Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 36 (2.11.1916)
- Date
- 1916-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr. 36. Moment im Leben der Ostjuden, wohl das eigenartigste und stärkste Merkmal dieser Volksmassen, wird hiebei fast ganz außeracht gelassen. Das, was hie und da vom und über den Chassidismus geschrieben und gefaselt wird, entspricht absolut nicht dem realen religiösen Leben der Ostjuden. Der poetische Kern des Chassidismus ist wohl etwas überaus schönes und kann selbst gar manchem Westeuropäer ein ästetisches Vergnügen bereiten, wenn man es ihm in einer entsprechenden modernen Verkleidung und üarnierung darreicht, aber darin erschöpft sich dieses eigenartige Leben keineswegs. Wir hören sehr viel von der jiddischen Sprache, von der jiddischen Literatur, von dem jiddischen Qeist usw., aber wir wissen und bedenken gar nicht, daß all das, was da erzählt wird, den Ostjuden in ihrer überwiegenden Majorität nur als Mittel zum Zweck gilt, um ihr strengreligiöses Leben führen zu können. Für dieses Leben haben sie die höchsten Opfer gebracht, für dieses Leben setzten sie sich auch heute noch den größten Gefahren aus. Ls ist charakteristisch, daß gerade die strengsten Orthodoxen im Osten in politischen Fragen lieber mit den sogenannten Assimilantcn, als mit den Nationalisten zusammengehen, eine Erscheinung, die man im Westen als befremdend, die aber darin ihre Begründung findet, daß die Assimilanten sich nie in das religiöse Leben dieser Juden einmengen, wogegen die Nationalisten gerade da mit ihren weitgehenden Reformbestrebungen einsetzen. Kein Opfer ist dem Ostjuden zu groß, wenn es gilt, das religiöse Leben zu bewahren; für den Sabbath, für den Fessach, für die Sukkah, usw., ist er es gewöhnt, sich buchstäblich aufzuopfern, „mausser nefesch" zu sein. Kein Oesetz, kein Verbot, kein Hindernis -kann ihn dazu veranlassen, diesbezüglich Konzessionen zu machen, wenn dies überhaupt anders möglich ist. Die jiddische Literatur, die jiddische Schule — nicht zu verwechseln mit der eigentlichen Relgionsschule, dem Cheder, die wesentlich verschieden sind — kommen in dieser Hinsicht beiweitem nicht so weit und spielen im Leben und in der Mentalität dieser Volksmassen eine verhältnismäßig untergeordnete Rolle, an dem Maßstab gemessen, der für das religiöse Leben in Betracht kommt. Gerade in dieser Beziehung haben wir bis jetzt sehr wenig zu hören bekommen. Verfolgt man ausführlich diese Literatur, so kann man zur falschen Ueberzeugung gelangen, daß das jiddische Volkslied, die jiddische Novelle, das jiddische Theater, der jiddische Skaut usw.. das um und auf des ostjüdischen Wesens umfassen, was absolut den Tatsachen nicht entspricht. Die jüdische Intelligenz, oder richtiger, die jüdische Halbintelligenz, sieht zwar in diesen Dingen den Extrakt ihres „Judentums". Die Jüdische Offiziere und Soldaten. Englische Blätter melden, daß in England infolge der Beförderung des Obersten John Monash zum Generalmajor die Armee den ersten jüdischen General erhalten hat. Bisher im Generalsrang stehende Männer jüdischer Abkunft hatten sich vorher taufen lassen müssen. Bs ist dies eigentlich verwunderlich, denn als in England 1833 die Emanzipation der Juden auf der Tagesordnung stand, befürwortete sie unter anderen der britische Nationalheros, der Herzog von Wellington, mit dem Hinweis: „Man hat gesagt, daß in der Sehlacht bei Waterloo nicht weniger als fünfzehn jüdische Offiziere fochten. Auch ich habe viele verdienstvolle und ausgezeichnete Offiziere dieses Glaubens kennen gelernt". Was die Heranziehung der Juden zum Militärdienst überhaupt anbelangt, so wurde sie in Oesterreich zuerst durchgeführt. Laut einer Verordnung Kaiser