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Jüdische Korrespondenz · 1917-08-16 · 25 (16.8.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
25 (16.8.1917)
Date
1917-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz. die Herren gerne einheimsen, sonst ist ihnen alles Hekuba. Das neue Rußland steht heute viel mehr als früher unter der Botmäßigkeit und dem Kommando der Entente. Der Zar besaß zumindest so viel Standhaftigkeit, um fick gegen jeden Einfluß auf die innerruisischen Verhältnisse zu wehren. Die KercnSkl und Genossen haben auch dazu keine Kraft und keinen guten Willen. Run Horen wir — und Naclmchien aus Rußland bestätigen cs — daß dortselvst seit der allerjüngsten Umwälzung eine starke Judenhetze eingesetzt hat, deren die Regierung nickt Herr iverden kann. Pogromagitationen und sogar Pogrome sind mit der Tagesordnung und die russische Judenschaft schwebt in fortwährender Gefahr. Wo bleiben nun die Herren der Entente? •- Was sagt London und Washington dazu? sind sie inlstande, die Russen gegen ihren Willen wieder zur Schlachtbank zu schleppen und im Interesse der englischen Erobernngsgeluste verbluten zu lassen, ----- warum sollen sie fein Machtwort sprechen tonnen, um die Judenhetze zu unterdrücken?! Freilich, wer die Intentionen der Ententelcute kennt, braucht sich dariioer gar nicht wundern. Indirekt sind sie doch an diesem Stand der Dinge interessiert. Werden doch die Gegner des Krieges als Juden und Judenknechte verschrien und gibt doch gerade diese Hetze den besten Dünger ab für die ailtisemitisckc Saat. Nicht bloß stillschweigend werden demnach die Jndenhetzcn sei irin der Entente geduldet, sondern gewissermaßen geradezu genährt und gefördert. Nicht bloß in Rußland. Auch in England. Auch dort schießt die antisemitische Saat „herrlich" in die Halme. Die Juden, vornehmlich die in England lebenden Ostiuden, sind es angeblich, die der wahnwitzigen Kriegspinchose entgegenwirtcu und deswegen find sie der Willkür des Pöbels preisgegeben. Judenexzesse sind heute im „freien" England keine seltene Erscheinung mehr, und der Draht aus London weiß von Zeit zu Zeit gar merkwürdige Dinge zu melden. Aelmiiche 'Nachrichten kommen auch aus Paris, und iver weiß, wie es in 'New Jork ausscben wird, falls anck dort die Aufrechterhaltnng der Kriegspsychose derartige Injektionen notig machen sollte. Und doch linben die Herren den Mut, sich als Bdlkcrberreier aufzuspirteii. Es wäre wahrlich zum Lachen, wenn cs nicht so traurig sein sollte. Spectator. Oie Orthodarie in Nusüand. Die Umwälzung in Rußland hat n. a. auch zur Gründung orthodoxer Organisinivnen geführt, die das religiöse Leben stärken und die Religiosität heben '.vollen. In Moskau und in Petersburg sind zwei solche Zentral Organisationen gebildet worden, deren Tangkeit sich über das ganze Reich erstreckt. Ucbcr dieselbe liegen folgende Berichte vor: Die Moskauer Organisation .MsnreHi w'clienith“ iTraditivn und Frei heit? hat vor kurzem eine Konferenz einhcrnsen, welcher etwa 80 Delegierte, Rabbiner und Norabeln, beiwohnten. Den Vorsitz süürte 'Rabbiner Nurvk. Die ersten Tage der Konferenz, die acht Tage dauerte, nahm das allgemeine politische Programm in Anspruch. Rabbiner Nurok betonte, daß die Forderung der Demokratie dem Judentum nicht widerspreche, und die Partei müsse daher ein festnmrissenes demokratisches Progranini in den Fragen der Arbeitergesetzgebung, des Wahlrechts, der Agrarreform, der Dezentralisierung der Macht, der demokratischen Republik k. fassen. Dies fei auch notwendig, um etwaige Bündnisse mit anderen Parteien wahrend der Wahlen zur Konstituante zu schließen. Tic Meinungen der Rabbiner über die Notwendigkeit eines polttischeu Programms waren geteilt. R. Jtzele Rabinowiksch aus Pvnjewesch dielt die Landespolitik für unbedingt nötig, da das gesamte jüdische Volk sich gegenwärtig mit den Fragen der Landespolitik beschäftige/ Rabbiner Reines dagegen warnte die Rabbiner davor, fremde politische Programme zu unterschreiben, die sie nicht ergründen könnten, ebenso wie sie einst Approbationen auf Bücher erteilt haben, die sie nicht gelesen hätten. Die Majorität bejahte die Frage der Annahme eines politischen Programms - im Prinzip und die Konferenz ging