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Jüdische Korrespondenz · 1920-10-08 · 29 (8.10.1920) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
29 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Betätigung in der Tagespolitik suchten und das zionistische Wasser gar oft böse trübten. Anderseits hat die Kulturpolitik breite Volksmassen dem Zionismus abgewendet, deren Mitwirkung vielleicht selbst unter den heutigen Verhältnissen die Krise zumindest abgeschwächt hätte. Nach diesen beiden Richtungen hat sich die zionistische Politik vieles zu schulden kommen taffen und sie sollte im Interesse der eigenen Sache den Standpunkt der Amerikaner begrüßen, der ihr die Rückkehr vom Abwege in Ehren ermöglicht. Leider aber haben wir es hier mit einer Prestige-Politik zu tun. Vielleicht wider besserer Einsicht versteifen sich die Herren in London auf ihre bisherige Taktik, um nur das Prestige zu wahren. Und das ist wahrlich jammerschade. Prestige-Politik hat immer Unglück gebracht, auch der furchtbare Weltkrieg mit seinen Verheerungen ist ja einer Prestige-Politik zuliebe entstanden. Man kann des Verdachtes, daß es sich der zionistischen Leitung ums Prestige handelt, um so weniger los werden, als ja all das, was in den letzten Monaten in Palästina vor sich ging, nur einer Prestige-Politik zuzuschreiben ist. Schon während der Jahreskonferenz in London hat die Leitung gewußt, daß die Amerikaner kein Geld hergeben wollen und daß man bis auf weiteres in Palästina nichts unternehmen kann. Nichtsdestoweniger hat man tausende junge Leute beiderlei Geschlechts als „Chaluzim" und „Chaluzot" aus Osteuropa nach Palästina befördert, die dort dem Hunger und der Verzweiflung preisgegeben sind und entweder fortlaufen oder Selbstmord begehen oder schließlich in sozialen Experimenten ihr Heil suchen, was geradezu katastrophale Folgen haben kann. Aber dem Prestige zuliebe wurde diese gewissermaßen verbrecherische Taktik befolgt, um nur den Anschein zu erwecken, die Tore Palästinas seien für das jüdische Volk offen und die Wanderung dorthin gehe bereits vor sich. Wie es mit dieser Einwanderung bestellt ist, zeigt die Verordnung für die Einwanderung nach Palästina, die die englische Regierung jüngst erlassen hat und die in unserem heutigen Blatte zur Veröffentlichung gelangt. Seit Monaten hat man Seele wohl selber zu finden wissen; aber für den Körper sind wir Menschenfreunde zu sorgen berufen. Sv viel in seinen schwachen Kräften stand, tat der gute Mann, er verteilte oft seinen Gehalt, sogar die Wäsche und Kleider nahm er aus dem Kasten, um Unbemittelte zu beichenken. Viel konnte Rabbi Moses nicht geben, denn zu jener Zeit war das Einkommen der Rabbiner ein beschränktes. Seine Fähigkeiten waren enorni, so daß sie ihn manchesmal selbst wunderten. Wiederholt sagte er zu seinen Schülern: Gott hat mir eine dreifache Denkkrast gegeben. Während ich daraus bedacht bin, den zahlreichen Parteien Recht zu sprechen, denke ich gleichzeitig über den Schiur nach, den ich im nächsten Vortrag den Talmud-Jüngern vortragen werde, und arbeite an der Drascha, die ich Samstag in der Synagoge zu halten habe. Moses war mit Leib und Seele der Thora zugetan, und diese Liebe zur Gotteslehre erhob sich manchesmal bis zum Heroismus. Als einst seine alte Mutter von Sehnsucht ergriffen nach ihm verlangte und in einem Briefe aus Frankfurt an« deutete, daß sie ihn gerne noch einmal sehen möchte, da erschrak Moses ungemein und kämpfte einen schweren Kamps zwischen seiner Kindespflicht und seiner Pflicht als Rabbi und Lehrer. Er selbst hielt sich nicht für kompetent, in diesem Konflikte zu entscheiden, und er richtete eine eigene Anfrage an das Frankfurter Rabbiuat, welches nach feierlicher Erivägung das Gutachten abgab, Moses brauche die Reise nach Frankfurt nicht zu unternehmen. In der Tat blieb der Rabbi in Preßburg, sandte aber einen eigenen Vertrauensmann nach Frankfurt, welcher der greisen Mutter EntschuldiMngen, Grüße und Segenswünsche des Sohnes überbrachte. Seine Mutter fragte: „Was macht mein Jung'?" Noch über einen anderen ähnlichen Zug des Heroismus läßt sich berichten: In seinem Werke „Schaaloth Tschuwoth" finden wir die ergreifende Stelle: „Während ich hier schreibe, liegt meine arme Frau im Todeskampfe", und mit einem Seufzer geht er wieder an die wissenschaftliche Frage, die ihn beschäftigt. Sein schriftstellerischer Fleiß war einzig in seiner Art, und es ist charakteristisch, daß er semem ältesten Sohne und späteren Nachfolger einstens sagte: „So viel Papier wie Heuer Hab' ich noch nicht gebraucht; ich habe bereits ein ganzes Riß verschrieben, trotzdem ist mein Kopf rein, aber die Hände Moses sind schwer." Dabei ist zu bemerken, daß der Rabbi, der in seinem Kasten Schätze von geistreichen und scharfsinnigen