Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 39 (19.9.1907)
- Date
- 1907-09-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r. fr. 50. Der öottesmann. Warum soll der vierbuchstabige Gottesname nicht ausgesprochen werden? Weil er einen Eigennamen bezeichnet. Es könnte leicht der Anschein entstehen, als ob darunter nicht Gott katexochen (ausschließlich), sondern ein bestimmter, diesen Namen führender Gott zu verstehen sei, etwa wie die Heiden ihren Gott Kamosch, Milkom, Zeus, Jupiter usw. nannten. Darum wird der Eigename in die Bezeichnung „Gott" umgewandelt. 51. Aus den Klageliedern Jseremia klagt bei der Zerstörung Jerusalems: as soll ich als Beispiel dir nennen und womit dich vergleichen, Tochter Jerusalems, was dir gleichstellen, um dich zu trösten jungfräuliche Tochter Zion? Denn groß wie das Meer ist -eine Wunde, wer kann dich heilen?" (Klagelieder 2. 14.) Der einfache Sinn des Vergleichs mit dem Meere ist ja wohl der, daß Zion nicht durch den Hinweis auf ein ähnliches Leid anderer getröstet werden könne, da sein Schmerz unvergleichlich sei, unendlich wie das Meer. Aber in einem höheren Sinne kann dieses Leid auch folgendermaßen ausgelegt werden: Das Meer ist so unendlich groß, daß nie überall gleichzeitig Stille herrschen kann. Wenn sein Spiegel auch hier sanft und friedlich daliegt, anderweit stürmt und braust es. So ergeht es auch den in die Verbannung geführten Kindern Zions. In alle Weltgegenden zerstreut, werden sie nicht überall gleichzeitig Ruhe finden. Hier in Frieden lebend, werden fie dort verfolgt und aufgescheucht. 52. Die Versuchung. Im - Gebet sprechen wir: „Halte fern den Versucher vor uns und hinter uns." Der Ausdruck „vor uns und hinter uns" kann sowohl räumlich als auch zeitlich verstanden werden. Räumlich : Gott möge uns nicht in Versuchung führen, und wenn er uns in Versuchung führt, uns die Kraft geben, sie zu bestehen, so daß die Versuchung hinter uns zurückbleibt. Zeitlich: Er möge uns Kraft geben, sowohl in den Versuchungen der Zukunft als auch in denen, die aus den Folgen vergangener Taten uns drohen, uns zu bewähren. (Fortsetzung folgt.) LDfCi. Korrespondenzen und Nachrichten. WWerrtsthe« itetdj. Berlin, 16. Sept. Zit einer öffentlichen Versammlung behufs Propaganda für die neuorganisierte „Freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judent u m s" hatte ein Cornite die gesetzestreue Judenheit Berlins am Sonntag, 15. Sept. nachmittags nach dem Vereinshaus, Wilhelmstr. 118, eingeladen. Die von über 400 Personen besuchte Versammlung, die erste ihrer Art in Berlin, gestaltete sich zu einer überwältigenden Kundgebung für die Bestrebungen zu einem Zusammenschluß der Gesetzestreuen. Die von Herrn Prediger Dr. Bleich rode geleiteten Verhandlungen, wurden nach einer kurzen Darstellung ihrer Zwecke seitens des Vorsitzenden durch ein Referat des Vorstandsmitglieds Herrn Jacob Rosenheim aus Frankfurt a. M. eröffnet. Dieser führte etwa Folgendes aus: Wenn unsere Väter vor einigen Jahrzehnten die Notwendigkeit erkannt hätten, zu einer Vereinigung sich zusammenzuschließen und ihr den Namen einer „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" zu geben, so sei das nicht etwa in dem Glauben geschehen, als hätten sie an Stelle des attributlosen „Judentums" der Ahnen ein neues, ein „orthodoxes" Judentum zu vertreten. Die nähere Definition des Begriffes „Judentum" durch das Beiwort „orthodox "oder „gesetzestreu" habe sich vielmehr als das Erfordernis einer Zeit dargestellt, welche durch Hineintragung von Philosophemen aus nichtjüdischen Gedankenwelten in die Judenheit dem Begriff „Judentum" seine vieltausendjährige Bestimmtheit und Klarheit, seine Eindeutigkeit geraubt hatte. In Wahrheit sei das „orthodoxe Judentum" nichts anderes als das Judentum schlechtweg, welches uns durch die Zeiten getragen habe, dessen Bekanntnis wir