Josef II. von 1788 sollen auch seine jüdischen Untertanen zum Militärdienst ausgehoben werden. Noch erhalten ist uns der Wortlaut einer Ansprache, die der Frager Ober-Rabbiner Ezechiel Landau an die dortigen ersten jüdischen Rekruten gehalten hat. „Dienet treu Eurem Kaiser, aber vergesset eure Religion nicht! Gottesdienst geht vor allem vor, selbst der Kaiser und seine Diener beten zu Gott." Und indem der ehrwürdige Greis jedem der jungen Krieger Talith, Tefillin (Gebetbuch und Gebetrienien) und ein Gebetbuch überreichte, ermahnte er sie, sich dieser Zeichen nicht zu schämen und tägliclt wenigstens das Schma Jisroel zu beten. Es waren Trainrekruten, und so versteht man seinen Rat: „Schmieret euren Kameraden die Wagen am Sonntag, sie werden sie euch dafür am Sabbat schmieren." Und weiter heißt es in dieser Rede: „Esset, so lang« ihr kein Fleisch bei Juden bekommt, Butter, Käse und anderes, was uns erlaubt ist Wenn ihr euch wacker haltet, werden wir vielleicht durch euch dahin kommen, auch der Fesseln entledigt zu werden, die ums heute noch drücken." Den Schluß der ergreifenden schlichten Worte bildete der alte jüdisdie Priestersegen. Zum Andenken an die erhebende Feier wurden an die Rekruten Pfeifenköpfe verteilt mit dem Bildnis Ezechiel Landaus und der Aufschrift: „Seid Gott getreu nnd breiten Volkmassen haben jedoch andere Anschauungen und andere Wünsche, andere Bedürfnisse und andere Anforderungen. Wohl erfordert das religiöse Leben dieser Volksmassen bezüglich der äußeren Formen gewise Reformen. Das Gemeindewesen, das Rabbinatswesen, die Jugenderziehung müssen unbedingt reformiert und den heutigen Verhältnissen angepaßt werden. Aber all dies bezieht sich blos auf die äußeren Formen. Im Kern der Sache werden diese breiten Volkmassen sich jede Reform verbeten und alle diesbezüglichen Bestrebungen werden zu keinem praktischen Ziele führen. Wir haben es übrigens in üalizien gesehen, wo beispielsweise die Bestimmung, daß die Rabbiner Mittelschulbildung besitzen müssen, durch dreißig Jahre praktisch nicht durchgeführt werden konnte. Die meisten Gemeinden, welche den Rabbinerposten zu vergeben hatten, haben es vorgezogen, den Stuhl verwaist zu lassen, sich mit Rabbiner- Stellvertretern zu begnügen, um nur nicht gezwungen zu sein, einen „Doktor", oder einen „Maturisten", zu dessen Religiosität sie begreiflicherweise kein Vertrauen haben, zum Rabbiner zu bekommen. Aehnliche Erscheinungen sind auch in allen anderen Hinsichten zu beobachten, die mit dem religiösen Leben in Beziehung stehen. Will man nun die Ostjuden bevormunden, so muß man sich vor Augen halten, daß sich diese geistige Fürsorge, insoterne sie überhaupt irgendwelche Berechtigung hätte, was die Ostjuden selbst heftig negieren, nicht auf das jiddische Schulwesen, das jiddische Theater usw. beschränken darf. Im Gegenteil, gerade diese Fragen, die sehr heikel und im eigenen jüdischen Lager kontrovers sind, sollten so weit als möglich aus dem Spiele gelassen werden. Die Ostjuden brauchen wohl ausgiebige Hilfe, aber in erster Reihe materieller Natur, sie brauchen wohl Schutz, aber in erster Reihe gegen etwaige Rechtsverletzungen und Kränkungen. In geistiger Beziehung, wie in Bezug auf die Gestaltung ihres politischen Verhaltens zu Staat und Gesellschaft, sind sie selbständig und reif genug und brauchen keine Vormundschaft. Am wenigsten dürfen aber ihre religiösen Interessen außeracht gelassen werden, die ihnen nach wie vor über alles heilig sind und bezüglich welcher sie nie einen Spaß kennen. Amiti. Die Westmächte und Rußland. Einer soeben erschienenen Broschüre „Der Weltkrieg und die Judenfrage" von Dr. J. Simon entnehmen wir folgenden Aufsatz: Das russiche Bündnis mit den