Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 6 (1920)
- Issue
- 29 (8.10.1920)
- Date
- 1920-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korr> ondenz Nr. 29 Kompromisse. Die Thora muß herrschen in Israel: „Ich will über deine Lehre vor Königen reden und mich nicht schämen" (Ps. 119, 46) — so sprach der königliche Sänger und Weizmann-Ussischkin sind nicht einmal Könige. Wer in religiösen Dingen vor den zusammengezogenen Brauen eines zionistischen Führers zusammenknickt, ist nicht berufen, der Wortführer des religiösen Judentums zu sein. Die um die Fahne der „Agudas-Jisroel" sich scharende Orthodoxie kann unmöglich dem „Misrachi" beitreten, wenn sie sich selbst treu bleiben will. Hingegen müßte jeder „Misrachist", dessen religiöses Empfinden noch nicht durch den Zionismus ins Hintertreffen geriet, in der „Agudas-Jisrael" die einzige berufene Verfechterin der religiösen Interessen erkennen, die die gebotene Nackensteife besitzt, die unsere Vertreter auszeichnete und der die Erhaltung des jüdischen Volkes zu verdanken ist. Der „Agudas-Jisroel" ist die Palästinasache ebenso teuer und heilig wie den „Misrachisten" — einen „Jischub-Erez-Jisroel" aus religiöser Basis kann nur die „Agudas-Jisroel" schaffen. Prestige-Politik. (Zur Lage in Palästina.) Die Palästinasache macht jetzt eine schwere Krise durch. Selbst zionistische Publizisten wagen es nicht mehr, den wirklichen Stand der Dinge zu beschönigen. Die Enttäuschung über die Ergebnisse der Jahreskonserenz in London ist allgemein und die Weigerung der Amerikaner, der zionistischen Leistung die materiellen Mittel zur Verfügung zu stellen, bedeutet eine Katastrophe für den „Jischub" im heiligen Lande. Die Verhältnisse sind bereits unerträglich, Hungersnot und Verzweiflung treiben Idealisten zum Selbstmord. Die Einwanderung nach Palästina ist bereits sistiert worden und die Dinge nehmen einen Verlaus, dessen Entwicklung unabsehbar ist. (Siehe die Berichte aus Palästina in unserer heutigen.Nummer.) Krisen sind in jedem neuentstehendem Organismus keine Seltenheit. Wir sehen derartige Erscheinungen selbst in den neuentstandenen Staaten in Mitteleuropa, die sicherlich über Rabbi Moses Zofer ges. A.* Ein Lebensbild für die Jugend. Von Wolf R apaport (Przemysl). Man wird mich fragen, warum ich jetzt nach so vielen Jahren mit den Mitteilungen aus dem Leben des längstverstorbenen Führers auf einmal hervortrete. Darauf ist folgendes zu erwidern: Im Judentums ist eine schwere Krisis hereiugcbröchen, ein großer Zwiespalt zwischen dem Begriffe Nation und Religion, welches eigentlich gar kein Zwiespalt ist, denn das Judentum ist eine Synthese aus diesen beiden Komponenten. Anderseits sind es die assimilatorischen Strömungen, die unsere Jugend irreleiten wollen und sie in einen furchtbaren religiösen Nihilismus hineinzerren wollen. Wesen des Judentums, was bist du, was unterscheidet dich so sehr von Völkern, Raffen und Nationen dieses Erdballes? Es ist die bedeutende Idee, es ist das übermenschliche Prinzip, es ist der Gedanke vom eineinigen Gott als Spiritus reetor omnium, mit Ausschaltung jeder Naturqualität. Ein Gottesbegriff, deffen sich keine Religion der Erde rühmen kann, ein Gottesbegriff, welcher das kriuripium individuationis von absoluter Reinheit, ohne in die Natur hineinbezogen zu sein, darstellt. Wahrlich ein leuchtendes Prinzip, dessen Apotheose noch niemals geschrieben worden ist. Dieser Gottesbegriff hat eine eigene Lehre, die Thora genannt, welche in sich viele Disziplinen und Wissenschaften birgt, eine gewaltige erhabene, jahrtausendalte Literatur, von denen viele Werke für die Richtschnur des Lebens in Israel bestimmt sind, wie die Lehren von Recht und Unrecht, von der Weihe des Familienlebens, von der individuellen und sozialen Ethik, schließlich von den höchsten und letzten Prinzipien (Fragen) des Seins, die nur das Judentum zu lösen vermag. Leider ist unsere Jugend der Thora sehr entfremdet; ihre Jünger werden immer und immer auf eine kleine Zahl beschränkt. Wir müssen den Geist der Thora wieder beleben, müssen der Jugend den Weg zur alten Erziehung wieder zeigen und schon rührt es sich auch in den Gassen der Glaubenstreuen. Eine große, mächtige, aber ernste Weltorganisation ist endlich geschaffen worden, um das Judentum vor dem Ruin und dem Abfall zu bewahren und um d:e Thora wieder in ihre Heimstätte zurückzuführen. Und in solchen schweren Zeiten, wo man sich anschickt, die Fahnenflüchtigen wieder zurückzuführen, ist es angemessen, oer Jugend durch Erinnerung an die großen Glaubenswächter vergangener Zeiten * Vieles von dem biographischen Material habe ich den Mitteilungen Herzfelds sowie des Buches „Chut ha-meschulasch" zu verdanken. viel günstigere Bedingungen