Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-10-31 · 40 (31.10.1919) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
40 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495454--1100-3496994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Korrespondenz Seite 3 -Nr. 40 Man könnte das Auftreten Strickers noch begreifen, wenn die Formulare für die Volkszählung die Rubrik „Nationalität" enthalten sollten und die offizielle Zuzählung der Juden zu der deutschen Nation unseren Nationalisten als eine Fälschung der Tatsachen zuwider wäre. Das ist aber nicht der Fall. Die Volkszählung kennt bloß die „Umgangssprache", welche für die erdrückende Majorität der Juden Oesterreichs die deutsche ist, mögen sie sich nach so nationalistisch gebärden. Das Hereinzerren des nationalen Moments war somit gar nicht notwendig und dieser Umstand rückt die Ungeheuerlichkeit der Weggemeinschaft Stricker-Kunschak erst recht kraß ins Licht. Freilich, die eigentlichen Absichten des Stricker und Genossen sind klar. Das religiöse Judentum ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie wissen es, insolange das Judentum einen religiösen Charakter an der Stirne trägt, werden sie und ihresgleichen die Herrschaft über das Volk nicht erlangen und nicht behaupten können. Ein äußerer Zwang soll daher zu Hilfe genommen werden, um das Judentum seiner religiösen Marke zu entkleiden und ihm ein nationales Mäntelchen umzuhängen, dessen Propheten eben die a- oder gar antireligiösen Nationalisten sind. Dann werden die glaubenstreuen Massen in den Hintergrund gedrängt und die Nationalisten die Herrschaft erlangen. Aber, sie irren. »Kolhajamim ascher Ben-Jischai chai lau tikaun atha umamlachtecha.“ Insolange der^religiöse Geist innerhalb des Judentums lebendig bleiben wird, werden fragewürdige Elemente über Israel nicht herrschen. Stricker selbst wußte einige Tage später in der Polemik gegen den Antisemiten Strafiner von der Unverwüstlichkeit des jüdischen Volkes zu erzählen, dem weder Pharao, noch Nebuchadnezar, noch Titus, noch Torquemada etwas anhaben konnten, das die Babylonier und Römer überlebte, er gab hiebei die Richtigkeit der jüdischen Tradition zu, indem er von einer 6000 jährigen Existenz des Judenvolkes sprach — aber er vergaß hiebei zu erwähnen, welches die Kräfte waren, die das Judentum trotz Not und Leid, Drangsal und Diaspora aufrecht erhielten. Es war dies keineswegs der Nationalismus, die politische Staatlichkeit, die das jüdische Volk ja seit zwei Jahrtausenden entbehrt, sondern die heilige Emunah, die Stricker heute so leichtsinnig negieren möchte. Nicht einmal die Weggemeinschast mit Kunschak wird da etwas ausrichten. Das Judentum wird religiös sein, eine Nation von Gottesgnaden, Gau Kodausch, und nicht von Stricker-Kunschaks Gnaden. „Antisemitenbuminel" in Wien. Die Wiener Antisemiten, denen das Verbot von Straßendemonstrationen das Hetzhandwerk einigermaßen gelegt hat, greifen nun zu einer anderen Methode. Sie veranstalten ausgerechnet am „Kai", der sogenannten „jüdischen" Verkehrsader, einen „Bummel", einen „friedlichen Spaziergang", um die Juden zu belästigen. Nach einer Sonntag vormittags im Rathause abgehaltenen Versammlung zogen lose Gruppen meist jugendlicher Teilnehmer durch,die verschiedenen Straßen auf den Franz Josefskai, um hier zwischen Stefanie- und Augartenbrücke zu demonstrieren. Die Demonstranten gingen auf der Asphaltpromenade längs des Donaukanals aus und ab und zwangen Juden, die in Kaftanen ihnen entgegenkamen, aus die Stadtseite des Kais auszuweichen. Auch sonst wurden Juden im Kaftan behelligt. Die Kundgebung begann um etwa halb 1l Uhr. Ein großes Aufgebot von Sicherheitswache und Stadtschutz, wache bemühte sich energisch, alle Ausschreitungen zu verhindern. Als die Demonstranten Miene machten, über die Brücken in die Leopoldstadt zu ziehen, sperrten Wacheriegel die Brücken ab. Auf dem Kai war auch Sicherheitswache zu Pferde postiert und unterstützte die Wache zu Fuße, wenn die Ansammlungen größer wurden. Das Cafe Residenz ließ der Eigentümer am Vormittag freiwillig sperren. An manchen Stellen sah es bedrohlich aus, doch ist es nirgends zu ärgeren Szenen gekommen. Der Bummel auf dem Kai dauerte bis etwa halb 1 Uhr. Dann zerstreuten sich die letzten Gruppen. Während der Vorkommnisse wurden einige Personen, die sich den Anordnungen der Wache widersetzten, arretiert. Zu Beginn der Kundgebungen kam der Leichenzug des Rabbiners Engel mit dem Gefolge mehrerer Trauerwagen über die Stefaniebrücke. Ein großes Trauerpublikum folgte. Ein Deutschnationaler versuchte, einen Juden zn belästigen, erhielt aber eine Ohrfeige und wurde seitens der Polizeiwache an jeder weiteren Provokation behindert. Die ganze Sache verlief wohl ohne Zusammenstöße — eine derartige Demonstration ist nichtsdestoweniger eine höchst peinliche Sache. Hoffentlich wird die Behörde alles veranlassen, um die Ruhe zu wahren. „Spassitje Rassiju, bej jewrejew!