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Die Welt · 1913-11-07 · 45 (7.11.1913) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
45 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1536 Nr. 45 DIE^KELT zu religiösen Zwecken gehe auf das auch den Christen heilige alte Testament zurück! Es muß einen Sturm auf das Telephon der „Reichspost“ gegeben haben und die Geistlichkeit muß momentan eingeschritten sein, denn schon im Abendblatte desselben Tages war, recht auffällig gesetzt, folgender Widerruf zu „Die Meinung Rosanows ist bestimmt unzutreffend, und würde man ihr nachfolgen, so würde man sicherlich zu irrigen Schlüssen gelangen. So offen zutage liegt die Lösung des Ritualmord-Rätseln nicht. Das alte Testament hat damit gar nichts zu t u n.“ Und eine ganze Flut dummdreister Anschuldigungen und Märchen von „Geheimgesellschaften“, „fanatischen Sektierern“ usw. muß herhalten, um den Leser die im Morgenblatte mitgeteilten „Ritualmordvorschriften des alten Testamentes“ vergessen zu machen. Ernennung jüdischer Staatsbeamter in der Türkei Eine Anzahl jüdischer Studenten war vor Jahren von der türkischen Regierung nach Europa geschickt worden, um dort ihre Studien zu vollenden, und nach ihrer Rückkehr gewisse Staatsstellungen bekleiden zu können. Nach der Türkei zurückgekehrt, blieben die jungen Leute jedoch vorerst ohne Anstellung. Die Sache gelangte zur Kenntnis von Hussein Djahid Bey, einem Führer der Jungtürken und Herausgeber des „Tanin“, und dieser verurteilte in einem scharfen Artikel das Verhalten der Regierung. Der Artikel erregte so großes Aufsehen, daß bereits zwei Tage nach seinem Erscheinen das offizielle Nachrichtenblatt die Berufung mehrerer Juden in höhere Staatsstellungen mitteilte. Die Betreffenden erhielten höhere Richterposten, und einer von ihnen, Dr. Jakir Be har, der seine Studien an der Universität von Venedig abgeschlossen hat, wurde zum Professor an der kaiserlichen Handelshochschule und zum Mitglied des Kultusministeriums ernannt. Auf Ersuchen des italienischen Botschafters wird er außerdem an der italienischen Hochschule Vorlesungen halten. Prozentnorm auch an der Züricher Universität? An der Züricher Universität herrscht ein großer Andrang russisch-jüdischer Studenten, die infolge der bekannten Verhältnisse in Deutschland eine Zuflucht in der Schweiz suchen. Es liegen allein 170 Neuanmeldungen vor. Bereits zeigen sich nun auch hier die gewohnten Folgen: Ein großer Teil der russischen Studenten mußte vom Belegen von Plätzen besonders in den klinischen Instituten ausgeschlossen werden, und in der Tagespresse wird bereits die Frage nach Einführung der Prozentnorm aufgeworfen. Die „ritterliche4* Affäre eines Rabbiners Ein recht sonderbarer Vorfall trug sich unlängst in Debrecen zu. Beim dortigen Hilfsrabbiner Josef Frank erschien ein junger Universitätshörer in Begleitung zweier Freunde, um seinen Uebertritt vom Judentum zur katholischen Kirche anzumelden. Der Rabbi fragte den Taufkandidaten, ob er den Schritt, den er jetzt unternehme, wohl überlegt habe. Auf die bejahende Antwort erwiderte Frank: „Nehmen Sie, bitte, zur Kenntnis, daß die Apostasie die größte Charakterlosigkeit der Welt ist.