Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 3 (1917)
- Issue
- 25 (16.8.1917)
- Date
- 1917-08-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. Prolelaristerung der polnischen Juden in erschreckendem Maße zugenommen. Es erweist sich als unerläßlich, anderweit Arbeitsgelegenheit für sie zu beschaffen. Die jüdischen Heimarbeiter zu Fabrikarbeitern zu machen würde dann möglich sein, wenn den jüdischen Fabriken die Sonntagsarbeit gestattet würde, sofern sie am Sabbat feiern. In Deutschland kann eine solche Forderung bei den wenigen dafür in Betracht kommenden Personen nicht erhoben werden. In Polen ist ihre Gewährung nicht u entbehren. Es soll nicht verkannt werden, daß ür die so arbeitenden Fabriken noch genug Schwierigkeiten übrigbleiben, so namentlich bezüglich der ankommenden und abgehenden Ladungen. Aber die sind bei gutem Willen schließlich zu überwinden. Eine geringe Minderung seines Arbeitsverdienstes kann der jüdische Arbeiter auch in Kauf nehmen, braucht er doch viel weniger für geistige Getränke als der slawische Arbeiter. Des weiteren erweist sich eine umfassende landwirtschaftliche innere Kolonisation der Inden als notwendig. Eine Sache, die freilich nur sehr vorsichtig und nicht von heut auf morgen zu machen ist. Die seit Jahrhunderten von der landwirtschaftlichen Arbeit ferngchaltene jüdische Bevölkerung kann nicht im Handumdrehen in eine ackerbautreibende nnigewandelt tverden. Es war deshalb auch ein unglücklicher Gedanke, den polnischen Bauern vertriebene jüdische Händler, Handwerker und Heimarbeiter als Arbeiter zu überweisen mit der Verpflichtung, für ihre Wohnung und Unterhalt zu sorgen. Die ersteren tonnten den letzteren nichts leisten, diese behandelten jene schlecht und ließen sie hungern. Soll hier ersprießliche Arbeit geleistet werden, so muß eine sustematiscke Erziehung der Anzusiedelnden — und zwar auch der weiblichen Familienmitglieder — vorangehen. Man wird gut tun, die so Ansgebildeten in geschlossenen jüdischen Kolonien anzusiedeln, nicht aber hier und da einen jüdischen Ansiedler unter polnische, litauische oder weißrussische Bauern zu setzen. Tüchtige jüdische Ansiedler vermöchten dann wieder Ansiedlungslustige praktisch ausznbilvcn. Daneben her müßte die Unterweisung m landwirtschaftlichen Schulen gehen. Bei ordentlicher Vorbildung haben sich die Juden überall als ttichrige Landwirte erwiesen. Besonders in der Umgebung der größeren Städte und Industriezentren Polens ist die Schaffung von Gemüse- und Obstgärtnereien sowie von Milchwirtschaften ein dringendes Bedürfnis. Auch hierfür dürften zahlreiche Juden bei geeigneter Ausbildung sehr wohl zu brauchen sein. Das um so mehr, als diese Tätigkeit mit der des Handels in den gewonnenen Erzeugnissen verknüpft ist." Das Ende des Schulwerks der Äüiance Zfraelile Universelle. Darin lag eine Zeitlang die Stärke des Alliancewerks, das Geheimnis der faszinierenden Wirkung, die es sowohl aus die ausübte, die subjektiven Anteil als Förderer an ihm nahmen, wie auf jene anderen, die dankbar sich zu Objekten seiner Fürsorge machten. Vielleicht der jüdischste Zug, den die Sphäre der Allianzschule ausweist, ist die geradezu rührende und gleichzeitig imponierende Hingabe, mit der die Allianceschüler jederzeit zu ihrer Schule standen und ihre Dankbarkeit mit allen Kräften zu betätigen suchten. — Aber gleichzeitig wurde diese Einstellung auf völlige Europäisierung und Französisierung zur Klippe, an der das Schulwerk der A. I. U. scheitern mußte und auch heute gescheitert ist, welcher Art auch der äußere Anlaß zu seinem Bankerott gewesen sein mag. Der A. I. U. wurde der Todesstoß versetzt in dem Augenblick, in welchem irgendwo im Orient ein jüdisches Erziehungs- Programm zur Verwirklichung gelangte, das zwar die Vorzüge der modernen Methode und den gesamten Schatz pädagogischer Erfahrung sich zunutze machte und ein Lehrziel ausstellte, das die Behauptung des Schülers im Lebenskampf der Jetztzeit gewährleistet, dies alles aber unterordnete der Aufgabe jüdischer Erziehung der Heranbildung