dreimal täglich auf den Lippen haben, das durch alle Jahrtausende uns wetterführen werde. Darum auch gälte es nicht der Berttetung der Interessen irgend einer Partei, eines Zweiges oder einer Sekte im Judentum, wie es die Gegner so gern der Welt verkünden, sondern des Judentums überhaupt. „Wir kennen nur ein Judentum für alle, die von jüdischen Müttern geboren sind und denen wir das alte unverfälschte Judentum bewahren zu sollen uns verpflichtet halten." Solange das gesetzestreue Judentum das einzige war und lebendig in den Herzen seiner Söhne und Töchter loderte, habe es eines Organs nicht bedurft. Aber die Schaffung dieses Organs ward unabweisbar in einer Zeit, in der Unzählige in die Arena der geistigen Kämpfe eintreten, mit denen im friedlichen Wettbewerb sich zu messen geboten sei. Diese Erwägung habe vor zwanzig Jahren den Stifter der Freien Bereinigung, Samson Raphael Hirsch s. A. im Vorausblick der Zeiten, in welchen seine Mitkämpfer und Streiter, die Großen in Israel, unter ihnen Israel Hildesheimer und Seligmann Bär Bamberger die Altersgrenze erreicht und zu schwinden drohten, zu ihrer Gründung veranlaßt. Der Freien Vereinigung, bestimmt gleichsam zu einer Freistatt für alle Juden, die sich eins fühlen in der Richtung ihrer Lebensziele, seien drei große Gruppen von Aufgaben gestellt: 1. Die geistigen Prinzipien des gesetzestreuen Judentums mit möglichster Klarheit zum Bewußtsein zu bringen. 2. Dem Staate und allen seinen Behörden gegenüber die bekenntnismäßige Einheit des gesetzestreuen Judentums zu vertreten. 3. Die praktische Verwirklichung aller Aufgaben des gesetzestreuen Judentums zu sichern. Daß dieses gewaltige Programm bisher nur zum Teil zur Ausführung gelangen konnte, sei eine Folge ungenügender Organisation gewesen, deren Aenderung nunmehr als das Ergebnis langjähriger Verhandlungen mit den Gesinnungsgenossen im Lande vorliege, lieber die Notwendigkeit des Zusammenschlusses bestände nur eine Meinung überall. Für die Stählung der gesetzestreuen Minoritäten, der Einzelnen und Versprengten nicht nur sei der Zusammenschluß und das in ihm wurzelnde Gemeinsamkeitsbewußtsein von eminenter Dringlichkeit, sondern für den gedeihlichenFortbestand einer gesetzestreuen Judenheit überhaupt. Sei denn der Einzelne in der Lage, gegenüber all den Faktoren, welche draußen im Leben unsere Kinder als „Miterzieher" beeinflussen und die häusliche Erziehung durchkreuzen, die Abwehr zu ergreifen, wenn nicht ein Organ besteht, das durch Teilung der Arbeit des Einzelnen Kraft steigert und die Gesamtarbeit vollbringt? Die neue Organisation sehe für jedes Arbeitsgebiet wie Hausierer u.s.w. hätte sein können, nur nicht Belchneider oder Schächter, zu finden. Sollten diese vielleicht damit lächerlich gemacht werden? Abgesehen davon, daß diese beiden Aemter nicht in einer Person vereint sein sollen, möchte ich darauf Hinweisen, daß das Amt eines Beschneiders ein unentgeltlich verwaltetes Ehrenamt ist, zu welchem nur ernstreligiöse Personen von Reputatwn gelangen, wäh- ' rend das Schächteramt ein Beruf ist, zu welchem ebenfalls nur Männer mit tadellosem, sittlich-religiösem Lebenswandel von der Gemeinde gewählt werden. Beide sind keineswegs identisch mit der komischen Figur des Meyer Moses Spier, der sich eher dem neben ihm wirkenden „Barbier und Lrchweinestecher" anreiht. Zur Vermeidung von allerlei Aergernis möchte ich Sie nur bitten, den Autor zu veranlassen, dem Spier ein anderes, nicht mit der Religion verknüpftes Metier zuweisen zu wollen. Spier würde auch als Schächter oder Beschneider aus Mangel an Beschäftigung elendiglich zugrunde gehen müssen, und das sollte mir doch leid tun. Es soll mir angenehm sein, wollten Sie meiner Anregung gefl. entsprechen. Mit aller Hochachtung .. 