Weststaaten, sagt man, trage die Bürgschaft für die Besserung der Lage der russichen Juden in sich. Und in der Tat wäre dieses Argument nicht bedeutungslos. Aber das ganze Argument ist nichtig und trägt auch nicht eine Spur von Berechtigung in sich. Das Bündnis Rußlands mit Frankreich ,y*wif _ dem Kaiser. Ezechiel Landau mahnt die israelitischen Soldaten zur Religion und Vaterlandsliebe. Monat Jjar 5549." Darunter der Davidschild. — Vor Einstellung jüdischer Soldaten in die österreichische Armee hatten bereits Juden bei der Losreißung der Vereinigten Staat .'n von England in Washingtons Armee auch in hohen Stellungen mitgekämpft. Dr. Max Grunwald in seinem für die Geschichte des Judentums wertvollen Werke: „Die Feldzüge Napoleons" berichtet: Am Unabhängigkeitskriege der Vereinigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1766 hatten siebenunddreißig Juden teilgenommen, darunter Colone! Isaacs Franks als Washingtons Adjutant, Colonel David S. Franks als Adjutant Arnolds, Colonei Samuel Busch, Colonel Isaacs, der bei Cambden verwundet wurde, Captain Jacob de Lean im Stabe des Generals v. Kalb, zwei Stabsoffiziere des Generals Pulaski und andere mehrere. In ähnlichen hohen militärischen Stellungen finden wir Juden auch in dem Kriege Amerikas gegen England im Jahre 1812, den nachweisbar fünfundvierzig Juden mitgemacht haben, unter ihnen Josef Blommfield als Brigadegeneral, Nathan Meyers als Colonel und Kommandeur des Hafens von New-York, Judah Touru, der bekannte Philantrop, der übrigens später im Jahre 1815 im Dienste des Vaterlandes schwer verwundet wurde, als Freiwilliger und andere. — Auch in Marinedienste traten frühzeitig Juden, besonders in Holland. In der denkwürdigen Schlacht vom 5. August 1781 zwischen den Engländern und Holländern befand sich auf der Flotte der letzteren ein portugiesischer Jude, der mit ausnehmender Tapferkeit focht. Eine beträchtliche Anzahl (seiner Glaubensgenassen) entschloß sich, freiwillig auf der Flotte zu dienen und erhielt vom Ober-Rabbi zu Amsterdam eine ausdrückliche Bewilligung ihres Vorhabens. Auch in holländischen Kolonien herrschte der gleiche Geist. Wie Dohm berichtet, waren alle freien Einwohner von Surinam in zwölf Kompagnien Landmiliz eingeteilt, wovon eine bloß aus Juden bestand." In den Nieiderlanden standen zur Zeit Napoleons zwei rein jüdische Bataillone, deren jedes sechzig Offiziere und 823 Soldaten zählte, ausschließlich Freiwillige. Am Sabbat wurde große Synagogenparade abgehalten. Selbst ein jüdisches Militärsemirrar wurde gegründet. Die Soldaten und England ist ja nicht erst durch den Krieg geschaffen worden, sondern bestand schon Jahre vorher. Hätte es also in der Richtung einer Besserung der jüdischen Lage in Rußland gewirkt, so hätte sich diese Wirkung schon lange zeigen müssen. Was sehen wir aber statt dessen? Daß dieses Bündnis nur so gewirkt hat, daß England und Frankreich antisemitisch infiziert wurden, nicht aber Rußland in seiner Politik gegenüber den Juden humaner geworden wäre. Nicht die Weststaaten, sondern Rußland war in diesem Punkte der beeinflußende, tonangebende Teil; so daß dieses Bündnis den russischen Juden nicht nur nicht Gutes, sondern den französischen und englischen Juden nur Schaden gebracht hat. Diese Behauptung läßt sich durch viele Tatsachen beweisen; wir greifen hier nur einige der wichtigsten und charakteristischsten heraus. Beginnen wir mit England. Jahrzehnte hindurch richteten sich die Blicke der russischen Juden, wenn Druck und Verfolgung zu unerträglich geworden waren, nach England. Die englische Presse pflegte auch stets scharf und energisch gegen die Unterdrückung der russischen Juden aufzutreten, und die englischen Proteste fanden, in