nunmehr dazu über, einzelne Forderungen der rußländischen Demokratie einer Kritik vom Standpunkte der talmudischen Gesetzgebung aus zu unterziehen. Eine scharfe juristische Diskussion rief z. B. die Frage der Agrarreform hervor. Rabinowiksch meinte, daß die Regierung berechtigt sei, den Grundbesitzern ihren Boden zu enteignen und unter die Bauern zu verteilen; denn ihr Grundbesitztum sei „gsetah". Rabbiner Feiwelsohn vertrat dagegen die Ansicht, daß auch ans Unrechtem Wege erworbenes Eigentum nur dem ehemaligen Eigentümer und seinen Erben zurückgegeben werden könne, aber nicht wildsreinden Bauern. Meinungsverschiedenheiten erregten auch die anderen Forderungen, insbesondere des streikrechtes, der Gewissensfreiheit rc. Endlich einigte sich die Versammlung aus ein äußerst liberales politisches Programm und ging dann zur Behandlung der jüdischen Fragen über. Nach dem Vortrag von Liebermann über Agitation wurden Stimmen gegen die moderne jüdische Literatur und Presse laut. Die sokolowschen Aufsätze in der „Hazefira" und die jüdische Presse Warschaus hätten Schuld an dem Niedergang des Judentums, versicherte einer der Rabbiner. Das Judentum durch Bjaliks Gedichte zu pflegen, heißt den Brand mit Petroleum löschen — sagte ein zweiter. Aehuliche Stimmen gab es auch nach dem Vorträge von Rabbiner Graubarth über Erziehung. Die reformierten Chadarim mit hebräischer Unterrichtssprache bedeuteten eine Gefahr für das Judentum. Sämtliche hebräischen Lehrer seien durchwegs „Apikorsim" und ihnen könne daher die Erziehung nicht anvertrant iverden. Wohl sei es Pflicht des Inden, die hebräische Sprache zu lernen, um ihretwillen aber könne die „Jüdischkeit" nicht znm Opfer gebracht werden. Es wurde beschlossen, eine große orthodoxe Presse in jidischer Sprache zu schaffe». Die Konferenz ivählte eine Kommission für die Erziehungsfrage. Die endgültige Lösung der Fragen der Unterrichtssprache in den Schulen — jidisch oder hebräisch — und die Frage der Bildung von orthodoxen Gymnasien wird dem künftigen Zentralkomitee überwiesen, das sich darüber mit anderen rabbinischen Autoritäten beraten wird. Einstimmig beschloß die Konferenz, die Palästinaarbeit zu eine!» Hauptpunkt des Programms zu erklären. Dabei fielen viele scharfe Acußerungen gegen die Tätigkeit der Zionisten. Manche verteidigten sie. Alle waren sich aber klar, daß die Palästinafrage so akut geworden sei, daß alle Partei- Vorurteile, und seien sie noch so berechtigt, vor dem Gebot der Zeit zurücktreten müßten, und daß sich das ganze Volk um die politische Palästinasordernnq scharen inüffe. In öer Einleitung zur Resolution wird ausdrücklich betont, daß der Grundpfeiler der jüdischen Religion nach wie vor der Glaube an den Messias sei, daß aber dieser Glaube in keinem Widerspruch zu der realen politischen und kolonisatorischen Tätigkeit m und für Palästina stehe. Auf denselben Gesichtspunkten beruhen auch die Beschlüsse über die Beteiligung am jüdischen Kongreß und an der vorbereitenden Konferenz. In das Zentralkomitee wurden 25 Personen gewühlt, darunter auch die alten angesehenen Rabbiner aus Kowno, Pvnjewesch, Minsk, WitebSk, Dwinsk, Wilna usw. Auf Forderung der Rabbiner wurde beschlossen, einen obersten Rat von drei prominenten Rabbinern, unter der Oberleitung des ans der Konferenz nicht anwesenden Brisker Rabbiners R. Chajim Soloweitschik, zu wählen, der die Tätigkeit des Zentralkomitees zu überwachen hat. Nach vielen Debatten wurde beschlossen, den Namen „Msoreth w’cheruth“ (Tradition und Freiheit) für die geschaffene Partei beizubehalten. Das „Petrograder Tagblatt" vom 19. Juni enthält einen Ausruf der neuen orthodoxen Gesellschaft „Nezach Jisroel“, über deren Entstehen wir seinerzeit kurz berichtet haben. Der Aufruf knüpft an die Umwälzung und Neugestaltung der politischen Dinge in Rußland an, und betont die Notwendigkeit, sich jetzt den brennenden jüdischen Fragen, wie beispielweise der Organisation der Gemeinden, der Kindererziehung, der Verbesserung der materiellen und tzeistigen Lage der Juden, der Geltendmachung der jüdischen Forderungen in der Russischen Volksversammlung usw. zuznwenden. Es wird darauf hingewiesen, daß unter den Wortftihrern der Parteien, die die jüdischen Interessen zu