Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 36 (2.11.1916)
- Date
- 1916-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Jüdische Korrespondenz Seite 3 zesses, die bekanntlich durchaus darauf ausging, willkürlich einen Ritualmord zu konstruieren, berichtet er, „sie sei gerecht und frei gewesen". („Times" vom 11. November 1913). Den Präsidenten des Gerichts, der den Prozeß in der parteiischesten Art geleitet hat, nannte er „eine Verkörperung unparteiischer Höflichkeit". Diese judenfeindliche Haltung der „Times" und der anderen Blätter des Lord Northcliffe wurde im Kriege noch deutlicher und ausgesprochener. Dauernd und systematisch bringen sie antisemitische Notizen und Bemerkungen; so fügte die „Times" der Meldung vom Falle I ibaus die Bemerkung hinzu: „Nachweislich durch jüdischen Verrat", anläßlich der Lusitania-Affäre schrieb das Blatt: „Die bedeutsamste Erscheinung ist die zügellose Freude Hamburgs und der jüdischen Finanzpresse im allgemeinen über die Zerstörung eines so wichtigen Schiffes und eines so verhaßten Nebenbuhlers." Wie weit aber die Uebernahme russischer Methoden und Ansichten in jüdischen Dingen innerhalb der englischen öffentlichen Meinung bereits fortgeschritten ist, beweist in einer geradezu erschreckenden Weise das Verhalten eines der bekannten englischen Schriftsteller, des russischen Korrespondenten der „Times", Mr. Stephen Graham. Dieser Herr, einer der besten Kenner Rußlands in England, der seit Jahren schon für ein inniges Bündnis zwischen England und Rußland eintritt, hat während des Krieges ein Buch: „Russia and the World" veröffentlicht, das seine Landsleute über das Wesen Rußlands aufklären soll. In diesem Buche, das in England eine außerordentliche Verbreitung gefunden hat und eine Verherrlichung des Zarenreiches als der Quelle zur Gesundung des verderbten Europas darstellt, widmet er ein Kapitel der Judenfrage, das auf eine Rechtfertigung des russischen Antisemitismus hinausläuft. „Die Juden," meint Herr Graham, „sind immer eine große Gefahr für die Russen gewesen. Man darf behaupten, daß, wenn die Revolution gelungen wäre, oder wenn all den Nationalitäten Freiheit gewährt würde, die Juden Rußland überfluten würden, und die gesamte weltliche Macht in ihre Hände fallen würde". (S. 135). Die wahre Ursache des russischen Antisemitismus ist nach der Meinung des Herrn Graham „der fundamentale Gegensatz des jüdischen Charakters zu allem, was dem Slawen am wertvollsten ist. (S. 139). Darin gleiche der Jude dem Tataren, denn „der Tatare im Russen ist ein dem Juden ähnlicher Typus und in der Tat glauben viele, daß die russischen Juden nicht Hebräer, sondern einfach die Nachkommen von zum Judentum übergetretenen Tataren seien. Wie diese, ist der Jude ein Gift für Rußland". (S. 139). „Die Juden mit ihrer Begabung für den Handel, ihrer Sympathie für das Westlertum und ihrer Verachtung des Mystizismus bedrohen das russische ideal. Man glaubt von den Juden, daß sie ungeheure Vermögen durch zweifelhafte Mittel sich erwerben, und die Russen rächen sich in schwacher Weise, inuem sie schweren Tribut von innen erpressen, wenn sie können..... Sie sind zu geschickt iür die Küssen. Die Folge ist, daß keine umiassenae gesetzliche Maßnahme gegen sie ergruien wird, die geeignet wäre, üiren Praktiken ein Ende zu maenen. Das Kesultat dieser russischen Machtlosigkeit ist Zorn und Unmut bei den Anstandigeren und flammende Wut oei den