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Jüdische Korrespondenz · 1920-10-08 · 29 (8.10.1920) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
6 (1920)
Issue
29 (8.10.1920)
Date
1920-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K50, halbjährig I< 25, vierteljährig K 12 50. Ausland jährlich K 70. Einzelnummer 1 Krone. Organ tllr die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden F r e i t a g. Ni*. 29. Wien, 26. Tischri 5681, 8. Oktober 1920. VI. Jahrgang. „Agudas M-oel" und „Misrachi". Die Frage einer orthodoxen Einheitsfront ist in der letzten Zeit ziemlich aktuell geworden. Sowohl aus dem Kreise der „Agudas Jisroel", als auch aus dem Lager des „Misrachi" werden Stimmen laut, die einer Vereinigung das Wort reden. Der einzige Unterschied liegt darin, daß die Agudisten den Beitritt des „Misrachi" zur „Aguda" fordern, wogegen die Misrachisten den Anschluß der „Aguda" an den „Misrachi" verlangen. Die Misrachisten sind besonders eifrig an der Arbeit, um die „Aguda", zumindest aber einen Teil ihrer Anhänger ins eigene Lager hineinzuziehen, und vornehntlich in den letzten Wochen hat eine diesbezügliche Agitation überaus heftig eingesetzt, die, getreu dem zionistischer? Beispiele, mit Pamphleten, Verdrehungen und Unterstellungen arbeitet, ein Vorgehen, das selbst einem Wortführer der Misrachisten gelegentlich eiires jüngst gehaltenen Vortrages zu bunt wurde und er sich zu der Erklärung veranlaßt sah, er rverde in seinem Vortrage über die „Aguda" nicht schimpfen, da man denjenigen, mit dem man sich verschwägern will, nicht herabsetzeri darf. . . . Freilich, ohne Beschimpfung und Verdächtigung der „Aguda" konnte auch dieser Redner sein Referat nicht erstatten, int Gegensatz zu einem Wortführer der „Aguda", der kürzlich in Wien einen Bortrag hielt und des „Misrachi" nicht einmal Erwähnung tat. Freilich, es .liegt schon in der Natur jeder Demagogie, die Andersgesinnten schwarz zu zeichnen, um allein desto weißer zu erscheinen. .. . Wer etwas Positives zu sagen hat, braucht sich mit der fortgesetzten Anschwärzung der Gegner nicht zu befassen. Nebenbei bemerkt ist es ein schändliches Vorgehen, wenn man zu einem misrachistischen Vortrage eintadet und dabei so taktlos ist, der Einladung ein Pamphlet gegen den „Agudisten" Rosenheim beizufügen, vbschon sämtliche Unterfertiger des Aufrufes zusammengenommen nicht an die moralische und geistige Kapazität Rosenheims heranreichen und nicht rvürdig sind, einem Rosenheim die Schuhriemen zu lösen. ... Doch das ist speziell Wiener Pflanze,- Geist (?) vom „Geiste" der Wiener Misrachisten. Es wäre traurig um den „Misrachi" bestellt, wollte man über ihn nach den Wiener Berhältnissenurteilen. Wir wollen annehmen, daß es anderswo um den „Misrachi" besser bestellt ist. Deswegen erachten wir, es für geboten, der Sache einmal näherzutreten. Man muß sich vor allem die Entstehungsgeschichte des „Misrachi" und seine seinerzeit . festgelegten Ziele vor Augen halten, um beurteilen zu können, inwieweit der „Misrachi" seinen Aufgaben gerecht wird und ob es für einen orthodoxen Juden überhaupt die Möglichkeit gibt, zwecks Wahrung der religiösen Interessen dem „Misrachi" beizutreten. Was hat das Entstehen des „Misrachi" bewirkt? — Die Begründer und Führer des niodernen Zionismus waren vornehmlich sogenannte „Westjuden", die der Religion und den religiösen Dingen ziemlich kühl gegenüberstanden, wenn sie nicht gar direkt antireligiös lvarerr. Auch die Anhänger des modernen Zionismus im Osten rekrutierten sich vorzugsweise aus areligiösen Kreisen, zumindest hatten diese die Führung inne. Die religiösgesinnten Elemente