufgegriffene Lappen zusammenflicken. Allgemein erbauliche Ergüsse und Betrachtungen können allerdings in besonder» Zeitblättern und Schriften ihren Platz finden, aber der Prediger muß seiner Gemeinde gegenüber nur diese zum Mittelpunkte seiner Reden nehmen. Die Aufgabe des jüdischen Geistlichen als solchen ist überhaupt nur eine mündlich-praktische, und erst nachdem er dieser nach Kräften Genüge geleistet, darf ec sich 26 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.