“ (Rettet Rußland, erschlaget die Juden.) Der „Wiener Mittagspost" wird aus Winnitza geschrieben: Ein Schrei des Entsetzens kommt aus der Ukraiua. Ten furchtbaren Pogromen, die die Banden DenikinS in Kiew verübten, folgen neue Heimsuchungen der jüdischen Bevölkerung Südrußlands. Augenzeugen, die von dort geflüchtet sind, geben ein düsteres Bild über die ludenfeindlichen Handlungen dieser „Retter Rußlands". Ueberaü in den kleinen Städten wie m den großen, in die die Banden Denikins eindrangen, fanden wilde Pogrome statt. In Charkow, Jekaterinoslaw, Krementschuk dauerten die Massakers mehrere Tage. Eine ganze Reihe kleinerer Orte: Grichino. Awdewsk, Enakiewo, Nozowoja, Walti usw. waren ebenfalls Schauplätze furchtbarer Ereignisse. In Jekaterinoslaw besonders wurden die indischen Häuser in den vier Straßen der Stadt geplündert, zahlreiche Männer massakriert und Tausende von jüdischen grauen vergewaltigt. In Charkow, dauerten die wilden Vorgänge eine ganze Woche, ohne daß von irgend einer Seite eingeschritten worden wäre. Ganz besonders aber arteten in Krementschuk die Exzesse in Grausamkeiten unbeschreiblicher Art aus. Hier floß Blut in Strömen. Hier wurden alle Häuser ohne Ausnahme geplündert. 653 Juden wurden der Reihe nach hingemetzelt und die Frauen zu Hunderten vergewaltigt, die zwölfjährigen Mädchen und fünfzigjährigen Frauen. Die kleinen Mädchen wurden nach der Vergewaltigung in die Aborte gestoßen. In Fastof in der Nähe Kiews, wo ein Teil der Juden in die Synagoge flüchtete, wurde diese von den Soldaten mit Naphtha begoffen und angezündet. Äuf die aus der Synagoge flüchtenden Juden wurde aus Gewehren geschossen. Bei diesen Pogromen sind über 2000 Juden ums Leben gekommen. Die zaristische Soldateska tobte sich auch auf den Eisendahnzügen an reisenden Juden aus. Eine wahre Jagd wurde organisiert. Die Opfer wurden zumeist auf der Stelle totgeschlagen. „Spagsitje Rassiju, bej jewrejew“. lautet der Schlachtruf der Tenikinbanden. Eine judenfeindliche, offiziell begünstigte Propaganda wird durch die Banden Denikins in Szene gesetzt. Zeitungen, Plakate, Flugblätter fordern offen zu Pogromen äuf. Bei den durch Kämpfe und Metzeleien erregten Soldaten findet diese Propaganda fruchtbaren Boden. Man ist geneigt, die Richtigkeit dieser Nachricht in Zweifel zu ziehen, aber in der Denikinschen Presse findet man eine Bestätigung dieser Anschuldigung. Und nicht nur die Denikin feindlichen Zeitungen bringen diese Nachrichten, selbst das Organ „Nowaja Put", das Leiborgan von Denikm, hielt sich verpflichtet, gegen die Vorgänge zu protestieren. „Es ist traurig," heißt es an einer Stelle in der Nununer vom 5. Oktober, „daß der Antisemitismus selbst bei den russischen Truppen Eingang gefunden hat, die sich die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, den inneren Frieden und den Triumph der Gerechtigkeit zur Ausgabe machen. Die Judenexzesse in Fastof, Charkow tlnd Jekaterinoslaw sind ein Schandfleck für die südrussischen Streitkräste Denikins, die die Wiederherstellung des Staates anstreben . . ." „Nowaja Put" hatte ganz richtig beobachtet, daß die Bewegung von den leitenden Kreisen oer Denikinbanden ausgeht, denn diese Kreise sind wirklich aus jenen Elementen zusammengesetzt, die sich während des zaristischen Regimes durch gewalttätigen Antisemitismus bemerkbar machten. Die Osfiziere, die sich um Denikin scharen, besonders jene, die eine hervorragende Stelle in der Armee einnehmon und eine wirkliche Diktatur ausüben, stellen die Auslese der militärischen Diktatur der Zarenzeit dar. Verschlimmernd auf die Lage der Juden wirkt, daß mit dem Vorrücken der Denikinbanden alle reaktionären Eleiuente aus ihren Verstecken Hervorkommen und in die Reihen der Denikinbanden eilen, wo sie mit offenen. Armen empfangen werden. Die ganze Demokratie Rußlands ist in Gefahr, am meisten aber die so schwer heimgesüchte jüdische Bevölkerung. Europa muß sich über diese schreckliche Lage klar werden. Wie denkt darüber die Entente, wie der Oberste Rat? Rumänien und den neugegründeten Staaten wird der Minoritätenschutz aufgezwungen und den Denikinbanden wird im Menschenmorden freie Hand gelaffen. Man darf nicht vergessen, daß die Diktatur Denikms und seiner Offiziere beinahe mit Gewalt von der Entente der Bevölkerung des Kosaksnstaates aufgezwungen wurde und die Entente ist es, die sie mit Kriegsmaterial versieht, daher ist es die Pflicht der Ententeregierungen, rasch und energisch einzugreifen. - - M. P.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.