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KC-Blätter · 1929-09-01 · Heft 3 (September 1929) · p. Seite 37

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Journal
KC-Blätter
Volume
1929
Issue
Heft 3 (September 1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 jüdischen Religionsideen entstand die Frage, ob das Judentum Dogmen besitze, d. h. Glaubensgrundsätze, die im Sinne des Christentums von einer religiösen Autorität feierlich verkündet wären und als ewige Wahrheit von jedem Bekenner anerkannt werden müßten. Mendelssohn hatte das Vorhandensein solcher Dogmen im Judentum verneint. Die Vertreter des freien Judentums konnten ihm in dieser Absolutheit seines Standpunktes nicht folgen. Die Frage blieb offen, und noch vor zwei Jahren haben wir eine wissenschaftliche Auseinandersetzung über dieses Problem zwischen 3. Scheftelowitz und Leo Baeck erlebt. Ersterer bejaht das Vorhandensein won Dogmen im Judentum, während Baeck überzeugt ist, daß man die Glaubensgrundsätze unserer Religion schon deshalb nicht Dogmen nennen kann, „weil ihnen die Behörde gefehlt hat, die befugt gewesen wäre, Glaubenssätze als Dogmen zu verkünden, und imstande gewesen wäre, sie als solche durchzusetzen." Baeck-führt die Ansichten einiger Bahnbrecher der Reform an, wie David Einhorn» Samuel Holdheim, Leopold Löw und Abraham Geiger, die an Ideen, Wahrheiten, Lehrsätzen des Judentums festhalten. Wie man zu diesem Problem auch immer stehen mag, soviel ist gewiß, daß die freie Richtung im Judentum den Standpunkt Mendelssohns abwies, wonach jüdische Religion nur geoffenbarte Gesetzgebung sein sollte. Und auch dieses Gesetz wurde von der Reform nach religiöser und wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit untersucht und seine ewige Geltung im Sinne Mendelssohns bestritten. Zusammenfassend kann gesagt werden: die Neuorthodoxie näherte sich dem Inhalte nach der Auffassung des großen Weltweisen, wahrend der Liberalismus, wie wir heute sagen, die Form der Mendelssohnschen religiös-philosophischen. Geistesrichtung annahm. Diese Form ist die kulturschafsende und mit der Kultur sich einende Gedankenwelt des Judentums, das nur im Sinne und in Uebereinstimmung mit wissenschaftlicher Wahrheit und ästhetischer Schönheit bestehen kann. Ein Judentum in Freiheit, in Wahrheit und Schönheit neu zu gestalten: das ist die Aufgabe der jüdisch-religiösen Reformation, die in der Nachfolge Mendelssohns immer von neuem bewirkt werden soll. Mit der ihm eigenen Treffsicherheit hat Abraham Geiger diesen Standpunkt mit denWorten gekennzeichnet: „Umgeanderte, neue Gestalt, ein verjüngtes Leben, vom Geiste getränkte, durchdrungene Formen! Das Schwere wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne soll Sinn und Bedeutung haben, soll den Geist erheben, das Herz erwärmen, damit es auf die ganze Lebensäußerung Einfluß habe." Die sichtbarste Lebensäußerung jeder Religion aber, die zugleich ihr Wesen darstellt, ist der Gottesdienst. Hier wurde die Reform angesetzt, indem Schönheit und Wahrheit in ihm zur Geltung, gebracht wurde. Mendelssohns Geist und Lebensstil, der auf die innere Schönheit und Wahrheit zielte, hat sich in unseren Gotteshäusern wie in unserem religiösen Leben durchgesetzt, und zwar bei der Orthodoxie und dem Liberalismus. So müssen wir Hermann Cohen beipflichten, der Moses Mendelssohn eine große, messianische Tendenz für unser Judentum zuspricht. Moses Mendelssohn als Vorläufer Gabriel Metzers Von Dr. Fritz Friedländer, Berlin. Fritz Mauthner hat im vierten Bande seiner „Geschichte des Atheismus im Abendlande" über Moses Mendelssohn ein Urteil gefällt, das gerade anläßlich der Feier seines 200. Geburtstages nachdenklich stimmen sollte. Der geistreiche Publizist, der beharrlich seinen eigenen Weg verfolgte, meint daselbst: „Nicht nur die Betriebsamkeit jüdischer Schriftsteller trägt die Schuld an der Ueberschätzung des liebenswerten, gütigen, anständigen, aber durchaus gedankenarmen Mendelssohn"; und er behauptet weiterhin: „Moses Mendelssohn war eine durchaus subalterne Natur." Vergleicht man dieses schroffe Urteil mit den begeisterten Lobsprüchen, die Beate Berwin in ihrer verdienstlichen Untersuchung „Moses Mendelssohn im Urteil seiner Zeitgenossen" zusammengestellt hat, so wird man nicht umhin können, für die Divergenz zwischen dem Urteil der Mitwelt und dem Urteil des modernen Autors einen Grund zu suchen. Im Verfolg einer solchen Ueberlegung dürfen wir ruhig eingestehen, daß der Ruhm des Philosophen Moses Mendelssohn, der von seiner Zeit als „jüdischer Sokrates" und als „deutscher Plato" gefeiert wurde, heute ziemlich verblaßt ist. Höhe und Niedergang der deutschen Aufklärung haben die philosophische Entwicklung Mendelssohns in Schranken gehalten. Kants kritische Philosophie, die die geistige Wandlung der neueren Zeit herbeiführte, setzte seiner wie jeder dogmatischen Metaphysik ein Ende. Immerhin nahm er als Mitlebender und Mit-

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