Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 55 (1915)
- Issue
- Heft 27 (24.6.1915)
- Date
- 1915-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448506-2448533--67559-3519796- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der JSraelit. No. 37 Sette 3 24. Juni 1915 _ Komitee für Sammlungen zu Gunsten des Roten Halbmonds" gegründete Hilfskomitee „Roter Halbmond" hat im Kreise der deutschen Juden über 100.000 Mk. aufgebracht. Dieser Fonds wurde zum Ankauf von Sanitätsartlkeln nach den Wünschen der Zentrale des „Roten Halbmonds" verwendet. Das angekaufte Material wird demnächst in einem Sonderzuge nach Konstantinopel überführt werden. Das Hilfskomitee „Roter Halbmond" bittet diese Gelegenheit zu benutzen, dem uns verbündeten tapferen türkischen H^ie, in dessen Reihen auch viele deutsche Soldaten und Seeleute kämpfen, wettere Gaben und Spenden zukommen zu lassen. Alle Gaben sind portofrei zu richten an die Adresse des Vorsitzenden des jüdischen „Hilfskomitees Roter Halbmond": Kommerzienrat Gerson Simon, in Firma Jacob u. Richter, Berlin SW. 19, Kommandantenstr. 85/86, mit der Bezeichnung: „Für den Roten Halbmond." flus den okkupierten Gebieten- Lodz- 16. Juni. Im November vorigen Jahres hat die jüdische Gemeinde auf Anregung des Oberrabbiners Treiftmann eine Hilfstätigkeit eingeleitet, die darauf gerichtet war, den vielen verschämten Notleidenden Unterstützungen in der Form von Darlehen zu gewähren, die nach Friedensschluß zurückzuzahlen sind. Es wurde eine Kommission, bestehend aus 22 einflußreichen Männern eingesetzt, deren Ausgabe darin bestand, die erforderlichen Geldmittel aufzutreiben, was ihr nach Ueberwindung mancher Schwierigkeiten auch gelungen ist. Anfänglich hatten sich etwa 1800 Personen bereit erklärt, wöchentliche Beiträge in der Höhe von 20 Kop. bis 50 Rbl. zu entrichten. Im Laufe der Zeit nahm die Zahl dieser Personen jedoch ab und beträgt gegenwärtig nur noch 700, die wöchentlich etwa 800 Rbl. aufbringen. Da 937 bedürftige Familien in der Woche 2200 Rbl. erhalten, so ist das Defizit ein recht beträchtliches. Bis zum 12. Mai sind Darlehen in der Gesamthöhe von 45.696 Rbl. erteilt worden. Der Kommission stehen somit nur noch 3000 Rbl. zur Verfügung, sodaß die Erteilung von Unterstützungen nach 3—4 Wochen aufhören muß, was natürlich nicht erwünscht wäre. Hoffentlich bringt unsere jüdische Bevölkerung dieser Hilfstätkgkeit mehr Interesse entgegen als bisher! Am Sonntag fand eine Sitzung der jüdischen Gemeindeverwaltung statt, in der mitgeteilt wurde, daß der Magistratsbeamte Herr Mirecki die Akten der Zivilstandsbücher unterzeichnen wird. Sodann wurde beschlossen, daß die Findlinge, die auf Gemeindekosten unterhalten werden man untz gerne bringen möchte, und versuchen uns unsere geistigen und sittlichen Kräfte mit doppelter Anstrengung zu erhalten. Wenn jetzt so häufig das „Kriegsziel" erörtert wird und sich in diesen Auseinandersetzungen mannigfache Gegensätzlichkeiten zeigen, darin werden alle ausrichtigen Vaterlandsfreunde übereinstimmen, daß ein siegreiches Deutschland vor allem im Reiche der Moral und Sittlichkeit Errungenschaften ausweisen muß. Da muß es für alle Zeit gelten: Deutschland voran. Mag man es nicht für anmaßend halten, wenn wir da für uns Juden die Hoffnung aussprechen, daß die neue Zeit endlich mit den alten Vorurteilen gegen uns aufräumen wird. Wir ersehnen dies nicht um unseretwiüen allein. Das Sehnen nach dem Glanze und der Würde unseres Reiches, der Wunsch, daß es in allem Großen und Schönen von keinem andern Lande übertroffen werde, die Liebe und Treue zu unferm Vaterlands weckt jenes Hoffen in unserer Brust. Schließlich belehrt doch der Krieg alle, die sehen wollen, daß wir deutsche Juden uns als würdige Glieder des Ganzen bewähren und daß auch heute noch Bileams Wort aus uns zutrifft: „i;T,tsra ans trs-a „Ja, von den Felsengipfeln sehe ich es, von den Hügeln schaue ich es". In Reih und Glied mit den andern kämpfen die Söhne unserer Glaubensgemeinschast draußen und daheim für die