KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 3 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
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38 tätiger an einer Zeit Anteil, die genan so philosophisch bewegt, wie die Zeit Bismarcks politisch erregt war. Darum wird man ihm in jeder Entwicklungsgeschichte unseres klassischen Denkens, sei es nun Sprangers „Humboldt und die Hnmanitätsidee" oder sei es Cassirers „Freiheit und Form", innerhalb der Geistesbewegung des 18. Jahrhunderts begegnen. Die beste Kennzeichnung des „Weltweisen" Mendelssohn hat Ioh. Ed. Erdmann in seinem „Grundriß der Geschichte der Philosophie" (§ 293) gegeben. Demnach ist es nicht die philosophische Leistung, die uns diesem Manne gegenüber zur Dankbarkeit verpflichtet, sondern seine außerordentlichen Verdienste um die Emanzipation seiner Glaubensgenossen. Diese Ansicht wird keineswegs bloß von betriebsamen jüdischen Schriftstellern vertreten, obwohl es nichts weiter als anständig war, wenn die deutschen Juden ihres großen Wohltäters liebevoll gedachten. Daß Mendelssohn auch von namhafter nichtjüdischer Kritik, zumal von der gelehrten Forschung, in dem gleichen Sinne eingeschätzt wird, zum Beweise dafür will ich hier bloß an die schöne Würdigung seiner Persönlichkeit, die Wilhelm Scherer in seiner „Geschichte der deutschen Literatur" gegeben hat, erinnern. Ferner kann ich mir nicht versagen, die weniger bekannte, aber nicht minder vorzügliche Charakterisierung, die Diltheys Meisterhand entworfen hat, hierherzusetzen: „Das größte Verdienst dieses edlen Mannes war nicht sein Phädon oder seine Morgenstunden, der nachträgliche Abschluß der dogmatischen Philosophie in Einklang mit den Forderungen des modernen Bestreben, den Glauben seiner Väter und die Bildung seiner Glaubens- und Leidensgenossen im Einklang mit den Forderungen des modernen Staates und der modernen Bildung zu setzen. So begann die Reform des Judentums. Und Mendelssohn selber verfolgte beharrlich den Weg, durch die Umbildung desselben seinen Glaubensgenossen den Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft und ihre Rechte zu sichern."*) Mendelssohn kämpfte gegen zwei Fronten. Einmal gegen den Unverstand und das Mißtrauen seiner eigenen Glaubensgemeinschaft, die gegen den Weckruf des modernen Lebens die Ohren fest verschloß. Sodann gegen die Feindschaft und Verkennung der christlichen Mitwelt, die erst ganz allmählich sich anschickte, in dem Juden etwas mehr als einen Menschen niedrigerer Ordnung zu erblicken. Es ist schwer zu sagen, welcher von den beiden Kämpfen der schwerere und schmerzlichere war. Allein soviel steht fest, daß das Lebensschicksal des deutschen Judentums *) Leben Schleiermachers, 2. Aufl. 1922, S. 486. den Kampfpreis bildete. Die deutschen Juden standen am Scheidewege der Geschichte. Entweder konnten sie weiterhin vom Leben der christlichdeutschen Umwelt sich absondern; dann blieb die Ghetto-Existenz ihnen unverloren. Oder sie konnten sich den Lebensmächten der modernen deutschen Entwicklung aus vollem Herzen hingeben und zugleich in Konsequenz eines solchen Schrittes ihre staatsbürgerliche Gleichstellung erstreiten. Unter Mendelssohns Führung wählte das deutsche Judentum den letzteren Weg. Damit war sein Schicksal entschieden. Selbstverständlich erfuhr es zwiefache Beurteilung. Die konservativen und kulturreaktionären Kreise, die Mendelssohns Emanzipationsbestrebungen mit bitterem Hasse und fanatischem Eifer verfolgten, machten ihn und seine Richtung für die Erschütterung des jüdischen Glaubens verantwortlich. Die von ihm eingeführte weltliche Lebensanschauung und Bildungsidee sollte die Zersetzung des alten und echten religiösen Empfindens, das bisher den Inhalt des jüdischen Daseins ausmachte, verschuldet haben. Gewiß war hierin etwas Richtiges enthalten. Die einschneidenden Verluste, die die Lebenssubstanz des deutschen Judentums durch das Taufunwesen erlitt, sind in gewisser Hinsicht auf das Konto der neuen weltlichen Richtung zu setzen. Allein die bisherige Ghetto-Existenz war eine Sackgasse, in der dem deutschen Juden der Lebensatem immer mehr abgeschnürt wurde. Der Weg ins Freie war bloß durch die Emanzipation zu gewinnen. Daher war Mendelssohns schicksalsschwere Entscheidung die einzig mögliche und geschichtlich notwendige, mochten auch viele auf dem Wege, der ins moderne Leben führte, straucheln. Die Anfänge der deutschen Iudenemanzipation werden durch Mendelssohns Wirken bezeichnet. Die langjährige geschichtliche Entwicklung der Emanzipation verfolgte jene Bahnen weiter, in die er die Bewegung gelenkt hatte. Eine persönliche Tragik läßt sich dabei nicht übersehen. Mendelssohn hatte Bewunderer, Freunde und Anhänger übergenug, aber er hatte keinen eigentlichen Nachfolger. Die Generation, die sein Erbe empfing, zeigte sich des kostbaren Vermächtnisses nicht würdig. David Friedländer, der tätigste seiner Schüler, wahrte immerhin noch die Tradition seines Meisters. Das nächstfolgende Geschlecht jedoch, das den schädlichen Einflüssen der Romantik erlag, verlor jede Bindung mit der jüdischen Lehre und Lebensform. Erst im Zeitalter des erwachenden Liberalismus erfolgte die Wiederbesinnung auf Mendelssohns Vorbild. Sein Bildungsideal wurde von dem „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" wieder ausgenommen, der, wenn er auch bei seinem Vor-