Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei
- Volume
- 1 (1930-1931)
- Issue
- 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 108 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die „vertraulichen Besprechungen", welche inerhalb der Gemeinde vor der Musterung alljährlich stattfanden, können wir heute nur Mutmaßungen anstellen. Wohl standen Verwandschafts-, Vermögens- und Geschäftsverhältnisse, Verlobungsabsichten u. dergl. Interessen an erster Stelle. Das von der Heeresverwaltung zu erstellende Rekrutenkontingent wurde an alle Gemeinden ihrer Personalbestände gemäß aufgeteilt, so daß die einzelnen Gemeinden nicht allein ganze, sondern auch „Bruchteil e" von Rekruten zu stellen hatten. Wegen der geringen Zahl der ledigen Männer brauchte eine kleine Gemeinde jährlich nur „ein Viertel" oder „einen halben Mann" zu stellen, d. h. sie war der Militärbehörde oft einen Viertel — oder halben Mann schuldig oder hatte ihn gut.8) Auch die Prager Judengemeinde stand mit der Militärbehörde in einer jährlichen Verrechnung ihres Rekrutenbeitrages. .In unruhigen Zeiten drang die Militärverwaltung auf sofortige Beistellung des ihr noch zukommenden Kontingentes. Solche Individuen, wie sie J g. B r i e s se n. in seinen „Schilderungen aus dem Prerauer Ghettolebens) („Mosche Landwehr") anführt, hatte auch die Prager Gemeinde in Reserve und erhielt sie jahrelang eigens zu diesen Zwecken. Die Rekrutenkomission tagte im Schullokale der Normalschule „am Hampass"; daselbst wurde auch der hohe militärische Würdenträger untergebracht. Ob auch hier — so wie dies in P r e r a u der Fall war — dieser Offizier „v,on der jüdischen Bevölkerung mit Spalier, Ehrenansprache vom Vorstande, Rabbiner im Ornat und Thora in der Hand den Segen spendend" erwartet'wurde, ist mir nicht bekannt. Bei der Unterwürfigkeit der Ghettobewohner ist auch diese „Feier des Schreckens" nicht ausgeschlossen. J) Prof. S. H. Lieben, „Jgereth Macihalath^ II. Jhrg. d. Ges. f. d. Gesch. d>. Juden. „Wir .stellten auf den Böden und Dächern Wasser auf--. 2) „Snemy ceske'\ IV. — 81, XI. — 257 u. w. 3) So im J. 1577, 1579 u. a., siehe Bondy-Dvorsky, II. Bd. — 764 uf. 4) Eine Abschrift dieses Rescriptes im Archiv der Israelit, Kultus- Gemeinde Prag, sub. 1704/14. — £) Jüd. Lexikon. 6) Dr. Max Grunwald, Gesch. d. Wiener Juden; Wien 1926. Eine Abschrift des Originaldekretes im Archiv der israelit. Kultusgem. in Prag (sub 1788 ohne Nummer). s) Jgn. Briess sen., Olmütz, „Schilderungen aus dem Prerauer Ghettolebe"", Jüdischer Buchu. Kunstverlag Brünn 1912. 108