Bestechlichen. Wegen all dieser Dinge, die zwischen dem Juden und dem Russen nicht geregelt und aus der Welt geschaht werden können, nimmt der letztere Zuuuciu zu zügellosen Massacres, zu Kituaimorü- Affären und ähnlichem". (.S. HU). Man sieht, es ist ein wohlausgebautes System völliger Kechtfertigung des russischen Antisemitismus, das nerr Liraham hier bietet. Und es ist so nur konsequent, daß er auch den Kiewer Ritualmoraprozelj zu entschuldigen sich bemüht. Zwar gibt auch er zu, daß Beilis unschuldig war; aber, meint er, „die Wahrscheinlichkeit besteht, daß ein Jude das Verbrechen begangen hat" (S. 136), während der Prozeß es völlig klar erwiesen hat, daß die russische Hehlerin Tscheberjak die wirkliche Mörderin gewesen war. Herr Graham geht jedoch noch weiter und hält die Existenz des Ritualmordritus unter gewissen jüdischen Sekten für gar nicht unmöglich. „Wenn unter den ungebildeten und wilden Juden, die in den entfernteren Teilen des Rayons wohnen, dunkle Sekten existieren sollten, in deren Riten Kinderopfer, Molochanbetung und ähnliches geübt wird, so ist das eine Kuriosität unter den Religionen des heutigen Europas". (S. 136). Diese Ausführungen des autoritativen englischen Schriftstellers und Sachkenners russischer Verhältnisse zeigen am klarsten, welche Folgen das englisch-russische Bündnis für die Stellungnahme eines sehr einflußreichen Teiles der englischen öffentlichen Meinung zur Judenfrage bereits gehabt hat. Die Lage der Juden in Rußland ist nicht im geringsten besser geworden, aber in England ist es bereits so weit gekommen, daß eine der ersten Autoritäten für russische Fragen, der Korrespondent der „Times", den russischen Antisemitismus billigt und selbst das Ritualmordmärchen verteidigt. Es ist klar, daß unter solchen Umständen auch von der englischen Regierung nichts für die russischen Juden zu erwarten ist. Sollte aber jemand noch irgendwelche Hoffnungen auf die englische Regierung setzen, so möge er sich an dem Fall des Herrn Zangwill eine Lehre nehmen, der zu Beginn des Krieges von Sir Edward Grey empfangen wurde und von ihm das Versprechen erhielt, England werde eine Besserung der Lage der russischen Juden herbeiführen, worauf er die Juden aller neutralen Länder zur Unterstützung der Entente aufrief. Sehr bald aber mußte sich dieser politisch leicht beeinflußbare, aber aufrichtigste und von warmer Liebe zu seinem Volke erfüllte jüdische Dichter davon überzeugen, daß die Worte Sir Edwards eben nur Worte waren, und seitdem tritt er mit Eifer gegen das englisch-russische Bündnis aui, das er als ein Unglück und eine Schmach für England bezeichnet, wofür er sich von der englischen Presse die heftigsten Angriffe gefallen lassen muß. Der „Globe" wirft ihm vor, den jüdischen Interessen zuliebe die englischen zu verraten, und die Zeitschrift „The New Witneß" erklärte: „Der Patriotismus ist eine Ligenschaft, welche die Rasse des Herrn Zangwill verloren hat." Selbst die englische Regierung tritt gegen ihn auf und hat erst vor einiger Zeit eine Aufführung seines Dramas „The Melting Pott", in dem auch von den Leiden der russischen Juden die Rede ist, auf Ersuchen der russischen Regierung verboten. Wie es Zangwill ergangen ist, wird es allen jenen Juden ergehen, die in naivem Vertrauen von England eine Besserung des furchtbaren Schicksals der russischen Juden erwarten. Für jeden aber, der nicht blind sein will gegen die Lehren der Wirklichkeit, muß es klar