KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268968-2268971--3466-3523868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ihnen gilt die Religion nur, insofern sie mit dem Fortschritte besteht. Uns gilt der Fortschritt nur, insofern er mit der Religion besteht. Das ist der ganze Unterschied. Aber in diesem Unterschiede gähnet Kluft." Also Primat des Judentums gegenüber Bildung und Kultur, aber doch möglichster Ausgleich, wenn auch in Konfliktsfallen das Zeitbewußtsein unterliegen muß. Doch die Neuorthodoxie hatte recht: zwischen ihr und dem Standpunkt der Reform gähnte eine Kluft. Gegenüber den eben dargelegten Gemeinsamkeiten, die auf den religiösen und kulturellen Standpunkt Mendelssohns zurückgehen, sind diametrale Gegensätze schon an der Oberfläche, geschweige denn in der Tiefe sichtbar. Das erste unterscheidende Prinzip, und zugleich das- Bedeutsamste und Grundlegende ist die Freiheit. Auf ihr allein beruht die Wissenschaft. Auf ihrem Boden ist auch die.Wissenschaft des Judentums erst möglich geworden. Das Prinzip der Freiheit ist von Mendelssohn voll anerkannt. Hier geht der jüdische Liberalismus in den Bahnen des Berliner Weltweisen. Mit ihm hat er das Ausschließungsrecht und den Bann, das Ketzertum und den Zwang in der Religion aufgegeben. Darum kann der junge S. R. Hirsch zu Mendelssohn in kein rechtes Verhältnis kommen, ebensowenig zu der Geistesrichtung des Maimonides. Beide jüdischen Geisteshelden werden in den „Neunzehn Briefen über das Judentum" mit dem Makel behaftet, daß sie nicht schöpferisch das Judentum aus sich selbst entwickelten. Mendelssohn sei zwar „eine hochhervorglänzende, höchst achtbare Persönlichkeit, die wieder durch ihre Persönlichkeit die Entwicklung bis aus den heutigen Tag geleitet". Aber er habe seine „freiere Geistesentwicklung nicht aus dem Judentum geschöpft", und er zeigte seinen „Brüdern und der Welt, man könne streng religiöser Jude und doch hochgeachtet hervorglänzen als deutscher Plato. Dies „und doch!" entschied." Hirsch verwirft die Ausgleichung von Judentum und Weltkultur und spricht einer reinen Erfassung des ersteren aus sich selbst das Wort. Damit ist auch der Stab über die Wissenschaft des Judentums gebrochen, und keine jüdische Theologie auf historischer Grundlage und mit den Mitteln der philologischen Kritik ist möglich, wie sie Abraham Geiger zu seiner Lebensarbeit gemacht hat. Dazu kommt das Prinzip der Wahrheit für die Ideen und der Wahrhaftigkeit für die religiöse Uebung. Hier erscheint die Dogmenfrage und die Geltung des Zeremonialgesetzes im Judentum. Moses Mendelssohn hat bekanntlich den Vorzug seiner Religion darin gesehen, daß sie verpflichtende Glaubensgrundsatze nicht kenne, daß sie nicht geoffenbarte Religion, sondern geoffenbarte Gesetzgebung sei. „Ich glaube nicht," sagte er in seinem „Jerusalem", „daß die Kräfte der menschlichen Vernunft nicht hinreichen, sie von den ewigen Wahrheiten zu überführen." So ist das Wahrheitsstreben anerkannt und das Denken zur obersten Richtschnur erhoben. Aber dem Gesetz gegenüber kommt die Vernunft zum Schweigen. Da gibt es ausschließlich unbedingte Unterwerfung unter den Willen des göttlichen Gesetzgebers. „Solange wir keine so authentische Befreiung vom Gesetz (durch Gott allein) aufzuweisen haben, kann uns unsere Vernünftelei nicht von dem strengen Gehorsam befreien, den wir dem Gesetz schuldig sind." An diesem Punkte ist die starke innerste Inkonsequenz im Mendelssohnschen Geiste zu sehen: dort die Allmacht der Vernunft, die die zur Glückseligkeit notwendigen Wahrheiten über Gott und Vorsehung, Freiheit und Unsterblichkeit entdeckt und allein aus sich selbst erzeugt, hier die Schwäche unserer „Vernünftelei", die dem Wahrheitstrieb unübersteigliche Grenzen setzt. Auch hier scheiden sich die Wege der neuen Orthodoxie und der Reform. Jene erkannte keine Zweiteilung des Judentums an. Nicht jüdische Glaubensideen und jüdisches Gesetz gibt es, sondern eine einheitliche Offenbarung Gottes, in der jedes Element, jeder kleinste Gedanke und jedes geringste Gebot die gleiche Heiligkeit hat wie die wesentlichsten Grundsätze und die heiligsten Pflichten. Da entsteht nicht die Frage: was ist Wahrheit? Die Wahrheit ist seit der Gesetzgebung vorhanden, sie braucht nicht gesucht zu werden, und es ist die einzige Aufgabe des Juden, aus ihre peinliche Verwirklichung bedacht zu sein und so ein gottgefälliges Leben zu vollbringen. Die Reform hingegen bemächtigte sich der Mendelssohnschen Scheidung zwischen Glaubensgrundsätzen und Gesetz. Ihr lag daran, die Ideen des Judentums klar herauszuarbeiten. In ihnen sah sie das unterscheidende Merkmal gegenüber dem Heidentum und dem Christentum. Der Standpunkt des Denkens im Aufklärungszeitalter, wonach die höchsten Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit den Menschen angeboren sind und die Religionen in diesen grundlegenden Wahrheiten übereinstimmen, wurde verworfen und das Judentum zum genialen Pfadfinder und Entdecker des Monotheismus mit allen Konsequenzen für Religion und Ethik gestempelt. Für Moses Mendelssohn war das Judentum nur der Großsiegelbewahrer des kostbaren Kleinods der religiös-sittlichen Gedankenwelt für die Menschheit, und die Besonderheit des Zeremonialgesetzes war ein dauerndes Erziehungsmittel für diese Aufgabe. So mußte sich die Reform mit dem Standpunkt Mendelssohns auseinandersetzen. Für die