Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 39 (30.11.1916)
- Date
- 1916-11-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 39. stark und fest, Niemand soll gegen dich stand i halten, all die Tage deines Lebens. Wie ich mit i Mose gewesen bin, werde ich auch mit dir : sein. Ich verlasse dich nicht. Sei stark und fest, zage nicht und sei nicht bange, denn mit; dir ist der Herr, dein Oott, überall wo du gehst"! Uosua, 1., 5, 9.) I Alle Völker der Monarchie ihrerseits rufen dein Monarchen ebenfalls die Worte der heili- ' Ken Schrift zu: „Alles was du uns geboten, werden wir tun, und wohin du uns schicken; wirst, werden wir gehen. Wie wir dem Mose I gehorcht, werden wir dir gehorchen. Der I Herr, dein Oott, sei mit dir, wie er mit Mose gewesen ist. Nur sei stark und fest". Uosua, I., 16-18.) Kaiser Franz Josef u. die Juden. Wenn weiland Kaiser Franz Josef nicht bloß bei den Juden der Monarchie, sondern auch bei den Juden aller Lander als der judeiitreundlichste Herrscher, der je auf einen Thron saß, gegolten hatte, so hatte dies seine volle Berechtigung. Ein Blick auf die Verhaltnisse der Juden in Oesterreich-Ungarn vor dem Jahre 1848 und ein Vergleich mit der heutigen Situation, zeigt deutlich, wie wohlverdient dieser Ruf war. Im Vormarz galten die Juden der Monarchie als Bürger letzter Klasse. Sie lebten unter einer Unmasse von Ausnahmsgesetzen, mußten spezielle, demütigende Steuern zahlen, viele Städte waren ihnen verschlossen, viele Berufe untersagt, ihre Freizügigkeit war beschrankt, auch ihre natürliche Vermehrung war gewissermaßen durch verschiedene Verbote behindert. Sie lebten einfach wie Parias. Mit der Thronbesteigung des Kaisers Franz Josef änderte sich allmählich die Lage. Die volle Gleichberechtigung erhielten die Juden in Oesterreich wohl erst im Jahre 1867, nach der definitiven Einführung der Konstitution, aber schon viel früher wurden nach und nach die Ausnahrnsgesetze und Beschränkungen abgeschafft und aufgehoben, unter welchen die Juden früher so viel zu leiden hatten, so daß die Einführung der Konstitution bloß die Krönung des Befreiungswerkes bedeutete, das bereits früher in Angriff genommen worden war. Die drückenden und demütigenden Judensteuern wurden schon viel früher aufgehoben, die Beschränkungen in der Ausübung des Berufes fielen nach und nach weg, die Freizügigkeit und das Wohnrecht in allen Gebieten der Monarchie wurde den Juden schon in den 50ger Jahren des vorigen Jahrhunderts gewährt. Mit einem Worte: Die Thronbesteigung des Kaisers Franz Josef bedeutete für die Juden der Monarchie eine wahre Erlösung und zumeist war es der persönliche Einfluß des Kaisers, der diesen Wandel herbeigeführt hatte. Der edle Monarch, dem alle seine Völker so nahe standen, wollte und konnte es nicht dulden, daß es in seinem Reiche Bürger verschiedener Klassen gäbe, uinsoweniger, als der Herrscher vom Patriotismus und der Vaterlandsliebe der Juden voll und ganz überzeugt war, was er auch bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck brachte. durchgeführt werde. Juden wurden zu den höchsten Stellen in der Beamtenhierarchie, an den Universitäten, in den Akademien zugelassen. Wir haben in Oesterreich-Ungarn jüdische Universitätsrektoren und Dekane, Hoiräte und Sektionschefs, Feldmarschall-Leutnants und Kapitäne, Bürgermeister von Landeshauptstädten, höhere Gerichtsfunktionäre usw., usw., in einer solchen Zahl, wie sie fast kein zweiter Staat aufzuweisen hat. Aber nicht bloß für