Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 40 (31.10.1919)
- Date
- 1919-10-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 40 Aus Palästina. (Der Skandal des Singverbotes.) Dem Kopenhagener Zionistischen Bureau wird aus Palästina gemeldet: Das Verbot des Singens der nationalen Hymnen in Jerusalem hat für das jüdische Gesellschaftsleben Folgen grotesker Natur mit sich gebracht. Da es keine bestimmten Beschlüsse darüber gibt, welche Lieder als nationale Hymnen angesehen werden und welche nicht, ist es fast unmöglich, überhaupt ein hebräisches Lied zu singen. Es geht soweit, daß viele Juden nicht einmal gewisse Gebete laut zu singen wagen, aus Angst, es könnte als eine Demonstration angesehen werden. Es macht auch einen merkwürdigen Eindruck, wenn aus Rücksicht auf das Verbot Festlichkeiten ohne Gesang abgehalten werden müssen. Den größten Schaden hat die Kmderwelt davon. Das Verbot des Singens erstreckt sich ja hauptsächlich auf öffentliche Plätze. Nun sind aber die jüdischen Kinder in Palästina gewöhnt, aus den Straßen und Spielplätzen hebräische Lieder zu singen, und man kann sich die Furcht vieler jüdischen Eltern denken, die stets in Angst leben, ihre Kinder könnten auf der Straße eine „nationale Hymne" singen. Uebrigens ist auch das Hissen der nationalen Flaggen verboten. Am 4. September veröffentlicht der Stellvertreter des Militärgouverneurs in Jerusalem, Mr. Poupham, folgende charakteristische Anzeige: „Die nationalen Hymnen werden vorläufig wie die nationalen Flaggen der Völker betrachtet, die man an öffentlichen Stellen nicht hissen darf!" (Kein Platz.) Ganz unerwartet erhielt Jaffa vor einigen Wochen den Besuch von 126 Marokkanischen Juden. Die Wanderer stammen aus Casablanca, sind junge, kräftige Leute und wollten gerne in Jerusalem Arbeit annehmen. Alle ihre Versuche, Arbeit zu bekommen, blieben aber erfolglos und sie mußten von der Unterstützung der Hilfskommission leben. Gegenwärtig werden ihnen vom Komitee Gelder zur Verfügung gestellt, damit sie nach Casablanca zurückkehren können. (Warnung vor überstürzter Auswanderung.) Dem Palästina-Amt in Wien ist im Wege des Zionistischen Bureaus in Kopenhagen von Palästina-Amt in Jaffa folgender vom 17. September datierter Brief zugekommen: „ .. Der erste Transport ist glücklich angekommen, aber bei der Landung gab es Schwierigkeiten, denn bei den Visen fehlten einige Förmlichkeiten. Nur den Vorzug, das die meisten Beanständeten tatsächlich aus Palästina stammten, ermöglichte ihnen die Landung; diejenigen aber, die nicht aus Palästina stammten und keine ausdrückliche Erlaubnis für die Landung hatten, durften vorerst nicht landen. Mit schwerer Mühe haben wir denselben schließlich zum Landen verholfen, doch nur provisorisch unter unserer Verantwortung und vorbehaltlich der endgültigen Endscheidung. Man möge künftig genau daraus achten, daß niemand ohne die vollständigen, gesetzlich vorgeschriebenen Dokumente hieher fahre. Die hier Gelandeten erzählen von den übertriebenen Nachrichten, welche im Ausland über das hiesige „Paradies" verbreitet sind und daß diese Nachrichten sogar zur Liquidierung von Geschäften und infolgedessen zum wirtschaftlichen Ruin der Betroffenen führen, die alle die Möglichkeit der Herreise so ersehnt haben. Sie führen alle Klage darüber, daß die Zeitungen solche märchenhafte Hoffnungen erwecken. Wir erachten es als unsere Pflicht, zu warnen und nochmals zu warnen vor diesen Uebertreibuugem, welche keine Grundlage haben. Die Lage hierzulande entspricht noch nicht einmal den Verhältnissen vor dem Kriege, denn weder die politischen noch die wirtschaftlichen Bedingungen sind vorerst ins klare gerückt und es gibt auch keine wie immer geartete Arbeit für die Neuankommenden. Weder gibt es Boden zu kaufen noch andere Geschäfte. Die Ankommenden sehen sich in ihren im Ausland erweckten Hoffnungen hier vollständig enttäuscht und es ist Pflicht, dem Publikum die Wahrheit mitzuteilen." Rundschau. (Rituelles Bad in Wien.) Infolge der behördlich angeordneten Beheiznngs- und Beleuchtungseinschränkungen ist das rituelle Bad der israelitischen