“ Der Taufkandidat entfernte sich wortlos mit seinen Freunden, die nach einigen Minuten zurückkehrten, und zwar in der Eigenschaft als „Kartellträger“, um wegen der oben erwähnten Aeußerung Genugtuung zu fordern. Sie verlangten, daß Rabbi Frankl seine Aeußerung zurückziehe. Rabbi Frankl erklärte zuerst, weder etwas zurückziehen, noch weitere Aufklärungen erteilen zu wollen, da sein Ausspruch klar genug gewesen sei. Da verlangten die Zeugen, daß er erkläre, mit seinen Worten nicht beabsichtigt zu haben, ihren Mandanten in seiner persönlichen Ehre zu beleidigen. Der Rabbi bestand zuerst darauf, daß der Täufling diese Affäre auf gerichtlichem Wege austragen möge, er ließ sich jedoch später dennoch dazu bewegen, auch seinerseits Vertreter namhaft zu machen. Diese traten jetzt mit den Vertretern der Gegenseite in Verhandlungen, die damit endeten, daß die Vertreter des Rabbiners konstatierten, der Ausspruch ihres Mandanten habe die persönliche Ehrenhaftigkeit des Gegners nicht antasten wollen, während die Vertreter des Täuflings feststellten, daß es sich bei dieser Angelegenheit um eine Beleidigung religiösen Charakters handele, weshalb ein weiteres „ritterliches Verfahren“ nicht am Platze sei. Russische Drohung an Amerika Das neue amerikanische Zollgesetz, nach welchem für Waren, die unter der Flagge von Ländern anlangen, die keinen Handelsvertrag mit Amerika haben, ein Zollsatz von 5 ihres Nettowertes berechnet wird (der sogenannte „Flaggenzoll“), veranlaßt die Petersburger „Nowoje Wrem ja“ zu einem Artikel, in dem diese Maßregel als ein Angriff gegen Rußland und Frankreich bezeichnet wird, der sofort aufzuhören habe. Der russisch-amerikanische Handelsvertrag war bekanntlich von den Vereinigten Staaten vor der letzten Präsidentenwahl gekündigt worden. Die bisherigen Einnahmen zeigen nun, daß diese Kündigung die Vereinigten Staaten wahrscheinlich fünfmal mehr kosten wird als Rußland, da dies ungefähr dem Verhältnis des Warenaustauschs zwischen den beiden Ländern entspräche. „Nowoje Wremja“ fordert nun die Regierung auf, sofort ein Verbot der Einfuhr amerikanischer Waren nach Rußland zu erlassen. Der Artikel schließt folgendermaßen: „Die jüdischen Magnaten in den Vereinigten Staaten sind wohl mächtig, aber nicht allmächtig. Das amerikanische Volk beugt sich unter dem Joch, das ihm seine Finanz-Makkabäer auf erlegt haben. Ein kleiner Nasenstüber wird es vielleicht aus diesem traurigen Zustande von Apathie erwecken, der es veranlaßt hat, seine alten und bewährten Freunde, Rußland und Frankreich seinen jetzigen Herren zum Opfer zu bringen.“ Das russische Handelsministerium hat ein Komitee eingesetzt, das die Antwort Rußlands auf den neuen amerikanischen Zolltarif formulieren soll. Kleine Nachrichten An der Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden in Hamburg werden nach den bisherigen Meldungen mehr als 400 Delegierte aus allen Teilen des Reiches teilnehmen. In der letzten Plenarsitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes wurde Herr Dr. Max Grunwald zum Rabbiner des Leopoldstädter Tempels gewählt. Herr Dr. Grunwald hat im Vorjahre Palästina bereist und ist ein eifriger Anhänger der jungjüdischen palästinensischen Bestrebungen. In zahlreichen Vorträgen ist er für die Förderung des nationaljüdischen Palästinawerkes eingetreten. Anläßlich des Besuches des mährischen Statthalters Frhr. v. Regner-Bleyleben in Mähr. - Ostrau, wurden auch Deputationen der zionistischen Vereine empfangen. Der Statthalter, welcher einige Jahre Landespräsident der Bukowina war, zeigte sich über die zionistische Bewegung gut informiert. Der Vizedirektor des Departements für geistliche Angelegenheiten im russischen Ministerium des Innern, M. P a w- 1 o w, hat wegen seiner angeblich judenfreundlichen Haltung seine Entlassung bekommen. — Dasselbe Ministerium weigert sich auch, die Ernennung von M. Katuar als Bürgermeister von Moskau zu bestätigen, weil er von französischen Juden abstammt. Schließlich hat das Ministerium den Befehl erlassen, daß Juden, die Grundeigentum auf dem Gebiet der Messe von Nischni-Nowgorod besitzen, dasselbe binnen einem Jahres zu verkaufen haben.

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