Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 36 (2.11.1916)
- Date
- 1916-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. « « « £t. .« «.__*_________ Redaktion and Administrationr vierteljährlich k 12a Wochenblatt für jüdische Interessen, mm, vm. n^ntrut ss. Niclidruckmitvoller Quelleiuugab« gestattet Redakteur: Jonas KrCppCl. Erscheint jeden Do n-n«T*t*g Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Krcppel. Redaktion and Administnitionr Wien, vnt Alserstraße 55. Er sehe irrt jeden Don-n«T*t«f Hr. 36. Wtmm, 2. November 1916. 2. Das neue Ministerium- Oesterreich hat ein neues Kabinett. Der neue Ministerpräsident, Dr. Ernst v. K ö r b e r, drückt demselben den Stempel seiner hervorragenden Persönlichkeit auf. Als die Revolver- Schüsse eines Exaltierten dem Leben des gewesenen Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh ein jähes Ende bereiteten, da ertönte gleichzeitig mit dem Rufe allgemeiner Entrüstung und Empörung ob dieser ruchlosen Tat auch allgemein der Ruf nach der Rückkehr ür. Ernst v. Körbers. Dieser Name schwebte auf allen Lippen und selten hat sich das bekannte Sprichwort: „Volksstimme ist Qottesstimme" so kraftvoll bewährt, wie jetzt. Getragen vom Vertrauen der Krone, begrüßt seitens aller Bevölkerungsklassen und Schichten, kehrt Dr. Ernst v. Körber an die Stelle zurück, die er vor 12 Jahren infolge einer Verkettung verschiedener Umstände verlassen hatte, von der mau ihn aber nur ungerne scheiden sah. Das große Vertrauen, das in der ganzen Monarchie dem neuen Kabinette entgegengebracht wird, ist der deutlichste Beweis dafür, daß da der richtige Mann an die richtige Stelle gelangte. Oesterreich hat ein neues Kabinett. Aber es sind keine neuen Männer, die da die politische Arena betreten. Es sind vielmehr fast lauter alte gute Bekannte, die, auf eine ruhm- und tatenreichen Vergangenheit zurückblikkend, ihr bestes Können u. Wollen in den Dienst des Vaterlandes stellen und berufen sind, dasselbe einer glorreichen Zukunft entgegenzuführen. Jeder dieser Männer hat sich in seinem früheren Wirkungskreise als ganzer Mann gezeigt, berufen und befähigt, in dieser großen Zeit an die Spitze des Ressorts zu treten, das seiner Leitung unterstellt wird. Der Ministerpräsident hat die besten Männer zu seinen Mitarbeitern gewählt. Das Kabinett besteht aus Männern, deren Namen ein Programm bedeuten, ein echt österreichisches Programm, den heutigen Verhältnissen und Anforderungen angepaßt. Große Talente, Männer reicher Errahrung, übernehmen die Leitung der Ressorts. Wir bekommen wahrlich ein „großes Kabinett''. Ministerpräsident Dr. v. Körber bekleidete bereits einmal dieses Amt. Die vier Jahre der Körberschen Ministerpräsidentenschaft bilden ein Ruhmesblatt in der neuesten österreichischen Geschichte und nennt man die besten Namen, so wird auch der seinige genannt. Einem Mann von großer Tatkraft und breiten Horizonten, gelang es ihm, was seinen unmittelbaren Vorgängern versagt blieb. Trotz der Obstruktion, die bereits damals das österreichische Parlament zur Paralyse verurteilt hatte, gelang es dem Dr. v. Körber, dasselbe wenigstens teilweise arbeitsfähig zu machen. Dr. v. Körber war der erste, der es verstand, die Interessen des Staates mit denen der Völker in Einklang zu bringen, von ihm stammt der berühmte Ausspruch: „Der Staat muß leben, denn er ist der Hort seiner Bürger!" Wenn damals diese Erkenntnis noch nicht allgemein war, wenn dieser weitblickende Staatsmann mit diesem seinem Programme damals noch nicht durchdringen konnte, wenn ihm damals kleinliche Partei-Rücksichten und engherzige Nationalitätenstreitigkeiten derartige Schwierigkeiten in den Weg gelegt haben, daß er sich veranlaßt sah, zeitweilig vom Schauplatze seiner segensreichen Tätigkeit und Wirksamkeit zurückzutreten, so übernimmt er heute unter ganz anderen Auspizien die Leitung der Staatsgeschäfte. Die große Zeit, in der wir leben, hat unsere Anschauungen geklärt und unsere Ansichten