Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Journal
- Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft
- Volume
- XV. (1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- – (sequence 194)
- Language
- German
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101 achtung gegen die Juden weichen und eine weitgehendere Duldung gegen sie sich Bahn brechen. Allerdings scheinen die alten Wahn- Vorstellungen von den Juden, als mord- und blutgierigen Christenfeinden von Religions wegen, im Bürger- und Bauernstände damals noch vielfach bestanden zu haben. Beweis dafür ist ein Geschehnis vom Jahre 1780, von dem der Geschichtsschreiber Gampolzheinier in seiner ״Regensburger Chronik‘4 das Folgende berichtet: ״Eine liederliche Dirne, nämlich von Salzburg, bat von dort einen Knaben von 9 Jahren an sich und hierher gelockt, um ihn an die Juden zu verkaufen, weil sie gehört hätte, dass dieselben zur Zeit Christenblut brauchten. Sie kam mit dem Antrag zu dem wackeren Juden Lemle und führte ihm das Kind zu. Dieser aber brachte sie zu seiner Obrigkeit, von welcher sie zur Bestrafung an den Magistrat abgegeben wurde. Sie wurde am 8. Juni mit einem ganzen Stadtschilling bestraft, dann eine Stunde in das Narrenhaus gestellt und nach abgeschworener Urfehde zur Stadt hinausgeführt‘41). Solche Vorkommnisse, die, wie geschildert, von den Behörden richtig eingeschätzt und im Keime erstickt wurden, hatten nicht mehr die alte Gewalt über die Gemüter und hinderten durchaus nicht den immer mehr sich ausbreitenden Verkehr zwischen den einheimischen Christen und den fremden jüdischen Handelsleuten. Freilich, die gesetzlichen Verfügungen der Regierung gegen diese Beziehungen blieben nicht aus. Aber gerade aus der Tatsache ihrer Notwendigkeit geht das Vorhandensein der Juden im Lande und ihr gutes Verhältnis zur Bevölkerung hervor. Der weitbekannte tolerante Sinn des Landesherm hatte die Juden — was bisher gar nicht oder nur. äusserst selten geschah — erkühnt, das altverschlossene Gebiet Salzburgs wiederum aufzusuchen, und eben derselbe Sinn und Geist hatte ihnen bei Bürgern und Bauern die Wege geebnet. Manche Namen dieser jüdischen ״Pioniere‘4 mit dem Hausierbündel, und die Länder oder Städte, woher sie kamen, sind uns überliefert* 2). Zumeist wurden sie stillschweigend geduldet und, nur wenn sich von den einheimischen zünftigen Krämern und 9 Vgl. Meyer: ״Zur Gesch. d. J. in Regensburg“ 46. 2) Siehe anderw eitig. i