zum jüdischen Menschen. Der Kampf, nicht gegen die Alliance, sondern gegen die ««jüdische, ja bis zu einem gewissen Grade antijüdische Zielsetzung ihres Erziehungsideals begann daher mit der Gründung der ersten modernen hebräischen Schule in Palästina, mit dem Augenblick, wo irgendwo im Orient der Gedanke zur Tat wurde, daß das in so starkem Maße national bedingte Leben der orientalischen Juden weder aus den Zusammenhängen mit der sie umgebenden orientalischen Welt gelöst werden dürfe, um westeuropäisch zu werden, noch ihre starken jüdischen Instinkte vcrtvüssert werden dürsten durch dialektische Prvselitenmacherei westjüdischer Assimilation. Bekanntlich war die A. I. U. gezwungen, dem jüdischen Erziehungsideal immer weitergehende Konzessionen zu machen, — die allerdings stets nur „Konzessionen" blieben. Aber nachdem nicht nur die zionistischen Schulen, sondern auch die Institute des Hilfsvereins ihr Programm ausschließlich von dem beeinflussen ließen, was für die Orientjuden selbst das Naturgemäße und Richtige zu sein schien, und man dabei immer wieder wenigstens auf ein nationales Minimalprogramm kam, das als entscheidendes Element die Forderung der hebräischen Schnlsprachc enilsielt, —- mußte mit zwingender Notwendigkeit der Tag einmal kommen, an den: die A. I. U. zu wählen baden Würbe zwischen der Aufgabe ihrer Prinzipien oder der Ausgabe ihrer Erziehungsmission. Daß dieser Tag gerade jetzt gekommen ist, daß das Unvermeidliche mit der Plötzlichkeit einer Katastrophe eintraf, bleibt sehr zu bedauern. Wir hätten gewünscht, daß der A. I. U. der ehrenvolle Abschied von ihrem Werk gegönnt worden wäre, den sie trotz allem verdient bat, besonders aber, daß sie dieses ihr Wert zu getreuen Händen jenen anderen Faktoren übergeben hätte, für deren Prinzipien die Zeit entschieden hat. Tann tvärc es möglich gewesen, allmählich und ohne äußere Störung das Erbe der A. I. ll. anzutrcten. Jetzt tverden wir es, wie so manches andere, unter den Kriegstrümmern suchen und neu ausbauen müssen. Das „Jüdische Museum" in Wien. Bon Dr. Moritz Bronner, Lausanne. Heute ist das Wiener jüdische Museum zweisellos das größte und reichhaltigste unter allen Jnstitntionen ähnlichen Charakters. Mit seinen bereits weit über 4000 Nummern zählenden Sammelgegenständen ist es eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges und mit der Wiener Judenheit können ivir alle stolz darauf sein. Leider haben sich die jetzigen Räumlichkeiten für die zahlreichen Ausstellungsobjekte bereits tuteber als zu klein erwiesen, und es war notwendig, auch die breiten Korridore und das Treppenhaus zur Exposition zu verwenden. Aber dies tut dem künstlerischen Gesamtcindruckc keinerlei Abbruch. Das Treppenhaus mit seinen zahlreichen, nach Ländern geordneten Bildern ans alten jüdischen Gemeinde» und den Porträts hervorragender Juden, die sich ans allen Gebieten menschlichen Wissens und Könnens hervorgetan haben, wirkt sehr gut als Eingangs- und sozusagen als Ehrenhalle. Daß die österreichischen Lande hier besonders stark vertreten sind, ist ja selbstverständlich. An einer Nachbildung des Michel Angeloschen Moses vorbei, gelangt man in den ersten Saal, in das sogenannte „Wiener Zimmer", wo uns die Geschichte der Wiener jüdischen Gemeinde in übersichtlicher Lebendigkeit vor Augen tritt. — — In chronologischer Reihenfolge grüßen uns die Bildnisse der großen Wiener Juden, von den ernst und klug blickenden Köpfen der „Hoffaetoren" Samuel Oppenheimer und Samson Wertheimer, bis zu den idealen Zügen des großen Träumers Hcrzl, wie ihn uns Hermann Struck gezeichnet hat. Freudiger Stolz ergreift das Herz des jüdischen Beschauers, wenn er die Ahnenreihe bft Großen seines Volkes schaut. Rabbiner und Gelehrte, Künstler und Dichter, Finanz- und Kaufleute, alle Berufe sind hier vertreten. Welch eine edle Fülle hoher Geisteskraft vereint mit jüdischer Volkstreue! Aber auch viele, viele Zeugen einer traurigen Vergangenheit finden wir hier. Das Modell und die Bilder der Ghetti in der „Inneren Stadt" und „Im untern Werd", mit den langen Ghettostraßen, den hohen stickigen Häusern, den beengenden Ghettomauern usw., rufen uns die vielen mittelalterlichen Beschränkungen, denen die Juden besonders in Wien ausgesetzt waren, lebhaft ins Gedächtnis. 