im zionistischen Lager fühlten sich vom Anfang an nicht besonders heimlich und sannen nach Abwehr. Als dann noch innerhalb der zionistischen Organisation die sogenannte „Demokratische Fraktion" sich bildete, mit dem -offenkundigen Ziel, Kulturarbeit in ihrem Sinne zu treiben, dann wurde als Gegengewicht der „Misrachi" ins Leben gerufen, um der Zersetzungsarbeit der „Kultnristen" entgegenzuwirken. Die Aufgaben, die sich der „Misrachi" stellte, waren unstreitig sehr löblich und verdienten die weitgehendste Förderung - leider aber ist der „Misrachi" von Anbeginn sich selbst untreu geworden und hält an dieser Untreue bis zum heutigen Tage fest. Anstatt konform seinem Programm für die Wahrung der religiöseri Interessen innerhalb des Zionismus einzutreten, legte er und legt bis heute nach dieser Richtung eine konsequente Nachgiebigkeit an den Tag, die sein eigentliches Ziel geradezu zu einer Groteske gestaltet. In religiöser Beziehung geschehen im zionistischen Lager und speziell im heiligen Lande geradezu Ungeheuerlichkeiten, Dinge, die jedem religiösen Juden ins Gesicht schlagen. Der „Misrachi" aber schweigt, höchstens rafft er sich zu eurem Protest auf, um aber bald zusammenzuknicken, wenn Weizmann oder Ussischkin mit der Faust aus den Tisch s ch l a g e n u u b mit selb st h err l i ch er M i en e erkl üren: Wir werden dies oder das n i ch t z u l a s s e u! Hingegen hat sich der „Misrachi" darauf verlegt, in orthodoxen Greifen für den Zionismus zu werben, für denselberi Zionismus, gegen dessen Kulturarbeit er so oft die Faust irr der Tasche ballt oder sich in seinen hebräisch gehaltenen Blättern zu Kritiken ausrafft (siehe „Hamisrachi" irr Warschau rrnd „Haibri" in New Bork: in den deutschen „Misrachi" Organen wagt man gar nicht, dieser Unzufriedenheit Ausdruck zrr geberr, aus Angst, die westliches Kulturgeuossen tonnten die Misrachisten für verkappte Agudisten halten). Es mürbe zu weit führen, wollten mir all die Unterlassungen irr religiöser Beziehrrng aufrollen, die sich der „Misrachi" seit seiner Entstehung zu schulden kommen ließ. Wir lvolleu bloß an die Affäre mit dem Frauenwahlrecht zur jüdischen „Gründungsversammlung" in Palästina erinnern, wo die Misrachisten sich zunächst ben Standpunkt der Orthodoxie zu eigen machten, um bald darauf um zufallen, als die Herren in London ein böses Gesicht machten. "Noch krasser ist der Umfall des „Misrachi" hinsichtlich des Schrilweseus in Palästina. Man beachte die Beschlüsse der „Misrachi"-Konfereuz in Amsterdam in der Chinuchfrage und die armen Brocken, die der „Misrachi" diesbezüglich bei der zionistischen Jahreskonferenz erhalten hat, um den ganzen W id er f iuti (mit nicht zu sagen: Heuchelei) der triumphierenden Behauptungen zu begreifen, daß der „Misrachi" in London einen Erfolg errungen hat und daß man nun hinsichtlich des Chinuch in Palästina beruhigt fein kann. Gerade das Gegenteil ist wahr. Das Diktat Weizmann-Ussischkin hat die „Mesarchisten" in London derart eingeschüchtert, daß sie wie verprügelte Schulknaben froh waren, schließlich doch einige wenige Konzessionen zu erhalten. Und nun ist die Frage: kann mau einer Organisation mit so weuig Nackensteife die Wahrung der religiösen Interessen, des h ö ch st e n G u t e s des jüdischenBolkes, an vertrauen? Hat eine Organisation, deren Wesen die Nachgiebigkeit ist, das Recht, sich als die Wortführerin des religiösen Judentums aufzuspielen? Nein nnd nochmals nein! Wollten die Juden in religiöser Hinsicht Kompromisse eingehen, sie Hütten sich wahrlich viel Leid erspart! In religiösen Dingen gibt es keine

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