Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 12 (1892)
- Issue
- Heft 8 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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SÄte 6. Drsterrrichisch-ungarisrjfe Crmtoren-Zritung. Nr. 8. ^Lenheit «rtgegentreten. Zugleich sollen die Lehrer mit dem 7׳ eigene»- Beispiele christlicher Duldsamkeit gegen Anders- Lenkende der ihnen anvertrauten Schuljugend vorangehen. Es toar^ angesichts mancher Vorgänge in anderen preußischen Stadt«! sehr zu wünschen, dass diese Verfügung auf die ganze Monarchie ausgedehnt werde. Wünschenswerrh wäre es wohl auch, wenn an den höheren Lehranstalten ähnliche Vorschriften in Kraft treten würden.׳-— Welche sittliche Begriffsve Wirrung .der Antisemitismus gerade in den Köpfen der Jugend hervorruft, zeigt folgender van der ״Voss. Zrg." veröffentlichter Fall, der-sich gelegentlich der jüngsten Straßenkrawalle hier ereignete. Ein kleiner Knabe erzählte am Sonnabend seinen Mitschülern und dem darauf aufmerksam werdenden Lehrer: ״Vater hat gestern Abend so'n jrüßes Stück Zeug miljebracht, det er 'n Anzug kriegt und ick ooch!" Der Lehrer entgegnete halb ungläubig : ״Aber Junge, das wäre ja gestohlen!" ״I bewahre," meint der, ״Vater hat jesagt, det is'n Jude jewesen, dem sie's' weggenommen haben." Das Stück Tuch ist von der Polizei bereits mit Beschlag belegt. Wreskau. Wiedermn ist ein eifriger Forscher auf dem .Felde der jüdisch-theologischen Wissenschaft und der semitischen Sprachen aus dem Leben geschieden. Am 27. v. Mts. verstarb nach längerem Leiden der als Lexikograph rühmlichst bekannte Professor Dr. Jacob Levy. Geboren im Jahre 1819 zu Dobrzyn in Posen^ wurde er schon frühzeitig von seinem gelehrten Vater, .nachmaligem Rabbiner in Schildberg, unterrichtet. Kaum dem Knabenalter entwachsen, bezog Levy die talmudische Hochschule zu Posen, welche von dem weithin berühmten Oberrabbiner . ״Rabbi Akiba Eger" geleitet wurde. — Levy's Fleiß und durchdringender Scharfsinn erregten bald die Aufmerksamkeit ־ seines Lehrers, der ihn nach sechsjähriger Studienzeit mit einem ehrenden. Prädikat entließ, doch begnügte sich Levy nicht mit der Kenntnis der rabbinischen Wissenschaften; trotz der größten Hinderniße, die ihm in .den Weg traten, eignete er sich bald .. auch! die Elemente der profanen Wiffenschast an. Von Posen begab er sich nach Breslau, wo er nach zweijähriger Vorbereitung am Matthias-Gymnasium zugleich mit Ferdinand Lassalle das Zeugnis der Reife erhielt. Unter Movers, Bernstein, Schmölders u. A. studirte er hierauf Arabisch, Syrisch, Chaldäisch und . promoviile nach ahsolvirtem Triennium in Halle. Als Rabbiner - - nach Rosenberg OS. berufen, gab er 1848 diese Stellung wieder auf . und׳ ließ sich wiederum in Breslau nieder, um hier seine geplanten wissenschaftlichen Arbeiten in Angriff zu nehmen. Von ..'diesen: :erschien zuerst 1867—1868 sein ״Chaldäisches Wörterbuch über die Targumim und das rabbinische Schriftthum". Bei dieser Arbeit wurde er von Seiten der höchsten Behörden durch Ver- : :Mittelung werthvoller auswärtiger. Manuskripte wesentlich unter- : stützt. Im Jahre 1874 begann er die Veröffentlichung seines ' von den Notabilitäten der orientalischen Wissenschaften als ״Riesen- -und׳ Wunderwerk" bezeichneten ״Neuhebräischen und chaldäischen - - Wörterbuches", welches' seinen Ruf im In- und Auslande ver- - . breitete. Zu beiden Wörterbüchern lieferte der berühmte Arabist Geh. Hosrath Professor Dr. Fleischer in Leipzig werthvolle Beiträge. Auch von -Seiten der Staatsbehörde wurde Levy durch Verleihung deSProfessortitels l875Annerkennung gezollt. Ebenso erhielt, er vom Kultusminister in Berücksichtigung seiner hervor- ' sagenden Leistungen die größte zu vergebende Prämie für wissen- . -schafiliche Arbeiten: So lebte Levy in unausgesetzter Arbeit, bis vor zwei Jahren ein Augenleiden ihn zur Einstellung seiner Arbeiten nothigte. Trotzdem hörte er nicht auf, dem Studium der Wissenschaften׳ mit Hilft eines Vorlesers obznliegen, und hätte ihn der Tod nicht-leider so früh ereilt, so würde er noch ' manche schöne Frucht seines Geistes zu Tage gefördert haben. - Levy war ein überaus ehrenwerther, charaktervoller Mann. Wohl- 'wollend und liebreich gegen Freunde und Bekannte, erfreute er -sich der ungetheilten Achtung und Liebe aller derer, welche mit ihm in Berührung kamen. Jedem, der von ihm Belehrung ein- : holte, hat er solche in entgegenkommendster Weise ertheilt, und - sein idealer Sinn für Wissenschaften ließ ihn mancherlei Ent- Lehrung und