Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 27 (24.6.1915)
- Date
- 1915-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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- Riga 3× ep/1000826
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Sette 4 No. 37 Der JSraeltt. einrückenden österreichischen Patroullien befreit. AÜe Synagogen und Bethäuser wurden eingeäschert wobei 50 Thorarollen verbrannten. |bt{«tvn. Dus Ben SemeinBen. Bonyhad. Herr Redakteur Josef Schwarz ist bereit, 200 hebräische Bücher zur Lektüre für galizische Flüchtlinge unentgeltlich zur Verfügung zu stellen. Reflektanten wollen sich direkt an Herrn Schwarz wenden. Hermannstadt. Beim feierlichen Dankgottesdienst , der in unserer Synagoge nach den großen Siegen in Galizien abgehalten wurde, hielt Oberrabbiner H o r o w i tz eine begeisternde Festrede. Die Vertreter der Generalität erschienen in Paradeuniform. Z. B. A. Maghargenes Kaum fünfzigjährig verschied hier unerwartet die ob ihrer seltenen Tugenden tief verehrte Frau Jdsidor Deutsch. Ein echtes Biederweib, bildete ihr Leben eine ununterbrochene Kette edler Taten, geübt in stiller Gottesfurcht. Sie erzog ihre Kinder im Geiste der heiligen Ueberlieferung und erlebte es, daß zwei ihrer Söhne als Rabbiner in frommen Gemeinden das Wort Gottes verkünden. Bei ihrer '’ib sprachen ihre beiden Söhne, die Rabbiner aus N. Szalek und Koste! ergreifende Worte der Trauer über den Heimgang der edlen Mutier. Ihr Gatte widmete der heimkehrenden Lebensgefährtin erschütternde Worte des Dankes und der Liebe für das Glück, das sie ihm gebracht, für ihr heiliges Wirken, das sie als Gattin und Mutter betätigte. <T33W> . Z. B. A. Miskolz. Wir haben einen braven Mann begraben. Majer L Roth, der würdige Bruder des Papaer Raws ist im Alter von 56 Jahren zu seinen Vätern heimgegangen. Er war ein jüdischer Patrizier mit echtjüdischer Gesinnung. Ein weiter Kreis seiner Verehrer gab ihm die letzte Ehre und Rabbiner Austerlitz widmete dem Onkel ergreifende Worte des Gedenkens und der tiefen Trauer. .TSiUri Z. B. A. UrMarrd. Die Austreibungen aus Koruno und Kurland. Lodz, 18. Juni. Das „Lodzer Volksblatt" erhält über Kopenhagen einen zusammenfassenden Bericht üher die Ausweisungen aus Kowno und Kurland, der ein klares Bild -er Lage gibt. Die Maßnahme stellt sich dar als eine Fortsetzung der früheren Ausweisungen aus den polnischen Gouvernements Ktelce, Radom und Warschau, nur daß sie in den Einzelheiten noch rigoroser zur Ausführung gelangen. Der Gouverneur von Kowno erhielt am 10. Mai den Befehl, bis zum 18. Mai den Festungsbezirk Kowno und die ganze vom Kownoer Gouvernement in Kurland hineinreichende .Frontlinie von Juden zu säubern. Außer einer Unmenge von Städtchen, Flecken und Dörfern, die zu diesem Gebiete gehören, wurden in dem Befehle noch folgende Städte ausdrücklich genannt: Kowno, Janowo, Wtlkomir, Rogowo, Poniwiesch, Paswola, Salati, Baust. (Das Reinmachen jtn den anderen Städten Kurlands und der Ostfeeprovinzen oblag den Gouverneuren von Mttau und Riga). Was die von den Deutschen besetzten Ortschaften anbetrifft, so wurde verfügt, daß umgehend nach ihrer Wtedereroberung die Juden von dort zu entfernen seien. Die Urplötzlichkett, mit