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Liberales Judentum · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 76

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Journal
Liberales Judentum
Volume
12 (1920)
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 76 (sequence 12)
Language
German
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76 Professor Dr. Gotthard Deulsch-Cineinnatt: Aus Urgroßvaters Tagen Innern eine Liste der erlaubten Mischen Namen heraus.23) . Allerdings haben mindestens zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, und wahrscheinlich schon früher, die Juden „die löbliche Tendenz verraten, sich der allgemeinen Landessitte anzuschließen". Boerne schreibt im Jahre 1802, a[s im Hause des Hofrats Herz lebte, an feine Schwester, daß er der „Demoifelle wezlar, die in Verlegenheit war, welchen deutschen Namen sie sich beilegen sollte, den Namen Brenna vorschlug, welchen die Schwester der Madame Herz gewählt hatte.39) Etwa zehn Jahre später läßt Karl Borromäus Sessa in dem notorischen Schundstück „Unser Verkehr"39) die Liebche sich Lydie und den Issaschar sich Isidorus nennen. Isidor ist, obwohl ursprünglich ein Deckname für Isaak oder Israel, fetzt typisch für den versuch eine nichtjüdische Maske anzunehmen, und die Offiziersgesellschaft, Ln welche der Buchhändler Lohn eindringen will, möchte den Lohn verzeihen, aber den Isidor kann sie nicht verwinden, 31) obwohl Bacher einen Rabbi Isidor im Talmud33) nachgewiesen hat Auffällig ist es, daß schon im Jahre \705 der polnische, in Deutschland lebende Rabbiner Hirsch Kaidanower darüber Klage führt, daß die Juden nichtjüdische Namen annehmen, um mchl als Juden erkannt zu werden,33) während noch im Jahre \SS0 Hieronymus Lorm diese Sucht bespöttelt.33) In demselben Wien wurde jedoch ein Leib Berger zu einer Geldbuße verurtellt, weil er sich Leopold genannt hatte.33) Die Rabbinen des alten Schlages betrachteten es als ihre Pflicht gegen diese Neuerung einzuschreitcn. Als Kaiser Josef II. am 23. Juli \?8? die „Geserah" Verausgab, daß alle Juden „mit dem teutschen vor- und ihrem auf immer bestimmt 2B) Fraind, .1900, Nr. 168. 29) Landsberg: Henriette Herz, p. 214, Weimar, 1913. 30) Graetz: Geschichte, XI, 338—339. Geiger: Geschichte der Inden in Berlin, II, 191—192. Jsmar Freund: Emanzipation der Juden in Preußen, I, 234. 31) Langeuscheidt: Graf Cohn, Berlin, 1909. 32) ttevue äes Ltucies luives, 57, 102—104, 1909. s3) Kab Ha-Jafchar, F. a. M. 1705, Kap. 82. Der ehrliche Name. Memoiren einer Wiener Jüdin, p. 183. ») Allgem. Zeitg. des Judentums, 1885, S. 310. angenommenen Geschlechtsnamen" in die Geburtsbücher eingetragen werden müssen, und zur Erläuterung dieser Bestimmung in einem am U. Oktober desselben Jahres kundgemachten Hofdekret eine Liste solcher Namen herausgab, und nicht nur auftrug, daß ein jüdischer „Nebuchadnezer" sich künftig „Nabuchodonosor", sondern sogar ein „Lozor" sich „Lazar" schreiben müsse,33) versuchte der mährische Landesrabbiner Gerson Lhajes, unterstützt von dem Prager Oberrabbiner Ezechiel Landau sein Möglichstes, dieses Verhängnis abzuwenden.3*) A. H. Heymann, geboren l603, erzählt uns aus seiner Kindheit, welche Entrüstung es in der kleinen Gemeinde seines brandenburg!schen Heimatstädtchens erregte, als man in der vossisclren Zeitung las, daß ein Jude seinen Vornamen Hirsch in Heinrich änderte. Heymanns Vater sagte in der Diskussion über diese Greueltat: Schinuj Haschem is noch arger wie Lhasir Essen".33) Die Polizei, welche denselben Heymann etwa dreißig Jahre später zur Verantwortung zog, weil er seinen eigenen Sohn Joachim Heinrich zu nennen wagte, hatte damals nichts gegen die löbliche Tendenz sich der allgemeinen Sitte anzuschließen, einzuwenden. Die jüdische Orthodoxe, wie sie sich später zum Trotze gegen die Reformbewegung ausbildete, wurde immer entschiedener. Moses Sofer (l?62—^839) verurteilt die Sitte unjüdische Namen anzunehmen, die dem Kinds nicht in der wiege erteilt werden, und nun die Suckst verraten, sich der Umgebung zu assimilieren.39) Darin folgen ihm sein Schüler Hillel Lichtechtem (^5—\89040) und des Letzteren Schwiegersohn, der noch jetzt im hohen Alter in Jerusalem lebende Akiba Josef Schlesinger.**) Die okzidentale Orthodoxie hat auch in dieser Richtung eine mildere Praxis befolgt, und nach einem Berichte in der Allgemeinen Zeitung des Judentums^3). nahmen die Frommen daran An- 33) Cramer: Vollständige Gesetzsammlung füv! die Judenschaft in den königlichen Staaten, Prag,! 1793, Bd. I, p. 255—310. \ 37) Allg. Zeitg. d. Judentums, 1864, 623- 1887, 37. 38) Lebenserinnerungen, 78. 39) Chatam Sofer, Eben Ha-Ezer, II, Nr. 11. *°) Eth La-Äsoth, Lemberg 1880, p. 117, a. ") Leb Ha-Jbri, Ungwar, 1864, p. 21. S. Allg. Z. d. I. 1865, 99. *2) 1862, 340.

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