die Juden der Monarchie, auch für die Juden des Auslandes, zeigte sich der Kaiser stets voll Huld und Gnade. Bekannt ist, daß die Monarchie viele Dezennien hindurch die Juden Rumäniens unter ihrem Schutze behielt und wiederholt energisch zu ihrem Gunsten interveniert hatte. Die Grenzen der Monarchie waren nie den auslandischen Juden vesperrt und die österreichisch-ungarische Gesetzgebung und Verwaltung kennt keine Einwanderungsverbote oder Durchwanderungsbeschränkungen, wie dies selbst in dem freien Amerika und in England der Fall ist. Als in Rußland die Pogrome vorgekommen sind, konnten lausende und Abertausende russischer Juden nach Galizien flüchten und sich da viele Monate aufhalten, ohne irgendwie belästigt zu werden. Dasselbe war auch mit den Juden Rumäniens der Fall, so oft sie leider gezwungen waren, zum Wanderstab zu greifen. Nie wurde aus der Monarchie ein ausländischer Jude ausgewiesen, wenn er sich nicht etwas zu Schulden kommen ließ. Bezeichnend für das Verhalten des Kaisers gegenüber den ausländischen Juden ist folgender autentische Fakt. Als Rußland in den Höger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit seiner Taktik begann, die in Rußland weilenden ausländischen Juden auszuweisen und den jüdischen Kaufleuten des Auslandes mittelst großer Paßschwierigkeiten die Geschäftsverbindungen mit Rußland zu erschweren, brachte der damalige Statthalter von Galizien, Philipp Zaieski, gelegentlich einer Audienz beim Kaiser diese Angelegenheit zur Sprache und verwies dabei auf den großen Schaden, den der österreichische Handel dadurch erleidet. Der Statthalter meinte, daß es vielleicht ratsam wäre. Rußland gegenüber Vergeltung zu üben, damit es gezwungen werde, seine Taktik aufzugeben. Der Kaiser erklärte aber: Ich weiß es, es wäre den Herren in Petersburg sicher angenehm, wenn ich ihre Methode befolgen sollte: Schlägst du meine Juden, so schlage ich deine Juden! Aber ich werde ihnen dieses Vergnügen nicht bereiten. Meine Grenzen sollen vor den Juden aus Rußland nicht gesperrt werden. So oft der Kaiser Gelegenheit hatte, eine jüdische Deputation zu empfangen, drückte er ihr gegenüber seine Anerkennung über den Patriotismus der Juden aus. Diese Beweise der kaiserlichen Huld und Gnade haben unter den Juden stets die höchste Freude hervorgerufen. Viele jüdische Gemeinden und Vereine ernannten den Kaiser zum Ehrenbürger und zum Ehrenmitglied und der Monarch geruhre stets, seine Bewilligung hiezu zu erteilen. Man müßte ganze Bücher schreiben, um all die Beweise von Huld und Gnade aufzuzählen, die Kaiser Franz Josef den Juden im Laufe seiner 68 glorreichen Regierungsjahre geliefert hatte. Hier mögen nur einige dieser großherzigen Akte kaiserlicher Gnade erwähnt w erden. Im Jahre 1849, nach der Unterdrückung des Aufstandes in Ungarn, wurde seitens des Generalgouverneurs Hainau den Juden Ungarns eine Kontribution im Betrage von 2 Millionen Gulden wegen ihrer Unterstützung des Aufstandes auferlegt. Der Kaiser verfügte die Zurückziehung dieser Strafe und ordnete an, daß die bereits abgelieferte Summe im Betrage von einer Million Gulden für die Gründung eines jüdischen Schulfonds verwendet werde. Aus diesem Fonds wurde im Jahre 1877 das Rabbinerseminar zu Budapest errichtet. Als es sich einmal darum handelte, einen verdienstvollen jüdischen Offizier zum Obersten zu ernennen, meinte der Referent der kaiserlichen Militärkanzlei, daß der betreffende Offizier diese Rangerhebung wohl verdiene, aber es sei