der diese Verordnung e nlangte, und ihre Kurzfristigkeit rief eine unbeschreibliche Panik hervor, da die Leute nicht die geringste Möglichkeit hatten, ihre geschäftlichen und persönlichen Anliegen in dieser kurzen Zeit zu erledigen. Das ganze Geschäfts- und Verkehrsleben stand auf einmal still, gleich einem abgelaufenen Uhrwerke. Es begab sich sofort eine Deputation, bestehend aus den Gemetnderabbinern aus Mitau, Riga und Kowno, denen sich noch der Dumaabgeordnete für Kurland, Dr. Hurwttz und einige bekannte Petersburger Persönlichkeiten anschlossen, zum Minister des Innern. Maklakow empfing die Deputation, zeigte auch einiges Verständnis für das Unglück der Betroffenen, erklärte sich aber machtlos, Maßnahmen der Heeresleitung entgegenzutreten. Als die Herren der. Deputation wieder heimkamen, war die Austreibungsarbeit zum größten Teile schon vollbracht. So gründlich dürfte die russische Polizei noch nie gearbeitet haben. Es hielt schwer, einen Aufschub für Schwerkranke und Wöchnerinnen zu erlangen. In Windau (Kurland) gelang es dem jüdischen Arzte, Dr. Feitelberg, der dort im Lazarette tätig ist nnd daher bleiben mußte, für seine ans Bett gefeffelten jüdischen Patienten den Aufenthalt zu erwirken. Ganze Gemeinden ergossen sich in endlosen Vieh- und Gepäckwagen zunächst nach Minsk und Riga, wo jüdische Komitees für die Durchreisenden bestens sorgten. In Riga durften sie aber nicht länger als wenige Stunden Aufenthalt nehmen. Die Reise ging weiter nach den Gouvernements Poltawa und Jekaterinoslaw. Die aus Kowno Kommenden durften sich nicht in Wilna niederlaffen. Minsk ist dagegen ganz angefüllt von Heimatlosen, deren Lage eine ganz trostlose ist. Alle haben ihre Habseltgkeiten, viele auch große Warenlager, dem Schicksal und der Gnade der Bauern und Kosaken hinterlaffen müffen. Die Notlage in Littauen. Wilna, 15. Juni (indirekt.) Nach einer von Rabbi Grodsenskt aufgestellten Statistik sind zur Zeit über 200 Gemeinderabbiner und 800 Schochtim vollständig brotlos. Nicht mitgerechnet sind die Rabbiner und Kultusbeamten, die mit ihren Gemeinden das Geschick der Ausweisung teilten und sich in Knaben im Alter von 5 bis 14 Jahren täglich sechs Stunden in allen hebräischen Disziplinen gründlich unterrichlet. Es ist eine Freude, diese Fülle von jüdischer Intelligenz, von unverbrauchter junger Kraft, wie sie da in der schule von gewissenhaften Lehrern für die jüdische Zukunft urbar gemacht wird, mitan^usehen. Leider fehlt es an dem nötigen Büchermaterral, worauf wohltätige Kurgäste, die jetzt, zwar etwas dünn, das Bad zu bevölkern beginnen, bedacht sein sollten. Man e.sährt das grausige Wort „Krieg" in seiner ganzen schauerlichen Tiefe, wenn man sich von den Leuterl ihre Erlebnisse vor und während der Flucht erzählen läßt, oder die Schilderungen der vielen, die hiesigen Lazarette süllenden jüdischen Verwundeten aus Galizien, auf sich einwirken läßt. Am meisten erschüttern die Klagen der Väter und Mütter, die ihre Kinder verloren und im Ungewissen über das Schicksal ihrer Lieben sind. Versprengte Teile auseinandergerissener Familien gibt es in Karlsbad gerade genug. Wer hätte sich vor einem Jahre noch träumen lassen, daß sich in den Bädern hinter den