sein, daß alle solche Erwartung nur eitle Illusion ist, und daß das Bündnis Rußlands mit den Weststaaten nicht Rußland im günstigen, judenfreundlichen, sondern England und Frankreich im ungünstigen, antisemitischen Sinne beeinflußt hat. Die jüdischen Geißeln aus Gaüzien. In der letzten Zeit waren wiederholt Gerüchte verbreitet, daß ein Teil der seinerzeit von den Russen aus üaiizien verschleppten „Geißeln" im Austauschwege befreit wurde und sich bereits auf dem Heimweg befinde. Speziell wurden diesbezüglich die Namen des Lemberger Kuitusvizepräsidenten Dr. Diauiand, des Zloczower Kultuspräsidenten Gold, ues Lemberger Kaufmannes Feller usw. genannt, die sich bereits angeblich in Schweden behnden sollen. Bisher haben sich jedoch die Nachrichten nocli nicht bestätigt und bei der bekannten Taktik der russischen Regierung muß man annehmen, daß sich die Heimkehr dieser „Geißeln" allenfalls noch verzögern konnte, selbst wenn sie tatsächlich im Austauschwege betreit werden sollten. Andererseits kommt aber eine Nachricht, die gewissermaßen oiiiziösen Charakter hat und der zuiolge man mit einer baldigen Rückkehr einer großen Zahl der Verschleppten rechnen kann, bo meldet die in Petersburg erscheinende „bprawa polska". daß zwischen dem russischen Ministerium des Aeußern und den feindlichen Staaten eine Vereinbarung betreffend den Austausch der durch die Truppen verschleppten Zivilgetangenen und „Geißeln' getroffen wurde, nach welcher alle diese Zivilpersonen demnächst befreit werden sollen mit Ausnahme derjenigen, welche aus Kriegsrücksichten zurückgehalten werden müssen, und der militärtauglichen Männer im Alter von 16 bis 44 Jahren. Diejenigen, welche von dem Rechte der Rückkehr keinen Gebrauch machen wollen, können zur Rückkehr nicht gezwungen werden. Die Rückkehr soll möglichst erleichtert werden. Zivilpersonen, die in dem vom Feinde okkupierten Staatsteile wohnen, können unbehindert in einen anderen vom Feinde nicht besetzten Staatsteil übersiedeln. Die Vereinbarung wird während der ganzen Kriegsdauer aufrechterhalten, und es werden bereits Verhandlungen über den Termin ihrer Durchführung gepflogen. Da auch in der deutschen Presse eine ähnliche Meldung veröffentlicht wurde, ist eine Bestätigung derselben zu erwarten und somit zu hoffen, daß wenigstens die älteren „Geißeln" ihre Freiheit wiedererlangen werden. Aus Rußland. Die Ernennung Protopopows hat in der gesamten nichtrussischen Presse — der feindlichen, der neutralen und der verbündeten -• nicht geringes Aufsehen erregt und zu den Kühnsten Spekulationen Anlaß gegeben. Der Grund hierfür ist in der Unkenntnis der russischen innerpolitischen Verhältnisse und parteipolitischen Zustände zu suchen. Protopopow wurde als „liberal" hingestellt, ja den „Kadetten" zugezählt. Diese sind bekanntlich ausgesprochen englandfreundlich und kriegswillig; im Widerspruch dazu standen aber die Gerüchte von irgendeiner Friedensgeneigtiitit, die Protopopow gezeigt Haben sollte und die ui russischen liberalen Kreisen nicht geringe Erregung hervorgerufen habe. Diese inneren Widersprüche : liberal, englandiireundlich, kriegswillig und doch wiederum friedensbereit wirkten verwirrend auf das Urteil der ausländischen Presse, gaben der Ernennung Protopopows zugleich aber auch einen gewissen pikanten Reiz. Hinzu kam, daß man den bisherigen Großindustriellen für eine Persönlichkeit hielt, die zu inneren Reformen, auch in der Frage der Judengesetzgebung