Ehre Deutschlands. Ist das nicht Anwartschaft genug aus eine große Würdigung? Wir erhoffen diese uns zum Segen und znm Heile des gesamten deutschen Volkes. und das 12. Lebensjahr erreicht haben, von nun ab in landwirtschaftlichen Arbeiten zu unterrichten sind. Die Schuhabteilung wirb ersucht werden, die erforderliche Summe zur Anschaffung von Schulbänken für die jüdischen Elementarschulen zu bewilligen. Lodz» 21. Juni. In den heutigen jüdischen Kreisen herrscht große Unzufriedenheit mit dem Bürgerkomitee, in dem die Juden nicht entsprechend vertreten und die jüdischen Interessen nicht genügend gewahrt sind. Die Stadtanleihe, die zu 40 Prozent von Juden gezeichnet ist, wird von Kommissionen vorbereitet und geleitet, die so ziemlich judenrein sind. Auch sollen die Unterstützungen und Subventionen an jüdische Institutionen nicht ganz nach Maßgabe des Bevölkerungsprozentsatzes und der jüdischen Steuerletftung vor sich gehen. Es wird auch schließlich über Ungerechtigkeiten inderBrotvertetlungskommission zu Ungunsten der jüdischen Bevölkerung geklagt. Man hofft, daß den in den jüdischen Zeitungen sehr scharf zum Ausdruck kommenden Klagen und Anklagen die nötige Berücksichtigung zuteil wird. Alle Flüchtlinge, die sich hier und in Tomaschow aus der Gegend von Jnwolocz aufhalten, bekamen den Auftrag, wieder in die Heimat, in der unter der deutschen Verwaltung bereits ganz geordnete Verhältnisse herrschen, zurückzukehren. Die Rückkehrenden bekommen freie Fahrt und weitgehendste Unterstützung bei der Wiederaufnahme ihrer früheren Beschäftigung. Oesterreich. 3um Falle Lembergs Wie«, 23. Juni. Die in der Nacht zu Mitwoch bekanntgewordene Wiedereroberung Lembergs rief besonders bei den Hunderttausenden galizischen Flüchtlingen unsägliche Freude hervor, die sich in allerhand spontanen Kundgebungen Luft machte. Aus allen Gesichtern leuchtet die Hoffnung, bald wieder in die befreite Heimat zurückkehren zu können. In den Minjanim und Bethäusern der galizischen Emigranten finden Dankgottesdienste statt. Der Nasser an die Juden Prcemysls. Wien» 13. Juni. Wie hiesige Zeitungen berichten, hat der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Przemysl, Dr. Jakob Glanz, aus Anlaß der Wiedereroberung von Przemysl an den Kaiser folgende Huldigungsdepesche gerichtet: „Mit Bewunderung, Jubel, Stolz, von begeisterter Freude getragenen Herzen und sich stets steigender Zuversicht und Hoffnung blicken in dieser Zeit alle Völker der Monarchie auf unsere Treuverbündeien, welche unter weiser und genialer Führung heldenmütig, beispiellos zähe und tapfer kämpfend und Sieg auf Sieg davontragend, ganz Westgaltzien, einen Teil Ostgaliziens und auch die altehrwürdige und unsre heimatliche Stadt Przemysl rückeroberten. In diesem erhabenen und unser teures Vaterland beglückenden Augenblick wagt es die in Wien weilende Repräsentanz der Israelitischen Kultusgemeinde in Przemysl namens der gesamten dankerfüllten, stets kaiser- und reichstreuen jüdischen Bevölkerung der Stadt Przemysl, die tiefempfundenen Gefühle und die Versicherung der unverbrüchlichen Treue und unwandelbaren kindlichen Liebe zur geheiligten Person Euer Majestät allerunlertänigst mit dem innigsten^ Wunsche zu Füßen zu legen: Gott erhalte. Gott beschütze Euer kaiserliche und königliche Majestät, unfern heißgeliebten Obersten Kriegsherrn und Herrscher und führe auch fernerhin unsere unbesiegbaren, treuverbündeten Armeen zu einem endgültigen, herrlichen Siege und zu einem für unser heißgeliebtes Vaterland segensreichen Frieden. Der Präsident der Jsr. Kultusgemeinde Przemysl." Darauf traf folgende Antwortkepesche eit- : „Seine k. und k. Apostolische Majestät haben die patriotische Kundgebung der Repräsentanz der Israelitischen Kultusgemeinde in Przemysl mit aufrichtiger Befriedigung entgegenzunehmen geruht und danken huldvollst für die im Namen der gesamten jüdischen Bevölkerung Przemysls anläßlich des hocherfreulichen Ereignisses der Wiedereroberung ihrer Heimatstadt in treuer Ergebenheit dargebrachten Segenswünsche