böhmischen Bergen Mangel an Tephillin bemerkbar machen werde.' Bedürfnis und Nachfrage danach war hier nie besonders groß. Nun s'ehlt es aber in der Tat an Tephillin, Tesillaus, rubbinischen Büchern und allerlei Ritualien, für die Flüchtlinge, auch für die Soldaten, die in diesen heiligen Gegenständen noch die einzige Verbindung mit der jüdischen Heimat, mit dem alten Gotte erblicken. Für solche „Sentimentalitäten" geht natürlich den guten autochtonen Karlsbadern selbst jedes Verständnis ab. Im Kriege, meinen sie, stehe man „ienseits von koscher und trcfo" und brauche nicht einmal in einem Spiral, das vom Steuerobolus der jüdischen Kurgäste erhalten wird und nur von jüdischen Soldaten belegt ist, für rituelle Verköstigung zu sorgen. So mußten denn die Galizianer die Erledgmng ihrer religiösen Angelegenheiten, diefür sie vitale Lebensfragen find, wie Schechitah, Mikwah, Talmndthora ufw. selber in die Hand nehmen. Auch in anderen nichtjüdischen Lazaretten fand ich viele .Glaubensgenossen, unter denen ich Leute kennen lernte, welche wahre Wunder an Tapferkeit und Heldenmut an den Tag gelegt haben. Das größte Herzleid bereitet ihnen aber die Sorge um Eltern, Weib und Kind, die sie bei der Einberufung verlassen mußten und die letzt aus Gnade und Ungnade den russischen Bestien ausgeliefert sind. Für sie alle war es ein „heiliger Krieg", die Befreiung der bedrängten Heimat. Und in Freude und Begeisterung glänzt ihr Auge, wenn sie hören, daß das von ihnen begonnene Werk der Befreiung nun mit jedem Tage näher seiner Vollendung entgegcnrückt. Ein deutscher Kurgast kam auf die Idee, alle hier weilenden jüdischen Soldaten zu einer gemütlichen Jause einzmaden. Es kamen 70 Soldaten zusammen, und man mußte schon ihre Freude und Dankbarkeit für die ihnen gegebene Gelegenheit, frohe Stunden mit ihren Brüdern zu verleben, selbst ansehen. Diese Dankbarkeit kam übrigens auch in schönen Ansprachen aus den Kreisen der Soldaten zum beredten Ausdruck. Musikalische und deklamatorische Darbietungen, sowie Gesänge galizischer Flücktlingskinder, trugen zur Verschönerung des Nachmittags bei, der gegen Abend mit dem gemeinsamen .Minchoh- und Maarivgebet schloß. Von großer Bedeutung für die jüdische Allgemeinheit war eine auf Veranlassung des Herrn Sally Gngg e n h e i m aus Berlin stattgehabte Zusammenkunft führender Persönlichkeiten .aus dem Kreise der hier ___ 24. Juni 1316 der Verbannung befinden. Der Argwohn der Behörden gegen die Juden in Littauen geht so' weit, daß man in Kowno und anderen Städten durch die Polizei die irr den Häusern angebrachten Zedokohbüchsen einziehen ließ, mit der Behauptung, es würden darin Gelder für die deutsche Armee gesammelt. Man glaubt zu wissen, daß hier wiederum eine Verleumdung von polnischer Seite vorltegt. Auf dem Wilnaer Bahnhof kann man Emissäre des schwarzen Verbandes sehen, die ungestraft die ankommenden Verwundeten bearbeiten und ihnen klarmachen, daß dieJuden den Krieg gemacht hätten und somit schuld an ihren Leiden seien. Schlimm ergeht es den Jeschiwohs in Littauen. Die berühmten Lehrhäufer zu Woloschin, Tel sch und Lomzca sind geschlossen, auch die Jeschiwoh zu Lida, die vorübergehend den Be- Betrteb ausgenommen hatte, mußte ihre