talmudischen Arbeiten drucksähig liegen hatte, sich nicht entschließen konnte, auch nur eine Zeile davon der Oeffentlichkeit zu überliefern. Er kannte weder die Gier nach Ruhm noch diejenige nach Gold, er war zu bescheiden und die Lügennachricht verbreitet, heute — morgen werde die Einwanderung nach Palästina vollständig freigegeben. Es hieß sogar, ab 1. August ist dies bereits der Fall. Was sehen wir nun in der englischen Verordnung? Wie Verbrecher werden die Söhne des jüdischen Volkes behandelt, die ins jüdische Land wollen! Trotz Visum und Einreiseerlaubnis, spezielle Untersuchungen beim Länden, nachher Registrierung und Unsicherheit, da fünf Jahre gewissermaßen unter Polizeiaufsicht stehend. Freizügigkeit ist die Hauptbedingung für jede Entwicklung. Juden zu kasernieren — das ist noch nicht dagewesen! Fürwahr, ins zaristische Rußland konnte ein Jude leichter hineinkommen und sich sicherer fühlen als im Lande seiner Väter, das ihm nun die „Diplomatie" Sokolows und Weizmanns von der englischen Regierung „wiedererworben" haben. Die Irreführung mit der „freien" Einwanderung ist wahrlich der größte Vol ks betrug, den es überhaupt gibt, das heißt der Armen spotten, ihnen Tantalusqualen zufügen. Wofür, warum? Haben sie noch wenig zu leiden? Das sind die Folgen der verfluchten Prestige-Politik, der die Hauptschuld an der gegenwärtigen Krise in Palästina zuzuschreiben ist. Es kann nicht besser werden, insolange nicht mit der Taktik gebrochen wird, insolange nicht an die Spitze der zionistischen Leitung Männer gelangen werden, die keinen Parteiegoismus, sondern Volksintereffen vertreten. Die Lrrse in Palästina. Der Spezialkorrespondent der „Israelitischen Wochenblätter" für die Schweiz, der Zionist Dr. A. Mibashan, schreibt diesem Blatte: .. xS a n a, 27. August. Wiederum herrscht in Palästina trübe Stimmung und das Gefühl, daß wir einem ungewissen, unangenehmen Zeitabschnitt entgegengehen. Die Ergebnisse der Londoner Konferenz, über die die offiziellen Telegramme und Korrespondenzen, solange sie konnten, den Schleier der üblichen stilistischen und gedankzu einfach, um die Werke herauszugeben, die nach feinem Tode einen Schrei der Bewunderung Hervorriesen. Von allen Seiten strömten Talmud-Jünger aus den angesehensten Familien nach Preßburg, um aus dem heiligen Munde Sofers Thora zu schöpfen. Auch zeichnete sich die Preßburger Kultusgemeinde durch Wohltätigkeitssinn aus, sie unterstützte ausgiebig diejenigen Bachurim, die unbemittelt waren, verschaffte denselben Wohnungen unentgeltlich und verabreichte ihnen überdies Kleidungsstücke. Selbstverständlich hat Rabbi Moses nicht wenig dazu beigetragen, um das Los seiner Schüler, die ihn abgöttisch verehrten und an ihn wie die Flamnte au der Kohle hingen, zu verbessern. Seitdem die großen erhabenen Hochschulen zu Liberias, Nhardoe und Pumbeditha eingingen, seit den Zeiten von Rabbi Isaak Alfasi war keine solche ansehnliche weltberühmte Jeschiwa wie die zu Preßburg in Rabbi Moses Sofers Zeiten. Etwa 500 Talmud-Jünger waren gewöhnlich in Preßburg, die dem Talmud-Studium mit großem Fleiße oblagen. Viele derselben fungierten als Rabbiner in Oesterreich-Ungarn. Rabbi Moses erteilte seinen Schülern stehend den Unterricht. Bevor er ein Halacha Tosfoth begann, sendete er etwas Magidoth voraus und erzählte hie und da moralische Abhandlungen aus dem Buche der Herzenspflichten. Rabbi Moses förderte auch das Schulwesen im allgemeinen und widmete den Schulangelegenheiten große Aufmerksamkeit. Zu seiner Zeit wurde die Hauptschule eröffnet, und sendete er auch seine Kinder dorthin, da diese Schule unter seiner Aufsicht stand. Müßiggang konnte Rabbi Moses nicht dulden. Wenn er sich nicht in den Talmud vertiefte, lernte er Kabbala. War ein Schüler während des Unterrichtes unaufmerksam oder schläfrig, so sprach er: „Wozu schläfst du, du hast wahrlich Zeit zu schlafen, wenn du gestorben sein wirst." Auch bis Zion und Jerusalem erstreckte sich seine Tätigkeit, und er stiftete dort Friede zwischen den verschiedenen Parteien. Im Sommer war einst Rabbi Moses mit Rabbi Markus-Banet in Baden bei Wien, und nachdem sie abreisten, wurde erzählt, daß die zwei Geistesgrößen Schaß Banste und Jruschalme und die Schriften des heiligen Ari usw. durchgegangen sind. Was Rabbi Moses zu Zeiten Aron Choriners und in bezug aus die in Hamburg und Berlin ausgetauchten Resormbestrebungen gewirkt, ist weltbekannt. Nach jüdischer Zeitrechnueg 5572 überschwemmten die Franzosen Preßburg und Denunzianten gaben an. daß Chassam Soser ein Deutscher und ein Spion sei. Hieraus wurde Soser vor ein Kriegsgericht gestellt, welches indes seine Schuldlosigkeit bald heraussaM und die Denunzianten bestrafte. . (Fortsetzung folgt.).; ■

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