bisher in der österreichischen Armee nicht üblich gewesen. Juden so hoch avanzieren zu lassen. Der Kaiser erwiderte hierauf: Wir haben auf allen Gebieten mit den alten Vorurteilen aufgeräumt, ich sehe gar nicht ein, warum diese gerade in der Armee aufrechterhalten bleiben sollten. Tatsächlich konnten seither Juden in der österreichisch-ungarischen Armee die höchsten Stufen erreichen, was selbst in gar manchen „Kulturländern" nicht der Fall ist. Der Kaiser ließ es sich auch bei jeder Gelegenheit angelegen sein. daß die Oleichberechtigung der Juden voll und ganz So oft irgend eine jüdische Gemeinde für den Bau einer Synagoge Geld benötigte und sich an den Kaiser wandte, spendete der Monarch aus seiner Privatschatulle namhafte Beträge. Ebenso erhielt jedes jüdische Hilfs- Komitee und jede jüdische Hilfs-Organisation bei den diversen Anlässen namhafte kaiserliche Spenden. So oft sich ein größerer Ordensregen ergoß, war der Kaiser immer darauf bedacht, daß auch eine verhältnismäßig entsprechende Zahl Juden unter den Ausgezeichneten sich befinde. Besonders pflegten dann jüdische Kultuspräsidenten und Rabbiner in Betracht zu kommen, da der Kaiser deren Auszeichnung als eine der Gesamtjudenschaft der Monarchie erwiesene kaiserliche Huld auffaßte. Als der Führer der Wiener Antisemiten, Dr. Lueger, nach einem Wahlsieg zum Bürgermeister der Reichshauptstadt gewählt wurde, verweigerte der Kaiser zweimal die Bestätigung desselben. Als es nach Verlauf von zwei Jahren dennoch zur Bestätigung Luegers kam, verlieh der Kaiser fast gleichzeitig dem Oberrabbiner von Wien einen hohen Orden. Bei der Audienz, bei welcher der Rabbiner dem Kaiser für diese Auszeichnung seinen untertänigsten Dank abstattete, erklärte er, er fasse diese Auszeichnung als einen Beweis der kaiserlichen Huld für die Qesamtjudenschaft der Monarchie in diesen schweren Tagen auf. Der Kaiser erwiderte: So habe auch ich die Sache verstanden und ich ermächtige Sie, dies ihren Glaubensgenossen zur Kenntnis zu bringen. Als es einmal im niederösterreichischen Landtag zu besonders argen antisemitischen Szenen gekommen war, benützte der Kaiser die nächste Gelegenheit beim Empfang der Delegationen, um gegenüber dem Delegierten Professor Suess seine schärfste Mißbilligung dieser Exzesse, die der Monarch laut und vernehmbar als „Skandale" bezeichne»-, zum Ausdruck zu bringen . Ein besonderes Wohlwollen bewahrte der Kaiser der Rabbiner - Familie Schreiber, deren Stammhalter, der berühmte Preßburger Rabbiner R. Moses Sofer, Verfasser des „Chassam- Sofer". während der Napoleonischen Kriege sich große Verdienste um das Vaterland erworben hatte. So oft der Kaiser ein Mitglied dieser weitverzweigten Rabbiner-Familie empfing, erkundigte er sich huldvoll über das Verhältnis desselben zum Preßburger Stammhause. Als seinerzeit der Krakauer Rabbiner Schreiber, ein Sohn des „Chassam-Sofer", in den österreichischen Reichsrat gewählt wurde, drückte der Kaiser darüber seine besondere Befriedigung aus. Orthodoxe Rabbiner Galiziens pflegten oft ihre in Druck erschienenen Schriften dem Kaiser zuzuschicken und die Bitte zu unterbreiten, dieselben der k. k. Fideikommisbibliothek ckiverleiben zu wollen. Die Bitte wurde immer huldvollst bewilligt und so oft seitens der betreffenden Behörde ein diesbezüglicher Bericht vorgelegt wurde, ließ der Kaiser den Autoren auch einen entsprechenden Betrag zugehen. Auch während des gegenwärtigen Krieges nahm der Kaiser wiederholt die Gelegenheit, den Juden