Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 45 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 45 DIE LT 1535 türkischen Regimes niemals zuteil wurde. Aus einem ganz harmlosen Vorgang, der sich am jüngsten jüdischen Neujahrsfeste zutrug, wo jüdische Frauen in der Synagoge sich gegen das grelle Sonnenlicht durch Verhängen der Fenster mit — türkischem Flaggentuch schützten, machte die griechische Gendarmerie Salonikis eine politische Affäre, nahm Verhaftungen in der Synagoge vor, und die gesamte griechische Presse bemächtigte sich des Vorfalls, um über die jüdische Bevölkerung in gehässigster Weise herzufallen, ohne von den Behörden, die den ganz unschuldigen Hergang der Sache kannten, in die Schranken gewiesen zu werden. Ein anderes Beispiel: Aus Anlaß des schändlichen Kiewer Ritualmordprozesses wollten die jüdischen Vereine Salonikis eine öffentliche Protestversammlung einberufen, die Polizeibehörde verbot jedoch die Abhaltung der Versammlung mit der Begründung, es handele sich hierbei um eine politische Demonstration gegen eine befreundete auswärtige Macht . . . Unter solchen Umständen ist es nicht zu verwundern, wenn die Juden Salonikis auch den bestimmtesten offiziellen Erklärungen äußerstes Mißtrauen entgegensetzen und auf die künftige Gestaltung ihrer Lage in der Stadt, wo sie seit Jahrhunderten die Majorität der Bevölkerung bilden, mit großer Besorgnis blicken. Eine Interpellation im österreichischen Abgeordneten hause Die jüdischen Abgeordneten Dr. Straucher und Reizes brachten eine Interpellation ein, die darauf hin weist, daß der Beilis - Prozeß „von den ruchlosen Anstiftern, durch eine entartete reaktionäre Presse und massenhaft verbreitete Flugblätter zur Aufreizung der russischen Massen, zu Veranstaltungen von Pogromen gegen die in Rußland wohnenden Juden benützt wird". Die Interpellation erinnert an die Intervention des k. u. k. Ministeriums des Aeußem in Serbien, die verhütet hat, daß Tausende von Menschen in Albanien, die durch Kriegsgreuel und Massakers bedroht waren, hingemordet wurden und fährt fort: „Für Tausende und aber Tausende unschuldiger Juden aber soll sich keine Stimme erheben, keine Hand rühren, kein menschliches Mitgefühl geltend machen? Soll es denn auf dieser großen, weiten W eit kein Forum geben, das zur Hilfe und zum Schutze für das bedrohte Leben unschuldiger Menschen angerufen werden könnte? Ueberzeugt, daß sich im österreichischen Abgeordnetenhause, dieser Vertretung zahlreicher großer und kleiner Volksstämme, Nationen und Bekenntnisse, viele gerecht und warm fühlende Volksabgeordnete finden, — welche auf die Stimme der Vernunft, Aufklärung und Humanität hören, richten die Unterzeichneten an die k. k. Gesamtregierung die folgende Anfrage: Ist dieselbe geneigt, im geeigneten Wege bei dem k. u. k. Minister des Aeußem dahin zu intervenieren, damit dieser die Aufmerksamkeit der kaiserlich russischen Regierung auf die den Juden in Rußland drohenden schweren Gefahren mit der dringenden Vorstellung lenke, rechtzeitig wirksame Maßnahmen zu deren Abwendung zu treffen?