neigte, daß man glaubte, seine Ernennung bedeute ein Entgegenkommen gegenüber gewissen westeuropäischen Machtfaktoren. Die Wurzel aller hieraus entstandenen falschen Folgerungen haben wir in der irrtümlichen Zuzählung Protopopows zur Kadettenpartei zu suchen. Protopopow ist nicht Kadett. Er ist — „Oktobrist". Die Partei der üktobnsten, so genannt nach dem am 17. Oktober des Revolutionsjahres veröffentlichten Freiheits-Manifest, waren damals, wie überhaupt fast die ganze Gesamtheit des russischen Volkes, liberal, zugleich jedoch mit einem stark nationalem Einschlag. Im Laufe der Jahre haben sie sich jedoch gespalten. Aus ihren Reihen ist Protopopow hervorgegangen, ein Großindustrieller, dem unerwartet ein Minister - Portefeuille zugefallen ist und der schnell, in wenigen Tagen, sich zu dem entwickelt hat, was er nun sein soll: ein russischer Beamter. — Wir haben mithin keinerlei tiefgehende Aenderung im Kurse der russischen inneren und äußeren Politik von dieser Ernennung zu erwarten. „Ich bitte, mich nicht nach meinen Worten zu beurteilen, sondern nach meinen Taten" — so äußerte sich der neue Minister Pressevertretern gegenüber; er beabsichtige keine selbständige Politik zu treiben, da Einigkeit im Kabinett die Vorbedingung für eine glückbringende Regierungstätigkeit sei und allein Stürmer es zukomme, die Direktive dem russischen Kurse zu geben. Das heißt: Jetzt bin ich Beamter und habe meinen Vorgesetzten zu gehorchen. Seine erste „Tat" als Minister war ein Gesuch des allgemeinen Städte-Verbandes, der mächtigen liberalen Kriegshilfsorganisation um Anweisung von fünf Millionen Rubel Regierungsgelder zwecks Ausbau ihrer Tätigkeit, abzulehnen. Die russische liberale Presse spuckt daher auch Feuer und Flamme. Sie hatte ein bescheidenes Entgegenkommen ihren Wünschen gegenüber von dem neuen Minister erwartet. Nun ist er der Apostata und wird noch schärfer abgelehnt, als es einem von vornherein durctiaus reaktionären Minister widerfahren wäre. Die Blätter der „schwarzen Hundert", aber, die „Seinschtschina", die „Rußkoje Snamja" und „Golos Russi", die Protopopows Ernennung nur mit gemischten Geluhlen begrüßten, die feiern ihn jetzt warm als den ihrigen, der den „gordischen Knoten der russischen Politik nunmehr durchhauen" und mit keinerlei Traditionen der russischen Regierung brechen werde. Trotz der in letzter Zeit wiederholten Versprechungen der Minister und Regieruiigsvertreter im Auslande wie innerhalb des Landes, die rechtliche Lage der Juden möglichst bald zu erleichtern, setzt die Maschinerie der .iudenveriolgung und Erfindung neuer Beschränkungen ihren rastlosen Gang fort. Nach der großen Judenjagd in Moskau, die mit einer megekannten Rohheit vor sich ging, wurde eine neue Verordnung gegeben, die die Existenz vieler 'Tausende wohlhabender Juden zu ruinieren droht. Das Ministerium für Handel und Industrie verordnet in seinem Befehl vom Ä Juii 1916, daß das Recht der Herstellung und des Verkautes der Manufakturwaren nur denjenigen Firmen erlaubt wird, die vor Ausbruch des Krieges in der gleichen Stadt ihren Betrieb hatten. All die Tausende jüdischer Fabriksbesitzer, die während des Krieges aus dem industriereichen Rayon von Lodz, Tomaschow, Bjalistok usw. flüchteten und ihre Fabriken ins Innere Rußlands verlegen mußten, verlieren also mit einem Schlag das Recht auf Existenz und geraten zusammen mit ihren zahlreichen Arbeitern und Angestellten in die Lage