geläutert. Wir wissen es heute, was wir dem Staate schuldig sind, der ein Hort seiner Bürger ist. Das neue Oesterreich, wie es von allen Gutgesinnten angestrebt und herbeigesehnt wird, es konnte keinen besseren Baumeister finden, als Dr. v. Körber, der schon vor anderthalb Jahrzehnten die kommenden Ereignisse voraussah und die Vorarbeiten einleitete, deren Wert und Tragweite wir erst heute im vollen Umfange erkennen. Wären die Reformen, die Dr. v. Körber seinerzeit anstrebte und einleitete, durchgeführt worden, es stünde heute sicherlich besser um uns. Wir befinden uns heute im 28. Kriegsmonate. Auf den Schlachtfeldern wird noch immer um die endgültige Entscheidung im Weltenringen gekämpft. Wir haben jectoch die feste Zuversicht, daß der Sieg unserer Sache, der gerechten Sache, zuteil werden wird. Große Aufgaben harren der neuen Regierung. Hat sie einerseits dafür zu sorgen, daß der Bevölkerung das Durchhalten im Krieg ermöglicht und erleichtert werde, obliegt ihr die Pflicht, für die Approvisionierung zu sorgen und alle jenen Maßnahmen zu treffen, die nötig sind, um das friktionslose Funktionieren der Staatsmaschine zu sichern, so fällt ihr gleichzeitig die Aufgabe zu, für die künftige Eriedenszeit diejenigen Vorsorgen zu treffen, die das Vaterland auf neue Grundlagen stellen sollen. Politisch, wirtschaftlich und kulturell soll doch Oesterreich erneuert werden. Wer kann aber besser dazu berufen sein, als Dr. v. Körber und seine Mitarbeiter, deren Vergangenheit die beste Gewähr für die Zukuft ist. Staatsinteressen und Volksinteressen ergänzen sich gegenseitig, man dient und nützt den einen, indem man sich in den Dienst der anderen stellt. Dieser Maxime hat Dr. v. Körber, haben Männer wie Dr. Franz Klein, der neue Justizminister, wie Dr. Stibral, der neue Handelsminister, stets gehuldigt. Schon diese Namen, die weit über die Grenzen der Monarchie einen guten Klang haben, drücken dem neuen Kabinett ihren Stempel auf. Aber auch diejenigen Männer, die vom alten Kabinett in das neue hinübergenommen wurden, wie die einigen vollständig neuen Männer, die Dr. v. Körber zu seinen Mitarbeitern gewählt hat, sind nur erster Güte. Der neue Ministerpräsident hat um sein Kabinett einen Kranz vollkörniger Aehren gewunden, gepfückt vom Acker österreichischer Talente. Es sind dies lauter Männer der Tat, gewachsen ihren Aufgaben und die sicherlich das Vertrauen rechtfertigen werden, das ihnen schon jetzt in so freigiebigem Ausmaße entgegengebracht wird. Große und schwierige Aufgaben harren des neuen Kabinetts. Im Vertrauen des Monarchen und im Vertrauen aller Bürger der Monarchie mögen sie die Kraft finden, ihren Aufgaben gerecht zu werden. Wer Dr. v. Körber und dessen Mitarbeiter kennt, weiß, daß sie dieses Vertrauen rechtfertigen werden. Das große Kabinett wird auch Großes vollbringen, zum Heile des Staates und zum Wohle seiner Völker. ♦ Die österreichische Judenschaft hat alle Ursache, in den Vertrauenschorus, das dem neuen Kabinette entgegentönt, kräftig einzustimmen. Als Bürger erwarten die Juden vom neuen Kabinette jene Leistungen, die man sich allgemein von demselben verspricht. Als Juden können sie in der Vergangenheit der neuen Männer, insbesondere des Ministerpräsidenten Dr. v. Körber und des Justizrmnisters Dr. Klein, die sicherste Gewähr dafür erblicken, daß ihre gerechten Wünsche und Forderungen vollauf berücksichtigt werden würden. Für diese Männer waren die Worte Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nie eine inhaltslose Phrase. Sie kannten keinen konfessionellen Unterschied und jede gerechte Forderung fand bei ihnen das vollste Verständnis und das weitgehendste Entgegenkommen. Wohlwollend nnd gerecht k'egen Jedermann, haben sie stets allen gerechten Wünschen entsprochen. Die österreichische Judenschaft, die wie alle Völker der Monarchie an der Erneuerung und Konsifidierung derselben interessiert ist, erwartet vom neuen Kabinette das beste und bringt den neuen Männern das weitgehendste