verfügen, als der „Jischub" in Palästina. Es wäre also gar kein Grund zur Verzweiflung, wenn man die Gewißheit hätte, es handelt sich lediglich um Kinderkrankheiten. Leider aber kann man sich des Verdachtes nicht erwehren, es liege hier ein organischer Fehler, eine sogenannte „englische Krankheit" vor. In diesem Falle könnte man die Sache nicht auf sich beruhen lassen, sondern müßte rechtzeitig Mittel und Wege finden, um der Gefahr vorzubeugen. Worin besteht das Wesen der Krise? In dem Mangel an finanziellen Mitteln — es wird so behauptet. Angenommen daß dem so ist, sind es zwei Gründe, die diesen Zustand herbeiführten. Als die Verhandlungen Dr. Herzls mit der jüdischen Großfinanz kein positives Ergebnis zeitigten, meinte der Begründer des nkodernen Zionismus, er werde sich an die breiten Volksmassen wenden und diese werden mit ihren Hellern, Kopeken und Pfennigen die vielen Millionen aufbringen, die die Finanzbarone verweigern. Das Ergebnis des Weltkrieges, das dem Zionismus die angebliche Erfüllung seiner Aspirationen brachte, hat gleichzeitig Mittel- und Osteuropa derart heruntergebracht, daß die Währungen dieser Staaten fast wehrlos geworden sind. Und wenn da Millionen gesammelt würden, man könnte damit kaum etwas ernstliches anfangen. So hpt auch die Medaille des Ententesieges ihre traurige Kehrseite. Bloß Amerika könnte helfen, man hält also wiederum bei den Finanzbaronen (jeder Dollarbesitzer ist heute für Osteuropa ein Millionär). Aber diese großen Herren stellen Bedingungen, und da die zionistische Leitung diesen Bedingungen sich nicht fügen will, so stehen wir vor dem Krach. Darin aber liegt der Konstruktionsfehler des Zionismus, die organische Krankheit, der gegenüber man zu außerordentlichen Mitteln greisen muß. Wogegen die Amerikaner aukämpfen, die zionistische Politik in den Golusländern und die Kulturpolitik, das war seit je und ist der Krebsschaden des Zionismus. Wäre nicht die sogenannte Landespolitik, die nur selten heilbringend war, so wären für die Palästinasache Kreise gewonnen, die sowohl materiell als geistig sicherlich mehr Nutzen gebracht hätten, als der Zulauf gewisser Elemente, die leuchtende Beispiele zu geben. Durch die Stand- und Ruhmessäulen unserer Religionsgeschichte, auf die wir Hinweisen wollen, werden wir den von der Religion Abgefallenen beweisen, daß nicht allein schale und leere Volksideale das Wesen des Judentums ausmachen, daß unsere Führer vielmehr Hüter des Gesetzes stets waren, die Schöpfer einer Kultur waren, der Kultur der Thora, welche in sich auch die Weltkultur schließt. Unsere alten Führer waren Mitarbeiter des jahrtausendalten Jdeenwerkes und nicht Schöpfer von Parteiphrasen und Parteischlagworten. Rabbi Moses Sofer ist nicht gestorben. Er ist nicht tot. Der Verfasser der Schaaloth und Tschuwoth „Chassam Sofer" lebt unter uns allen, wie die Sonne in ihrer höchsten Kraft, in ihrem Zenithe wird der Name Sofers bei uns leuchten, der mit seinen Werken sich unsterblich gemacht. Moses Sofer — von welch' erfurchtsvollen Gefühlen wird ein wahrer. Jude überwältigt, wenn er diesen hochwürdigen Namen aussprechen hört — war ein Marschall des Judentums, ein Fürst der Thora, eine hell leuchtende Lampe, ein Wunder der Zeit, ein Erhabener der Erhabenen (Gaon), der Wagen Israels und sein Gespan, ein Hoherpriester, umgürtet mit dem Gurte der Gerechtigkeit, umhüllt mit dem Mantel der Nächstenliebe und Bescheidenheit, die Urim und Turim trug er im Herzen, und in seinem verklärten Gesichte, im Spiegel seiner Seele, hatte er nicht nur Imponierendes und Gewinnendes, sondern es lag darauf auch eine gewisse furchtbare Majestät, die den Sünder erbeben machte, als hätte er Arons Stirnschild gesehen, bei dessen Anblick sich nach dem Sohar jeder Verbrecher sofort verfärbte. Allerdings glich unser Sofer eher dem Gesetzgeber Moses als Aron, er verstand es nämlich, den Ungerechten ohne Unterschied des Standes und der Vermögensverhältnisse schonungslos abzukanzeln und zurechtzunwisen und ihm, wenn es notwendig war, harte Worte ins Gesicht zu schleudern, („Höret doch, ihr Abtrünnigen!") Moses Sofer hatte nur eine kleine Wohnung und im Gegensätze zu den heutigen Gelehrten, die durch riesige Bibliotheken glänzen, eine bescheidene kleine Bücherei, die nur die unentbehrlichsten.Werke enthielt. Dagegen hatte er infolge seines unermüdlichen Fleißes, kraft seiner eisernen Zähigkeit und Ausdauer in seinem Hirnkasten eine ganze Hofbibliothek aufgestapelt, für die der Raum nie zu wenig wurde, da Geistiges eben keinen Platz bedingt. Rabbi Moses war kein Seelenarzt, er verschrieb keine Medikamente, auch war er nicht bloß ein Seelsorger, er kalkulierte nämlich: Du lieber Gott, der arme Mann wird sich die nötige Nahrung für seine