Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 12 (1920)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Professor Dr. Gotthard Deutsch-Cinemyati: Aus Urgroßvaters Tagen 75 hebräischen einen arabischen Namen führen?9) Der italienische Drucker Gerson Soncino nennt sich <S3erommou) und hat so die italienische Form des Namens Hieronymus in das jüdische Sprachgebiet verpflanzt, wo wir den Namen Gronim?9) und den daraus entstandenen Familiennamen Gronemann finden. Sehr geschickt übersetzt- Leon Modena, der freigeistige Rabbiner Venedigs (\57\—\6^8), den Namen seines Sohnes Sebulun in Marino/^ denn wie Sebulun im Segen Moses,") soll er am Meeresgestade wohnen. Die Italiener als' die gebildetsten Juden Europas am Ausgange des Mittelalters haben die Sitte weltlicher Namen am meisten ausgebildet. Lmanuel Porto schreibt an Buxtorf zwei Briefe, 16^—1.6H2, in denen er als „Menachein 'Zion Rohen Port, unter den Völkern Lmanuel Porto genannt", zeichnet?9) Selbst in dem kulturentlegenen polen wird schon im ^8. Jahrhundert der Steuerpächter Ephraim Fischel offiziell Franczek genannt,^) und in dem gleichzeitigen Prozesse des brandenburgifchen Hofjuden Lippold kommt neben dem schon germanisierten Namen des Opfers der jüdische Bücherrevisor Heinrich vor, und Lippolds Witwe zeichnet in ihrem Gnadengesuche als Madaleua.99) Erst, als mit dieser Namensänderung ein gewisser Anspruch der Juden, in die bürger- Kche Gesellschaft und in das Staatsleben als gleichberechtigte Genossen und doch als Juden einzutreten, sich geltend machte, rief die Sitte nichtjüdische Namen zu wählen Widerspruch heraus. Preußen scheint das im Talmud berichtete römische Prinzip: „Entweder Jude oder Römer"9* *) am frühesten ausgenommen zu haben. Ls ist höchst interessant l9) Monatsschrift f. Gu. W. d. I. Bd. 42, p. 124. 1898. J4) Steinschneider's Artikel „Jüd. Typographie", Ersch und Gruber, 52. *9) In der Liste von Namen, die im Schulchan Aruch, Eben Ha-Ezer, als Anhang zu § 129 gedruckt sind. 16) Modenas Autobiographie, ed. Kahana, p. 12. I Sich», 1911.! ") Gen. 49, 13. ls) Revue des Etudes Juives, 43, p. 134 et seq. 1901. l9) Monatsschr. f. G. u. W. d. I. Bd. 57, 197 et seq. 1913. 2») Jahrb. d. Jüd.-Lit. Gesellschaft, VII, 45, 99. a. M. 1913. 21) Jeruschalmi, Shebiit, 35, b. bei diesem Anlasse die Wichtigkeit «genauer Datenbestimmung zu verfolgen. Am \\. März M2 hatte Preußen mit der reaktionären Politik gebrochen. Die Juden waren nicht mehr Schutzjuden, sondern „Bürger und Linländer". Am $. September desselben Jahres bestimmt eine Ministerialverordnung, daß man den Juden ohne weiteres die Aenderung ihrer Vornamen gestatte, „weil der Wunsch danach nur die löbliche Tendenz verrät, sich überall der allgemeinen Landessitte anzuschließen"?9) Lin Jahr war nach Waterloo und dem wiener Kongreß hingegangen, als eine Rabinettsorder vom 29. August \8\6 verbot, daß die Juden christliche Vornamen annähmen?9) während bald darauf dem Minister die königliche Lrmächttgung erteilt wurde, die Namensänderung von Juden, die zum Christentum übergetreten waren,9*) ohne weiteres zu gestatten. Darauf folgten die verschiedenen königlichen Verordnungen vom 30. November J828, vom 6. Juli \836 und vom Juni welche unter verschiedenen Modifikationen, hervorgerufen durch die Schwierigkeit, die reaktionäre Stimmung in praktisch durchführbare Gesetzesformen zu. gießen, von dem römischen Gedanken ausgingen: „Entweder ganz Jude oder ganz Römer". wir verdanken dieser reaktionären Gesetzesmiühle Zunz's glänzende Schrift „Die Namen der Juden"?9) A. fj. Heymann hat uns in seinen „Lebenserinnerungen"99) dis amüsante Geschichte aufbewahrt, daß er zur Polizei gerufen wurde, um sich wegen des „Verbrechens" zu rechtfertigen, daß er seinem im Jahre geborenen Sohne den Name» Joachim Heinrich gegeben habe, so daß selbst; der alttestamentliche Name Joachim der Bürokratie als christlich galt. Oesterreich und Rußland folgten auf dieser Bahn. Line Verordnung des Statthalters von Böhmen verbot am 7. November \853 den Juden die Namen christlicher Helliger zu führen^) und noch im Jahre $09 gibt der russische Minister des 99) W. Freund: Die Judenfrage in Deutschlands Berlin, 1843, S. 17. ") Geiger: Geschichte der Juden in Berlin, II, 199. 94) Allgemeine Zeitung d. Judentums, 1900, 277; Leipzig, 1837. 26) Berlin, 1909, p. 263. . 87) Wertheimer Jahrbuch, I, 125. Wien, 1864.