vertreten sich anschicken, sich Leute befinden, die in ganz losem Verhältnis zur Judenheit und ihren religiösen Bedürfnissen stehen und unter der Devise, „Religion Privatsache", die Existenz der jüdischen Gemeinschaft ans neue Grundlagen aufzubauen gedenken. Damit soll die Thora als Mittelpunkt aus Gemeinde und Schule ansgeschaltet und unter Umständen sogar Renegaten das Mitgliedschaftsrecht in der jüdischen Kehilla gesichert werden. In Anbetracht dieser Erscheinungen sei es aufs tieffte zu bedauern, daß die große Masse der russischen Judenheit sich ganz indifferent verhalte und den Forderungen des Tages apathisch gegenüberstehe. Diese sollen nun durch den Appell ausgerüttelt werden, laut und eindringlich durch ihre berufenen Führer zu bekennen, daß Thora und Jüdischkeit die einzige natürliche Grundlage unserer nationalen Existenz bilden. Um dieses Ziel zu erreichen und das heilige Erbe der früheren Generationen unversehrt unseren Nachkommen weitergcben zu können und so die jüdische Zukunft zu sichern, darf uns kein Opfer zu groß und zu schwer sein. Aus diesen Erwägungen, so wird im Aufruf Weiler ausgeführt, sei in Petersburg die orthodoxe Organisation unter dem Namen „Nezach Jisroel" gegründet worden. Die Grundsätze der Organisation sind in einer Programmschrift scstgelegt und sollen als die jüdischen Forderungen ans der allgemeinen jüdischen Konferenz gelten. Ter Ausruf schließt mit der Anffordernng an alle Gemeinden und Vereine in den russischen Städten, die Bestrebungen der Gesellschaft zu fördern, ihre Schriften zu verbreiten und ihr Mitglieder und Mitarbeiter zu werben. Unter den Namen, die den Aufruf zeichnen, befinden sich auch die der Herren Kätzenellenbogen, Dr. Harkawi, Rabb. Dr. Eiscnstadt, I. R. Wolf (Kowno), I. D. Markon, Rahum Rosenfeld (Warschau) und Lipschitz (Kowno). Die wirtschaftliche Zukunft der Juden in Polen. Der bekannte deutsche Politiker Georg Gothein hat jüngst eine Broschüre unter dem Titel: „Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat" erscheinen lassen, in welcher er sich auch mit der Judenfrage in Polen beschäftigt. Interessant sind seine Ausführungen hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage der Inden in Polen. Gothein schreibt diesbezüglich: „Die polnischen Juden wurden gesetzlich von der Landwirtschaft ausgeschlossen. Von der eigentlichen Jndnstriearbeit hielt sie die Sabbatheiligung fern. Die Arbeitsmaschine muß im kapitalintensiven, industriellen Großbetrieb voll ausgenutzl werden. Der Arbeiter, der sie statt an 6 nur an 4'/z Tagen bedient, ist nicht zu brauchen; nicht einmal durch niedrigeren Lohn würde das anszngleichen sein. Infolgedessen ist der polnische Jude im wesentlichen auf Handel, Heimarbeit und Handwerk beschränkt. Der Handel, besonders der Kleinhandel, ist fast völlig in seiner Hand; aber es findet eine ungesunde Uebersüllung darin statt, die trotz vielleicht hoher Vermittlungsgebühr im Einzelsall das durchschnittliche Einkommen der Handeltreibenden tief herabdrückt. Der Jude ist ein geschickter und fleißiger Handwerker, insbesondere auch pünktlich in der versprochenen Lieferfrist. Aber der Bedarf an Handwerkscrzeugnissen und Leistungen ist ein beschränkter; auch das Handwerk ist übersetzt. Bleibt die Heimarbeit — in allen Ländern das schmälste Brot. Ueberall wird es als wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt empfunden, wenn eine Bevölkerung von ihr zur Fabriktätigkeit übergeführt werden kann. Das ist für den gesetzestreuen proletarischen Juden jetzt ausgeschlossen. Und gesetzestreu sind fast alle: auch wer es im Herzen nicht ist, muß es unter dem Zwang seiner Glaubens¬ und Stammesgenossen sein, die Duldsamkeit in dieser Hinsicht nicht kennen. Je mehr die Maschinenarbeit sich in Polen ausdehnt, ein um so geringeres Arbeitsquantum bleibt für die Heimarbeit. Gewiß hat mancherorts die elektrische Kraftübertragung eine Mittelstuft zwischen Kleinindustrie und Heimarbeit geschaffen, wo zahlreiche Juden Beschäftigung finden, namentlich in der Weberei. Doch wäre es ein Irrtum, anzunehmen, daß damit die Heimarbeitsfrage gelöst werden könne. Tatsächlich hat — auch schon vor dem Kriege — die Verarmung und

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