Beweise seiner unwandelbaren Gnade zu liefern. Der Monarch interessierte sich auch sehr lebhaft für das Schicksal der jüdischen Kriegsflüchtlinge und ließ sich regelmäßig über die Hilfsaktionen zugunsten derselben ausführlich berichten. Schließlich möge noch erwähnt werden, daß die tapferen Armeen des Kaisers, gemeinsam mit den Armeen der Verbündeten, in dem letzten Jahre ein großes Befreiungswerk vollbracht haben, indem sie Millionen Juden den Klauen des Zaren entrissen haben und gerade jetzt dabei sind, auch den Juden Rumäniens Freiheit und Erlösung zu bringen. Es ist vollständig begreiflich, daß die Juden der ganzen Welt dem Kaiser Franz Josef eine derartige Verehrung und Anhänglichkeit entgegenbrachten, und daß der Name dieses edelsten aller Monarchen mit goldenen Lettern in der jüdischen Geschichte verzeichnet sein werde. Trauerfeier der Wiener Kultusgemeinde. Donnerstag mittags fand im Sitzungssaale der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde eine Trauerfeier liii Kaiser Kranz Josef I. unter großer Beteiligung Jjr Gcmehulemitglieder statt, bei der Präsident Dr. Alfred Mein eine Trauerrede hielt, in der er ehmleitemi;ugte: „Wir sammeln uns heute zu einer Totenklage, zu einer Klaffe unsrer Gemeinde, so tief erschütternd, herzergreifend, alle Mitglieder unsrer Gemeinde, darüber hinaus unsre gesamte österreichische Judensthart umfassend, wie sie in diesen Räumen kaum jemals gehört wurde. Unser geliebter Kaiser Franz .loset I.. dessen kaiserlichen Worten unmittelbar nach seinem Regierungantritt vor öS Jahren wir die rechtliche Anerkennung dieser unsrer Gemeinde zu danken haben, ist nicht mehr!" Der Redner bat, daß die Worte ues Dankes für alles Gute und Edle, das er in seinen) Leben gewirkt, himmelwärts als Fürsprecher steigen. Ei gedachte der bösen Verhältnisse der Juden in Oesterreich als Zeitgenosse, als lebender Augenzeuge, die das Judenamt verkörperte, gedachte der unzureichenden Zahl der Ehebefähigung der Juden bis 1848. gedachte des Jammers derjenigen, die eine vom Ge-;;ue anerkannte Ehe nicht schließen konnten, der Beschränkungen in jeglicher Berufs- und Erwerbstätigkeit, im Wohn- und Aufenthaltsrechte, um auf die Staaten in Norden und Osten hinzuweisen, in jene Staaten unsrer Feinde, die uns „Befreiung von der Barbarei" ■bringen wollen. Das ist das Bild, das die Zustände der ülaubensbrüder damals in Oesterreich hatten. Dieses Joch genommen, die Juden aus der Bedrückung zur Freiheit, aus der Finsterais zum Lichte geführt zu haben, das herzliche Wort der Gleichberechtigung gesprochen und es in Tat umgesetzt zu haben, dafür gebühre Kaiser Franz Josef I. heißester Dank. Dieser Dank möge ihm zur Seite stehen am Throne Gottes. Der Redner erwähnte den unvergeßlichen Empfang der Hukligungsdeputation der Judenschaft Oesterreichs beim sechzigjährigen Regierungsjwbiläiim und der herzlichen Worte, die der Kaiser damals an die Abordnung der Kultusgemeinden Oesterreichs gerichtet hat: „Die israelitische Bevölkerung hat immer eine Staats- und gesetzestreue Gesinnung, Ergebenheit für Mein Haus und Anhänglichkeit an Meine Person bekundet. Ich schätze auch ihren Familiensinn und ihre Freude am Wohltun. Seien Sie versichert, daß Ihre Glückwünsche Meinem Herzen wohlgetan haben und daß Sie und Ihre Glaubensgenossen Meines kaiserlichen Schutzes gewiß sein können." Redner schloß mit dem Hinweis, daß in den Tempeln für die Erhaltung des Lebens des Kaisers gebetet worden ist, daß aber seine Stunde gekommen