Lehrtätigkeit wieder einstellen. In den Städten wird aber jetzt mehr gelernt, als je zuvor. Die Lehr- und Bethäuser sind bis in die späte Nachtstunde überfüllt. Die Rabbiner von Wilna werden täglich telegraphisch von den umliegenden Städtchen um Hilfe gebeten und manchmal gelingt es ihnen auch, den Angewiesenen eine Fristverlängerung von einigen Tagen zu verschaffen. Die Moskauer Pogrome. Genf- 20. Juni Abschließende Berichte über die Unruhen in Moskau lassen keinen Zweifel darüber, daß man unter der Parole „Gegen die Deutschen!" den Pöbel bewußt auch auf die Juden hetzte, was dadurch erleichtert wurde, daß die russischen Juden zum großen Teile deutschkltngende Namen tragen. Wo ein solcher Name auf einem Schllde dem Mob enigegenblinkte, da wurde kein Unterschied zwischen Freund und Feind gemacht. Auch Bürger neutraler Länder mußten daran glauben. So wurde das große Haus der Schweizer Uhrenfirma Moser & Cie. ausgeplündert und bis auf den Grund zerstört. Die Unruhen tragen alle Zeichen der Oktoberpogrome von 1907 und waren unverkennbar von der gleichen schwarzen Hand vorbereitet und geleitet. Wie damals trat auch jetzt die Ruhe in dem Moment ein, als die Polizei dem Gesindel zu verstehen gab, es habe sich nun genug „unterhalten". Atatten. Jhre Hoffnung. Mailand, 20. Juni. Der Vorstand des Vereins „Jung - Israel" in Mailand nahm, nach „Secolo", in seiner letzten Sitzung auf Antrag des Sekretärs Giuseppe weilenden galizischen Flüchtlinge. Es galt einem Blick in die Zukunft, der Erwägung von Maßnahmen, die vielleicht ergriffen werden könnten, um in Böhmen und Mähren, wo ja doch zweifellos ein Teil unserer galizischen Brüder dauernde Wohnstätten finden dürfte, wahrhaft jüdisches Leben erblühen zu lassen. In mehreren gründlichen Beratungen unter dem Vorsitz des Krakauer Rosch Jeschiway, Rabbi Juda L e w i n, wurde sowohl über die wirtschaftlichen Grundlagen etwaiger zusammenhängender Ansiedlungen verhandelt als auch über die zu schaffenden jüdischreligiösen Institutionen. Die Hoffnung der beteiligten Kreise ist in sehr starkem Maße auf die Agudas Jisroel gerichtet, von deren Entwicklung es in Der Tat zum guten Teile abhängen wird, was sich von all den geäußerten mehr oder minder optimistischen Erwartungen verwirklicht. An der Diskussion beteiligten sich insbesondere die Herren P e r l m a n n--Podgorze, Zimmer-Szadgar, Schlang er-Milec, Herschthal-Krakau u.s.w. Eine Kommission wurde in den Saazer Bezirk entsandt, um die derzeit sehr prekäre Lage der dortigen Flüchtlinge zu untersuchen. (Der Prophet JechcSkcl und das Belag er ungsbrot.) Unter dem Titel „Die Bibel wird wieder zeitgemäß" erinnert der „Christliche Volkshote von Basel" an die Beschreibungen, die der Prophet JecheSkel von der Belagerung von Jerusalem gibt. (Jeh. 4, S.) „So nehme nun zu dir Wetzen, Gerste, Bohnen, Linsen, Hirsen und Spelt und tue es in ein Faß und mache dir Brot daraus, daß du 390 Tage daran zu essen habest. Deine Speise, die du täglich essen sollst, sei 20 Lot schwer." (Ungefähr 330 Gramm) Der Volksbote bemerkt hierzu, daß, von einigen Einzelheiten abgesehen, die von Jecheskel gegebene Vorschrift ungefähr dieselbe ist, die die deutschen Bäcker gegenwärtig ausführen müffen. -