1421 mußten die Juden ans Befehl des Kaisers, der in Geldnöten steckte und durch den widcrrechtlichen Zwangsverkauf jüdischen Besitzes sich aus seinen Röten zu befreien hoffte, Wien verlassen. Das Elend war bei diesem Exodus schrecklich. Aber leider sind wir Juden an solche Elendsszenen im Verlaufe unterer Diasporagcsckichtc nur allzusehr gewöhnt worden. Immerhin ist es gut, tvenn man über jene Ereignisse in der von den Knratvriumsmirgliedern ^des jüdischen Museums, den Herren Dr. Ignaz Schwarz und Oberrabbiner Tr. Max Grunwald herausgegebenen vorziiglichen „Geschichte der Juden in Wien" nachliest. Mit der Zctt siedelten sich die Juden m Wien wieder an, aber 1022 wurden sie nochmals vertrieben und ein spottbild mit einem Pamphlet zeigt uns diese zweite Vertreibung. „Mainzettel", Auscnttmltscrlailbnisse, vexatoriscke Potizcibcstimmungcn aller Art, die bis tief ins 19. Jahrlinudert hinelnreicken, zeigen, daß die Lage der Juden nichts ivenigcr als beneidenswert war. Aber cs gab auch Lichtblicke, und das „Toleranzedikt" Kaiser Franz Joief II. flicht wvhltnend von all den Bedrücknngsdotumenlen ab. (Schluss folgt.» Rundschau. Kaisers (^eburtotag. Anläßlich des Allerhöchsten Weburtsfcftel Sr. Majestät des Kaisers veranstaltet der Vorstand der israelitischen KnttnSgemeinde Wien, Freitag', den 17. August d. I., um halb 11 Uhr vormittags, im Tempel,!. Bezirk, Leitenstettengasse 4, einen solennen Gottesdienst. — In allen übrigen Synagoge» und Belhäittern Wiens findet die Geburtstagsfeier im Anschluß an den Morgengvttcsdicnst statt. 5lai?erhnldig»rng der „Agudas Jisroel". Die Landesorganisation orthodoxer Juden „Agudas Jisroel" veranstaltet Donnerstag, den 16. d. M., abends, anläßlich des Geburtstages des Kaisers einen solennen Gottesdienst, bei welcher (Gelegenheit auch eine Dankeskundgebung anläßlich der Befreiung Ostgaliziens und der Bukowina erfolgen wird. ^estgottcsdirust auläftlich dcr Bcfrciuuc; von i^zcruowitz. Auf Anordnung des Vorstandes der israelitischen Kultusgcmeinde Wien fand Mittwoch den 1b. d., um 10 Uhr vormittags, ans Anlaß der Befreiung von Czernowitz im Gemeindete,npetoii II. Bezirke, Tempelgasse Nr. ll, ein Festgottesdienst statt. In Vertretung dcr Unterrichtsverivaltung war Sektionsrat Dr. Thaddäus Rittner, in Vertretung des Polizeipräsidenten Polizeirat Tr. Klose erschienen. Ferner waren anwesend: dcr Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeiude, Tr. Leopold Kolm, die »Mitglieder des Kultusvorstaudes, Landesschulrat Tr. Markus spitzer und Emanuel Grünwald, die Gemeindebeamten, der Bürgermeister von Buezaez. Reichsratsabgeordnetcr Bernhard Stern, viele hier weilende Bnkowinaer ustv. Nachdem Oberkantor Morgenstern die Festgesänge vorgetraaen und den Psalm 111 rezitiert, betrat Oberrnbbiner Tr. Grunwald die Kanzel und hielt die Festpredigt, in der er ans die Bedeutung des großen und fiir die Monarchie freudigen Ereignisses hinwies. Dann wurde bei geöffneter Bundeslade das Kaisergebet verrichtet. Weihevoll durchbraustcn dann die Klange der Volkshymne den Tempel. Mit dem Gebete für das Seelenheil für die gefallenen und verstorbenen Helden, die während des Krieges für das Vaterland ihr Leben ließen, schloß die Feier. Aus Lublin. Demnächst findet hier eine Konferenz der Rabbiner aus dem k. u. k. Okkupationsgebiete statt, zwecks Bildung eines Rabbinerverbandcs. — Auf eine Anfrage des k. u. k. Generalgouvernements in Lublin, wie sich der Staatsrat die Ausgestaltung des Schulwesens für die jüdische Bevölkerung denke, wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Für jüdische Kinder werden, wenn eine genügende Anzahl von Anträgen seitens der Eltern gestellt wird, besondere Klaffen mit Einhaltung der Sabbatseier eröffnet. Der Sonntag soll für den Religionsunterricht bestimmt sein. 2. Cheder, Talmudthora und andere konfessionelle