Vertrauen entgegen. Die Berufung des gewesenen Statthalters von Galizien, De. v. Bobrzynski, zum galizischen Landsmannminister bildet speziell für die Juden Galiziens eine besondere Aktivpost. Ist zu erwarten, daß die Maßnahmen für den Wiederaufbau Galiziens, an welchem die galizische Judenschaft so lebhaft interessiert ist, nunmehr in einem rascheren Tempo vor sich gehen werden, wofür einerseits das wirtschaftliche Programm des neuen Ministerpräsidenten, andererseits die bekannte Energie und Tatkraft des neuen Ministers für Galizien die beste Gewähr bieten, so bedeutet die Berufung des Dr. v. Bobrzynski ins Kabinett für die Juden Galiziens noch insoferne einen großen Vorteil, als dieser herveragende Mann ein genauer Kenner der jüdischen Verhältnisse im Lande ist u. das vollste Verständnis für die speziellen jüdischen Interessen religiöser u. politischer Natur besitzt. Der erprobte Gerechtigkeitssinn des neuen Ministers für Galizien dürfte bei der Neuordnung der politischen Verhältnisse im Lande, die jetzt auf die Tagesordnung gelangt, allen gerechten Wünschen und Forderungen der galizischen Juden die vollste Berücksichtigung zuteil werden lassen. Die österreichische Judenschaft begrüßt das neue Kabinett und wünscht seiner Tätigkeit den besten Erfolg. Das rellgii>se Momenl La cter Oslfjudenfrage. Die Ostjuden-Frage hat seit Kriegsausbruch eine wahre Ueberschwemmung an Literatur gebracht. Es vergeht fast kein Tag, an dem nicht eine neue Broschüre, ein neuer Aufsatz, ein neues Projekt zur Ostiuden-Frage der Oeffentlichkeit übergeben würde. Berufene und noch mehr Unberufene machen* sich an dieses Problem heran, das scheinbar wie herrenloses Gut daliegt und dessen sich jeder betnächtigen kann. Die Ostjuden haben leider aflznviel mit sich selber zu tun, sie sind von den Kriegsereignissen derart hart betroffen und in Mitleidenschaft gezogen worden, daß sie heute wie Willenlose dastehen und auch diese FhJt über sich ergehen lassen. Sie. die sich sonst jedes Einmengen in ihre inneren Angelegenheiten zu verbitten und zu verbieten pflegten, die sogar schwere Kämpfe geführt haben, um derartige ungebetene und unerwünschte Wohltäter von sich abzuschüttem, sie stehen heutewie Versuchskaninchen da und lassen jeden Kurpfuscher an ihrem Leibe u. an ihrem Geiste herumexperimentieren. Gar Mancher, dessen Existenz sonst der Oeffentlichkeit völlig unbekannt geblieben wäre, verschafft sich plötzlich einen „Namen" und wird zur „Autorität" in der Ostjuden-Frage, da dieser Weg heutzutage ein sehr bequemer ist. Das eigentliche Wesen der Ostjuden ist doch nach wie vor der breiten Oeffentlichkeit wenig bekannt, man lauft also wenig Gefahr, sein eigenes Unwisseu und die krasse Unkenntnis der Verhältnisse zu verraten, wenn man sich mit gelehrter Miene und mit der Geste eines Ratgebers und Fürsorgers an dieses Thema heranmacht. Wie dem immer sei, bringt diese Sintflut ostjüdischer Literatur mindestens das eine Gute, daß selbst diejenigen Kreise, für die der Ostjude immer blos das Prototyp des Schnorrers war, nunmehr zur Ueberzeuguag gelangen, daß man es da mit einer Volksmasse zu tun hat, die außer Armut und Elend auch ein überaus reiches Geistesleben Besitzt, das dem ganzen Judentume zum Heile und zum Segen werden dürfte, insoferne dieses sich die Sache etwas näher ansehen sollte. Reinigt man den Weizen von der Spreu, so bleibt in dieser Ostjuden-Literatur ein Geistesschatz, der unsere Volksliteratur und unsere Geschichte enorm bereichert. Auch der reinste und klarste Strom schleppt im Ursprünge viel Stein und Geröll mit, bis sich sein Bett derart weitet und vertieft, daß das Wasser kristallrein fließt In diesem Sinne kann die ganze Ostjuden-Literatar im großen und ganzen in Kauf genommen werden. Insoferne es sich jedoch nicht Maß um das rein theoretische, sondern auch um das praktische Moment handelt, so maß gesagt wesden, daß diese Literatur ein Minus aufweist, das schmerzlich vermißt wird. Das religiöse