dem auf den englischen Finanzmarkt angewiesenen Rußland auch stets Beachtung. In den letzten Jahren jedoch, seit dem Bündnis zwischen England und Rußland, änderte sich das Bild. Die englische Presse wurde immer zurückhaltender, und ab und zu konnte man in den „Times" und der „Daily Mail" sogar ausgesprochen antisemitische Artikel lesen. Heute ist uns der Qrund dieser Wandlung wohl bekannt. Wir wissen, daß Lord Northcliffe, der allmächtige Besitzer der „Times" und „Daily Mail", mit dem Hauptorgan der russischen antisemitisch-reaktionären Partei, der „Nowoje Wremja", in enge Verbindung getreten war, und daß zwischen beiden ein inniger geschäftlicher Konnex besteht. Lord Northcliffe hat einen großen Teil der Aktien der „Nowoje Wremja" erworben, und die „Times" begründeten eine besondere russische Beilage in englischer und russischer Sprache, die von der russischen Regierung durch reichliche Gelder unterstützt und auf den russischen Bahnhöfen als „amtlich" verkauft wird. Kein Wunder, daß die Blätter des edlen Lord seit dieser Zeit alle Sympathie für die russischen Juden verloren haben und im Gegenteil alles tun, um die Verbrechen der russischen Regierung zu entschuldigen. Charakteristisch war die Haltung der „Times" im Beilisprozeß, der berühmten Kiewer Ritualmordaffäre. Wenn die Zeitung auch natürlich nicht umhin konnte, diesen von der russischen Regierung künstlich angezettelten Prozeß zu verurteilen, so gab sich doch ihr Spezialkorrespondent alle Mühe, den schlechten Eindruck, den die Affäre in allen Kulturstaaten machte, zu mildern. Von der Führung des Proei hielten rituell hergerichtete Speisen, wie gegenwärtig in der österreichisch-ungarischen Armee die Mohammedaner. Aehnliche Verhältnisse begegnen uns in Frankreich, das, wie Amerika aus republikanischem St«a;sprinzip, gleichfalls Juden in seine Armee aufnahm. Unter Napoleon trug ein jüdischer Hauptmann Euchel Nurdon das Kreuz der Ehrenlegion. 1756 in Metz geboren, v ar er aus Begeisterung für die Sache der Freiheit 178b, als bereits Dreiunddreißigjähriger, in die Pariser Nutionalgarde eingetreten, in der er bis zum Unterleutnant aufrückte. Als solcher trat er zum aktiven Heere übe.'. 1792 wurde er Oberleutnant in der „Germanischen Legion", 1793 Hauptmann. Auf Empfehlung Augereaus erhielt er die erwähnte Auszeichnung. In Begleitung seiner beiden Söhne machte Nordon den Fekizug Moreaus in Süddeutschiand mit. Seine Söhne fielen, er selbsc verlor ,m Treffen bei Landshut im Jahre 1800 das linke Bein. — Wie groß die Anzahl der getauften Juden war, die in Frankreich Kriegsdienste nahm, ist bisher nicht festgestellt worden. Ebensowenig, ob Massenu. der immer wieder als Sohn eine jüdischen Weinhiindlers in Nizza bezeichnet wird, wirklich jüdscher Herkunit war. Auch in der österreichischen Armee treffen wir Juden. Bei Wagram fiel der Feldmai schalleutnaut Josef Armand v. Nordmann, ein gebürtiger Elsässer, der nach dem Usbertritt zum Christentum, ebenso wie W etzlar Edler v. Plankenstern, zum höchsten Range in uer Armee aufgerückt war. Als Kommandeur des zweiten leichten Dragoner-Regiments sprengte er 1805 bei Neuburg das Bataillon Latour d'Anvergne, dessen Befehlshaber, der „Erste Grenadier Frankreichs", wie Napoleon ihn nannte, in diesem Treffen fiel, 1805 zeichnete sich Nordmann in Italien aus: er erhielt den Maria- 'i heresien-Orden. Für seine hervorragenden Leistungen bei Aspern wurde er zwei Tage nach der Sclacht zum Feldmarschalleutnant befördert. „Der tapfere Lothringer", wie man ihn allgemein nannte, fiel am zweiten Schlachttage bei Wagram. Der Ruhm eines „ausgezeichneten, heldenthaften Truppenleiters" wird ihm unter anderem in der „Allgemeinen deutschen Biographie" zuerkannt.