Kultusgemeinde bis auf weiteres nur Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag geöffnet. Am Freitag kann das Bad schon von. 12 Uhr mittags ab benützt werden. (Das „Koscher" der „Arbeiter-Zeitung".) Die Wiener „Arbeiter-Zeitung" brachte kürzlich eine Notiz, in der die horrenden Preise einiger Wiener Restaurants gegeißelt werden. Der Schreiber oder die Redaktion war aber so geschmackvoll, die Notiz mit „Koscher" zu überschreiben. (Auf' dem Totenbette getauft.) In Krakau starb dieser Tage der bekannte Literaturkritiker und Publizist Wilhelm Feldmann. Wie die polnischen Blätter berichten, erhielt er einen Tag vor seinem Tode die Taufe. Feldmann, in der Jugend ein Klausbachur in Buczacz, eignete sich als Autodiktat ein solch immenses historisches und literarisches Wissen an, daß er der hervorragendste polnische Literaturkritiker war. Er wurde vielfach der polnische Brandes genannt. Er war aber auch als Romanschriftsteller, Dramatiker und Publizist tätig. Während des Krieges war er für , die polnische Sache publizistisch tätig und sollte nunmehr bei einer polnischen Gesandtschaft Verwendung finden. Was zu seiner Taufe auf dem Totenbett geführt hat, ist nicht bekannt. Vielleicht geschah es ohne sein Wissen ... (Andrassy über die Judenfrage.) Graf Julius Andraffy erklärte gegenüber einem Berichterstatter des „Az Ujsak", daß er sich an der gegenwärtigen Entwirrungsaktion nicht beteiligen könne und sich eher den Aufgaben der Zukunft widmen wolle, da für. die Aufgaben der Gegenwart übergenug Unternehmer sich finden. Ueber die Judenfrage erklärte Andraffy, diese müsse zweifellos gelöst werden, aber nicht mit Blut und Eisen, sondern mit Geduld, Klugheit und konsequenter Arbeit. Die eingewurzelte alte magyarische Judenschaft müßte den Reinigungsprozeß beginnen und diese Aktion leiten, denn es gebe hier einen neu angesiedelten Teil der Judenschaft, die neuen Ungarn, die in ihrer Presse selbst ihm hinsichtlich des Chauvinismus eine Lektion erteilen, wollten. Dieses Element war es, welches glaubte, daß die Zeit des Sieges der Internationale gekommen sei, und hat sich dieser sofort angeschlossen. (Man sieht, auch der alte Andraffy stößt wacker ins bewährte Horn. Er rät der eingewurzelten magyarischen Judenschaft, den „Reinigungsprozeß" selbst zu leiten. Obwohl die ungarischen Juden schon klug genug sind heute zu verstehen, worum es bei der Judenfrage in Wirklichkeit geht oder ob sie wieder darauf hereinfallen werden?) (Professor Jakob Guttmann gestorben.) Im Alter von 74 Jahren ist in Breslau der erste Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde, Professor Dr. Jakob Guttmann, Vorsitzender des Rabbinerverbandes Deutschlands und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, nach kurzer Krankheit gestorben. Dr. Guttmann, der aus Beuchen in Oberschlesien stammte und seit vielen Jahren in der Breslauer Genieinde wirkte, zählte zu den bedeutendsten und fruchtbarsten jüdischen Gelehrten der Gegenwart. Eine Reihe wertvoller Werke über jüdische Geschichte und Religionsphilosophie sind aus seiner Feder hervorgegangen; darunter Monographien über die Religionsphilosophie des Saadia und des Salomon ibn Gabirol, über das Verhältnis des Thomas von Aquino zum Judentum und zur jüdischen Literatur, über die Scholastik des 13. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judentum, über den Einfluß des Maimonides auf die Philosophie des christlichen Abendlandes usw. Zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm eine umfangreiche Festschrift gewidmet. (Dr. Adolf Kurrein gestorben.) In Teplitz ist der Rabbiner Professor Dr. Adolf Kur rein im 74. Lebensjahre gestorben. Der Verewigte, der in Teplitz dreißig Jahre als Seelsorger und Religionslehrer tätig war, betätigte sich auch schriftstellerisch. (Aus der Bukowina.) Während in den ersten Zeiten der rumänischen Okkupatton verschiedentlich Ausschreitungen gegen die Juden stattgefunden haben, hat sich die Situation gegenwärtig im allgemeinen gebessert, doch ist die jüdische Landbevölkerung noch immer vielfach der Willkür des Militärs (Fortsetzung auf Seite 7.)