Auf Allerhöchsten Befehl: Freiherr v. Schießl." Neue Schandtaten der Nosaken. . Wie«, 19. Juni Aus dem Kriegspresseguartter wird gemeldet: 14 Tage nach Besetzung Sniaiyns führten die Ruffen sämtliche 4000 jüdische Einwohner Sntatyns ohne jeden Grund nach Norden. Selbst Greise, Frauen, Wöchnerinnen und Säuglinge wurden mitgeschleppt. Auf dem Wege sind sieben Personen den furchtbaren Mißhandlungen durch die Kosaken und den Strapazen erlegen. In Sn tat in haben die Ruffen 50 Häuser etngeäschert. In Bojan hausten die Russen in dem großen rumänischen Nationalhause vandalisch. Alle Ortschaften, durch die die Ruffen zogen, wurden in Brand gesteckt und geplündert und die Bevölkernng drangsaliert. In Horodenka wurden am 13. Mai 40 Juden aus dem Markt ausgestellt, von denen je der zehnte zum Hängen herausgeholt wurde. Zwei der Unglücklichen starben infolge der der Exkution vorausgegangenen Mißhandlung. 40 andere Juden, die Tags darauf dem Tode geweiht waren, wurden, während sie die Sterbegebete verrichteten von den Kleines Feuilleton. Karlsbader Brief. Karlsbad, 15. Juni. (Die Flüchtlinge. — Eine Oase jüdischen Lebens. - Verlorene Kinder und Tepbillin. - Gemütliche Jause. — Ein Blick in die Zukunft.) K arlsbad, alles a u s st e i g e n! Dem Zuge entsteigen nur wenige Reisende, die sozusagen zu den „Eingeborenen" gebären, denen das Karlsbader Wasser durch jayr"lange Gewohnheit ein Lcbcnselement geworden ist, dessen sie auch zu Kriegszeiten nicht entraten können. Wenn alljährlich die Kaitanträger in großer Zahl unter dem illustren Badepublitum auffallen, so kann man dieses Jahr umgekehrt sogen, daß sich die europäisch Gekleideten nicht gernoe in großer Zahl aussällig machen. Der Kaftan beherrscht die Straße und man sieht es den schwarzen Gestalten, die sich am Bahnhofs- und Karlsviertel in großen Massen bewegen, an. daß sie nicht zum Vergnügen hergekommen sind. Früh schon haben sie in diesem Jahre die „Karlsbader Kur" begonnen. Schon vor neun Monaten, als Km garten und Parkanlagen noch im tiefsten Winterschlaf lagen. Es war damals, als die Russen in ihre gnlizische Heimat einfielen, da blieb den treu zu Gott und ihrem Kaiser haltenden Leuten nichts anderes übrig, als zu flüchten. Und nun sind es neun geschlagene Monate, daß sie zwischen Furcht und Hoffnung begetieren und der Befreiung ihrer Heimat, die zwar arm, aber doch eine Heimat ist, cntgegenharren. Es sind alle Klassen und Schichten vertreten, vom reichen Fabrikanten, der noch etwas in bar zu sich stecken konnte, bis zum armen Trödler, der, seinen ganzen Warentram der Gnade der Herren Russen überlassend, sein und seiner Familie ^nacktes Leben rettete. Diese letzteren „leben auf Staatskosten." Wie sic das tun, ist ihr Geheimnis. Tenv für 70 Herler, abzüglich Miete, pro Tag und Kopf ist ein gesunder Magen auch in normalen Zeiten nicht satt zu bekommen. Run ist gar Krieg und Teuerung. Und jetzt beginnen die" Saisonpreise... Tie Wohnungsfrage wird von den Leuten einfach so gelöst, daß 8 bis 15 Personen freundnachbarlich in einem Zimmer hausen. Wie es da mit der B r o t v e r t e il u n g bestellt ist, bleibt ein ökonomisches Rätsel, das befriedigend zu lösen allerdings auch der Karlsbader Rabbiner Dr. Ziegler samt einigen Mitgliedern seiner Gemeinde sich ehrliche Mühe geben. Es ist aber erhebend, wie die Armen bei alledem ihren Mut, ihr Vertrauen und vor allem ihre Liebe 'zur Thora sich bewahrt und mitten in der geistigen Oede sich eine Oase blühenden jüdischen Lebens geschaffen haben. Neben .einer Reihe von Minjanim, an deren Spitze das Görer Srübl steht, in welchen tagsüber gelernt und gebetet wird, hat man in den drer Karlsbader jüdischen Restaurationen täglich Gelegenheit, in warmjüdischer Weise mit- Minjan zu beten. Auch einen Flüchtlingsklub gibt es, iu bem im Winter eine ebenso mollige Wärme Inie im Sommer eine angenehme Kühle die Mitglieder zu einem Stündlein .beschaulicher Ruhe einlädt. In einer Talmud Thora-Schule, die ausschließlich von den Flüchtlingen selbst erhallen wird, werden