Opfer, welche-ihm das Leben auserlegte, geduldig ' und ergebungsvoll ertragen. Sein Name wird noch lange Zeit - mit Ehrerbietung vop Allen, denen er durch seine großartigen Werke den Weg zu den orientalischen Wissenschaften eröffnete, genannt und gerühmt werden. . N. Leipzig. Die alten Griechen glaubten, dass der Donnerer Zeus die Handlungen der Menschen auf das präparierte Fell der Ziege Amalthea, die ihn gesäugt hatte, einzeichne. Die modernen Donnerer des Antisemitismus führen gleiche Verzeichniße, die Milch und Fell ihrer Amalthea's verrathen. Die Milch der allein seligmachenden Denkart trank der Führer des Een׳ trums im bayerischen Parlament. Der Mulh, die jüdischen Lehrer aus der Schute zu jagen, ist von dem Mnthe des Scheiterhaufens principiell nicht .verschieden. Nur Eines wollen wir ihm aufktäreu. Die ״Majestät des jüdischen Volkes" liegt in seinem Martyrium vom Ural bis Argentinien u. von Titus bis Alexander III., getragen von dem Bewusstsein, dass die Waffen des Hasses schließlich denen der Liebe unterliegen müssen. In diesem Kampfe sehen wir Gegner und Waffen, liegt also eine gewisse Aufrichtigkeit. Ganz andere Nährstoffe liefert die Milch der Muckerduckerischen Amalthea Stöcker. Sie verdreht die Augen, breitet die Arme aus, haucht der Himmelsliebe Kuss auf die Wange des irregeleiteten Volkes Israel — und zerfleischt sie mit den Zähnen. — Der sächsische Minister Herr v. Metzsch, die des Antisemitismus verdächtigte amtliche ״Leipziger Zeitung" in Schutz nehmend, anerkennt zwar das Staatsbürgenthum der Semiten mit allen Consequenzen, spricht aber die Berechtigung aus ״ein Judenthum im gewissen Sinne" auch ״das Judenthum. im Christenthnm" zu bekämpfen. Wenn Herr v. Metzsch unter letzterem bas Gefahren der antisemitischen Führer versteht, wie es täglich der Gerichtssaal ansrollt, so .nehmen wir den Kuss an. So lange er dieses nicht erklärt, fürchten wir gebissen zu werden. Die jungzechische Amalthea Dr. Vafaty's, der nach seiner Erklärnng in der Volksversammlung in Weinberge kein Antisemit und wegen der jüdisch-deutsch — liberalen Presse doch einer ist — die liefert Milch, die Milch ist und doch keine, ist. " J—k. WchsK'wiH. Eine Hochzeit mit Hindernissen fand kürzlich in Bezenskowitz statt. Ein dortiger Einwohner verheiratete seine Tochter, an einen Handwerker nach Oestereich und soll dem Bräutigam eine Mitgift von 1200 Mk. zngesichert haben. Nachdem die standesamtliche Eheschließung 'bereits vorüber war und die rituelle Trauung durch den Rabbiner Dr. Jaffe erfolgen sollte, verlangte der Bräutigam, bevor er unter den Trauhimmel trat, die versprochene Mitgift, doch da hatte er die Rechnung ohne den Hochzeitsvater gemacht. Letzterer war nur in der Lage, augenblicklich 300 Mk. zu zahlen und für den Rest einen Schuldschein auszustellen. Hierauf wollte der Bräutigam nicht einge- Heu, und alles Zureden, auch der Hinweis, dass er schon durch den standesamtlichen Akt gebunden sei, halfen nichts. Da trat plötzlich ein Kaufmann aus Antonienhütte mit einem-Gerichts- Vollzieher ins Zimmer, rief den Bräutigam bei Seite, der Beamte stellte demselben einen Vollstreckngsbefehl zu und forderte ihn auf. eine Zahlung von 130 Mk. zu leisten. Hierzu war rer verblüffte Bräutigam außer Stande, 'und sein zukünftiger Schwiegervater verpstichtete sich, die Schuld zu übernehmen, wenn die Trauung vor sich gehen würde. Der Gläubiger erklärte nun dem Bräutigam, dass er ihm den Hochzeitstaat sofort ausziehen würde, wofür die Schuld entstanden sei, wenn er nicht sofort die Braut unter den Trauhimmel führen würde. Dies half. Der Bräutigam begnügte sich mit den 300. Mk. . und der Erklärnng r-es Schwiegervaters zur Uebernahme der Schuld von 130 Mk., und die Trauung gieng vor sich. Wern. Die Regierungen von Bern und Aargau hatten bekanntlich das Schächten verboten. — Gegen dieses Verbot wurde von den israelitischen Gemeinden Beschwerde geführt, wobei diese geltend machten, das Schächten sei eine Cultushandlung, deren freie Ausübung durch die Bundesverfassung gewährleistet sei. Der Bundesrath acceptirte diesen Standpunkt und verfügte die Aufhebung des Schächtyerbotes. Gegen den bundesräthlichen Entscheid rekurrirten die Regierungen von Bern und Aargau an die Bundesversammlung, von dieser wurde aber der Rekurs abgewiesen, womit Höchstinstanzlich entschieden war, das Schächten sei im ganzen Gebiete der Eidgenossenschaft erlaubt. Mit dieser Niederlage wollten sich die ThiHchutzfreunde jedoch nicht zufrieden geben. Auf die antisemitischen Stimmungen nm