“ Folgende nichtjüdische Parlamentarier haben die Interpellation unterfertigt: Breiter, Stefan yk, Dr. Lahodynsky, Dr. Baczynski, Lauruk, Nemec, Chorwat, Tusar, Prokesch, Filipinski, Svecenv, Swoboda, Bechyne. Ein jüdischer Purischkewitsch Während einer Verhandlung vor dem Landesgericht in Lemberg erklärte ein jüdischer Advokat, Dr. Alexander Klaffen, als Vertreter angeblich beschädigter Bauern gegen Juden, die des Meineides angeklagt waren, daß die jüdische Religion und die jüdische Solidarität den Meineid gestatten, wenn es sich um die Rettung eines Juden handelt. Um gegen diese schändliche Verleumdung Stellung zu nehmen, fand im Sitzungssaale der Lemberger Advokatenkammer am 23. November eine Versammlung jüdischer Advokaten statt, die eine sehr starke Beteiligung aufwies. Eingeleitet wurden die Beratungen durch Dr. Zipper. Der beschuldigte Dt. Klaften versuchte seine Worte „umzudeuten.“ Der Referent Dr. Reich stellte jedoch den Sachverhalt klar. In einer Resolution wurde das unverantwortliche Vorgehen Dr. Klaftens auf das schärfste verurteilt. Wahlreform auf Kosten der Juden Aus Lemberg wird uns geschrieben: Die Bemühungen, zwischen den polnischen Parteien Galiziens eine Einigung in der Landtagswahlreformfrage herbeizuführen, und dann auch die Zustimmung der Ruthenen zu gewinnen, werden vom Statthalter fortgesetzt. Die Verhandlungen werden in Wien geführt. Das Zustandekommen des polnisch-ruthenischen Ausgleichs soll wiederum auf Kosten der Juden geschehen. Die Grundlage bildet der Entwurf des früheren Statthalters Bobrzynski. Polen und Ruthenen sollen in Ostgalizien mehr Mandate bekommen. Bei diesen Verschiebungen soll die Zahl der Wahlkreise mit jüdischer Majorität noch weiter geschmälert werden. Zwar sollen Kolomea, Stanislau, Przemvsl, Tarne w auf Grund des Proportionalwahlsystems je zwei Abgeordnete entsenden, wodurch wenigstens für diese Städte eine jüdische Vertretung gesichert wäre, doch setzt Dr. Loewenstein Himmel und Erde in Bewegung, um die Juden auch dieser Rechte zu berauben. - Am 30. Oktober hat der einzige wahrhaft jüdische Abgeordnete aus Galizien, Heinrich Reizes, beim Statthalter Korytowski vorgesprochen, und ihm die Postulate der galizischen Juden in der Wahlreform frage vorgelegt. Abg. Reizes hat sich gegen das geplante Attentat auf jüdische Rechte verwahrt, und forderte, daß die Regierung wirkliche jüdische Politiker befrage. Es wird Sache des Zentralkomitees der Zionisten Galiziens sein, beim Statthalter in dieser Angelegenheit wiederum vorstellig zu werden und hierbei auch darauf hinzuweisen, daß die jüdische Bevölkerung Galiziens von den wirtschaftlichen Katastrophen stark getroffen wurde, und daß die Millionen, mit denen die Regierung die Not zu lindem sucht, auch jüdischen Steuergeldern entstammen. Eine Engleisung der Wiener „Reichspost“ Das Wiener antisemitische Organ, die „Reichspost“, beobachtet in Sachen der Beilis-Affäre eine infame, aber wiederholt bewährte Taktik. Sie mimt heilige Entrüstung über die Korruption der Juden, welche „eine Art Generalunschuldserklärung für alle des Christenmordes aus Fanatismus angeklagten Juden der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ erpressen und erkaufen möchten und warnt die Völker und Staaten Europas, „den Hebräern eine Ausnahmsjustiz zu gewähren“. Dies wird täglich in allen Tonarten und mit fetten Lettern wiederholt — um dann anschließend die niederträchtigsten, längst entlarvten Lügen über den Ritualmord nachzudrucken. Selbstverständlich wird der aus den schmutzigsten Quellen stammende Stoff nicht erst gesichtet, sondern der „Journaille“ zur Präparierung überantwortet. Da ist es nun dieser streng katholischen Zeitung passiert, daß sie die Ausführungen R o s a n o w s übernahm, der „nachwies“, der Ritualmord sei schon in der Bibel enthalten und als religiöser Akt erlaubt. Man denke: Das Blatt der katholischen Christenheit behauptet, der Mord und Blutgenuß