3. Mai 1902. Herrn., hier. Geehrter Herr? In Erwiderung auf Ihr geehrtes Schreiben erlauben wir uns zunächst darauf aufmerksam zu machen, daß wir nicht berechtigt sind, Bezeichnungen, die der Dichter den Personen seines Stückes gegeben hat, zu^ streichen oder willkürlich abzuändern. Im übrigen werden Sie, nachdem Sie das Stück gesehen haben, 'zugeben, daß die betreffende Figur einen ganz sympathischen Eindruck macht, und wir können nicht glauben, daß der Dichter yrit der von Ihnen monierten Bxzxichnnng irgendwelche animgfe Tendenz verknüpfen wollte. M scheint uns daher wirklich kein ausreichender Grund vorhanden, uns mit ibm we^en eines äußerlichen Momentes auseinanderzusetzen, das nirgends sonst Anstoß erregt bat und durch eine derartige Erörterung unnötigerweise eine Schärfe erhalten würde, die ihm sicherlich nicht inne wohnt. Hochachtungsvoll An den Königl. Dramaturgen, Verfasser des bürgerlichen Dramas „Der Heerohme", Herrn Jos. Laufs, Wohlgeboren, Wiesbaden. Ew. Wohlgeboren erlaube ich mir einliegend die Kopien eines Briefwechsels zu überreichen, den ich anläßlich Ihres obigen, überaus gelungenen und vorzüglich zur Darstellung gebrachten Dramas mit der löbl. Direttion des ... Stadttheaters gehabt, und füge die höfl. Bitte hinzu, Ew. Wohlgeboren möchten dem Inhalte meines Schreibens an die Stadttheaterdirektion in Geneigtheit entsprechen. Wenn Sie bedenken, daß antisemitische Bestrebungen schon seit Jahren darauf Hinzielen, das Schächten sowohl wie die Beschneidung, welche beide religiöse Handlungen sind, aus allerlei nichtigen Gründen zu verbieten, so werden Sie aus diesen Bedenken allein, die Berechtigung meines höfl. Ersuchens anerkennend, demgemäß verfügen und mich mit Ihrem gesch. Bescheide erfreuen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr im voraus sehr dankbarer Wiesbaden, 5. Mai 1902. Sehr geehrter Herr . . .! Der Anregung Ihres werten Schreibens folgend habe ich die Direktion des ... Stadttheaters veranlaßt. die Bezeichnung der Aemter des Spier auf 'der Personenliste in Zukunft wegfallen zu lassen. Ich bin Ihrem Wunsch ium so lieber nachgekommen, da es mir vollständig fern liegt, die religiösen GefiihleAndersgläubiger zu verletzen. Schon in frühester Jugend ist mir Toleranz eingeimpft worden, und nichts ist mir verhaßter wie das unleidliche Treiben, welches im Antisemittsmus zutage tritt. Wo ich gegen dessen Machenschaften mit Wort und Feder einschreiten konnte, ist es meinerseits geschehen — und dieser meiner lleberzeugung habe ich in der lebhaftesten Weise auch in meinem Roman „Die Hexe" und in meiner epischen Dichtung „Die Geißlerin" Ausdruck gegeben. Mit der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung ergebenst Jos. Laufs. (Das atte Jericho ) Dem Archäologen Sellin von der Wiener Universität, der von reichen Wiener Privatleuten unterstützt wurde, ist es gelungen, umfangreiche Ausgrabungen im alten Jericho mit recht befiiedigendem Erfolge vorzunehmen. Die Arbeiten erfolgten an fünf Stellen des alten Ruinenfeldes. Schon in einer Tiefe von ein bis zwei Metern fand Professor Selltn interessante Ueberreste alten, fast ausschließlich kanaittschen Kulturlebens. Besonders wettvoll ist die Freilegung eines Gebäudes, dessen Bedeutung noch nicht aufgellätt und dessen Bauart bisher auf den palästinensischen Ruinenstätten noch nicht angetroffen worben ist. Professor Sellin hat ferner in der Jezuel-Ebene ein arabisches Schloß, eine Zisterne und ein ganzes Archiv von Ketlschrtsttäfelchen entdeckt. (Antike Kolumbarien.) In der Illustrierten Beilage dieses Blattes ist eines der Kolumbatten abaebildet, die sich auS alter Zeit in Palästina vorfinben. ES find Höhlen mit zahlreichen kleinen Nischen in den B änben. Biele Forscher haben diese Höhlen für Grabstätten gehalten, aber die Bischen find so Nein, daß nur winzige Urnen darin Platz gehabt hätten. Deshalb haben andere Forscher in Liesen seltsamen Anlagen Taubenschläge (Kolumbatten) gesehen.